Meinungen Klaffende Wunde

Herbert Wessels über Rassismus in den USA Quelle: Unbekannt

"Einmal mehr starren wir in diesen Abgrund der Gewalt, die wir uns antun, und betrachten diese klaffende Wunde des Rassismus, die einfach nicht heilen will - und dennoch tun wir so, als existiere sie nicht."

Präziser kann man kaum ausdrücken, was zumindest die liberal gesinnten US-Amerikaner bewegt, seit am Mittwochabend ein junger weißer Mann neun schwarze Menschen in der Emanuel African Methodist Episcopal Church in Charleston, South Carolina, erschossen hat. Einfach so. Nach dem Gebet. Mit einer Waffe, die er zu seinem 21. Geburtstag von seinem Vater geschenkt bekommen hatte.

Das Zitat ist übrigens nicht von Barack Obama, sondern von dem Late-Night-Moderator Jon Stewart, der die politische Lage in den USA sonst mit scharfem Witz kommentiert. Obama hängte seiner präsidialen Trauer und Wut resignierend den Satz an: "Ich musste solche Statements viel zu häufig abgeben." Daran wird sich nichts ändern, auch nicht bei seinen Nachfolgern im Weißen Haus. Der Rassenhass ist speziell in den Südstaaten allgegenwärtig. Der "Südstaatenstolz" besteht darin, die Niederlage der Konföderierten im Bürgerkrieg und damit die Abschaffung der Sklaverei auch nach 150 Jahren
noch nicht zu akzeptieren. So weht denn vor dem Kapitol von South Carolina aus Gründen der "Tradition" die Konföderierten-Flagge und wird jetzt keineswegs auf Halbmast gesetzt.

Amerika, Du hast es besser? Goethe, als er das behauptete, wusste nichts von Hass und Gewaltbereitschaft, die in der US-amerikanischen Gesellschaft seit jeher quasi verankert sind. Oder er wollte nichts davon wissen. Denn das alte Europa hat sich stets blenden lassen von den vermeintlichen und auch tatsächlichen Möglichkeiten freiheitlichen Lebens jenseits des Ozeans. Was sich im schmerzhaften Schatten der Freiheit abspielte, taugte eher für Romane und Filme, in denen der humanistische Ansatz gerne den Sieg davontrug.

"I have a Dream", der legendäre Satz, die flammende Hoffnung von Martin Luther King, wird gerne zitiert, aber fünf Jahre nach dieser Rede, 1968, wurde King erschossen. Das Bürgerrechtsgesetz gab es da schon, aber viel mehr als das Papier war es, jedenfalls in den Süd- und Mittelweststaaten der USA, kaum wert. Natürlich hat sich seitdem einiges zum Besseren gewendet. Aber den Ku-Klux-Klan gibt es immer noch, und nicht nur er sorgt dafür, dass Rassisten eine sichere Heimstatt finden. Die Freiheit eines jeden US-Bürgers, sich zu bewaffnen, gilt immer noch fast uneingeschränkt. Gegen die Waffen-Lobby und ihre aus europäischer Sicht teils abstrus-idiotischen Argumente wird es wohl nie eine Mehrheit im Kongress geben.

Dazu passt ein aktueller Bericht von Amnesty International, nach dem in keinem der 50 US-Bundesstaaten die gesetzlichen Vorgaben zur Anwendung von tödlicher Gewalt durch Polizisten, sofern überhaupt vorhanden, den internationalen Menschenrechtsstandards entsprechen. Dass unverhältnismäßig oft Afroamerikaner der Polizeigewalt zum Opfer fallen, gehört zwar längst zum Allgemeinwissen, aber auch Fälle wie der in Ferguson vor einigen Monaten ändern nichts an der Realität, jenem "Abgrund von Gewalt", jener "klaffenden Wunde des Rassismus, die einfach nicht heilen will". Weil sie nicht oder nur unzureichend behandelt wird. Und weil zudem Dummheit und Borniertheit - leider auch in Europa, auch in Deutschland - nicht zu heilen sind.

 

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