Meinungen Hohle Worte

Gert Böhm zur Krise der Glaubwürdigkeit Quelle: Unbekannt

"Worte belehren, Beispiele begeistern", sagt eine alte Volksweisheit - und drückt aus, dass Vorbilder überzeugender sind als tausend schlaue Reden. Wie aktuell diese Erkenntnis heute ist, hat, zum Beispiel, die Affäre um den gescheiterten Bundespräsidenten Wulff gezeigt.

"Worte belehren, Beispiele begeistern", sagt eine alte Volksweisheit - und drückt aus, dass Vorbilder überzeugender sind als tausend schlaue Reden. Wie aktuell diese Erkenntnis heute ist, hat, zum Beispiel, die Affäre um den gescheiterten Bundespräsidenten Wulff gezeigt. Der Mann, der im höchsten Staatsamt auch Vorbild sein sollte, hatte nach einem wochenlangen "Ethik-Slalom" voller merkwürdiger Rechtfertigungen jede Glaubwürdigkeit verloren. Am Ende wirkte Wulffs Rücktritt wie eine Erlösung - und machte Platz für einen Neubeginn. Vom Nachfolger Gauck erwarten die Deutschen nicht nur smarte Sprüche, sondern auch eine Grundhaltung, die mit den Worten übereinstimmt. Denn erst die Einheit von Wort und Tat, von Herz und Verstand macht einen Menschen zum Vorbild.

Im gegenwärtigen Informationszeitalter haben Worte Inflation, aber die dazu gehörenden Handlungen werden immer seltener. Das gilt für Kikeriki-Politiker ebenso wie für größenwahnsinnige Manager, für gedopte Sportler oder Bühnenstars - und in vielen Familien leider sogar für Eltern, die ihren Kindern kein wirkliches Vorbild sind. Dabei stehen die Mutter und der Vater in der Hitliste der Leitfiguren immer noch unangefochten auf den Plätzen eins und zwei. Das beginnt schon beim Kleinkind, das unbewusst die Verhaltensweisen seiner engsten Bezugspersonen übernimmt. Dank der Erfahrungen im eigenen Leben fallen die meisten Erwachsenen auch später nur selten auf falsche Leitbilder herein. Nicht der Fußball-Millionär im protzigen Sportwagen oder merkwürdige TV-Promis wie Dieter Bohlen & Co werden zu Vorbildern, sondern - das bestätigen Umfragen immer wieder - charismatische Persönlichkeiten, deren Leben von ganz anderen Grundsätzen geprägt ist.

In unserer Leistungsgesellschaft klingt die Forderung nach einer anständigen Lebensführung ziemlich altmodisch. Authentische Menschen wie der Dalai Lama, der greise Nelson Mandela oder der Amerikaner Al Gore, aber auch verantwortungsbewusste Wissenschaftler und glaubwürdige Unternehmer werden gerne als "Gutmenschen" belächelt, weil sie Botschaften verkünden, die scheinbar nicht in unsere kommerzialisierte Welt passen. Ihr Appell, Verantwortung zu übernehmen, richtet sich natürlich nicht nur an Präsidenten und andere "hohe Tiere", sondern vor allem an die Millionen einfacher Menschen, die in ihrem unmittelbaren sozialen und familiären Umfeld beispielhaft wirken können - und es tun.

"Wasser predigen und Wein trinken", heißt es in einem Sprichwort. Es beklagt, dass viele Menschen zwar ständig gute Ratschläge erteilen, sie aber in ihrem eigenen Leben nicht befolgen. Man kennt das Beispiel von dem Vater, der seinen Kindern eine Moralpredigt hält, weil sie zu lange fernsehen, aber selber jeden Abend bis Mitternacht vor dem Bildschirm hockt. Ähnlich unglaubwürdig ist auch der Arzt, der seinem fettleibigen Patienten mehr Bewegung verordnet, doch nichts gegen das eigene Übergewicht unternimmt.

Zur viel gerühmten Authentizität im Leben gehört es, dass Reden und Handeln übereinstimmen - eine Erkenntnis, die in allen Religionen und Weisheitslehren als hoher Wert gilt. In unserer anonymen Welt sind die Worte hohl geworden. Umso wichtiger ist es, sich an Vorbildern zu orientieren - im Verein und am Arbeitsplatz, in der Familie und in der Politik. Dann lassen sich Toleranz und Solidarität, Hilfsbereitschaft und das gute Maß, Fairness und Zivilcourage, Zuverlässigkeit, Leistungsbereitschaft und Verantwortungsbewusstsein eher erlernen als aus schlauen Büchern und Sonntagsreden.

 

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