Eine "bombastische Gestalt" nennt ihn Kardinal Reinhard Marx: Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz erkennt Martin Luther als "beeindruckenden Gottessucher" an. Und längst plädiert Papst Franziskus dafür, die "Absichten der Reformation ehrlich neu zu bewerten". Was geht da vor? Mutieren die Katholiken aller Länder zu überzeugten Lutheranern? Das denn doch nicht. Aber die Schlussrunde der "Lutherdekade" kurz vorm Gedenkjahr 2017 erweist greifbar, was sich seit Jahrzehnten immer deutlicher abzeichnet: Die Konfessionen, nicht zuletzt im deutschen Herzland der Reformation, laufen auf parallelen Wegen, wenn schon nicht im Gleichschritt. Sie stehen ja auch unter Druck. Für die Protestanten gilt es, den 500. Jahrestag des sogenannten Thesenanschlags zu feiern: Am 31. Oktober 1517 veröffentlichte der 36-jährige Martin Luther als gut katholischer, allerdings barsch kritischer Mönch in Wittenberg seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel, womit er die Unantastbarkeit der Kirche infrage stellte. Und die Katholiken müssen einen Weg finden, sich zu dem Gedenktermin brüder- und schwesterlich zu verhalten; leicht fällt das nicht, können sie doch den Jahrestag des Kirchen-Schismas schwerlich als Jubiläum, also Freudenfest verstehen.