Die Welt gibt Laut. Immer, überall. Selbst wenn wir meinen, alles um uns her zum Schweigen gebracht zu haben - Totenstille, Grabesruhe kommt allein im All vor, weil sich ausschließlich dort, in Ermangelung jeglicher Atmosphäre, buchstäblich kein Lüftchen regt. Die Welt ist laut; und auch durch Lärm verschmutzen wir unsere Umwelt. Kein Wunder, dass jetzt eine Umfrage ergab: Fast die Hälfte von uns zivilisationsabhängigen, zivilisationsmüden Zeitgenossen sehnt sich nach mehr Ruhe bei der Arbeit und daheim. Vor konversierenden Kollegen und nölendem Nachwuchs zieht sich der brave Bürger darum gern an Stätten der Kunst zurück. Wenig dienlich sind ihm allerdings Kinos, in denen immer irgendeiner mit der Chipstüte raschelt; und auch im Theater stören Schwätzer, Huster, Bonbonknisterer, vornehmlich dann, wenn's hübsch leise wird. Eher lässt die weihevolle Aura von Museen und Galerien unsere Mitmenschen verstummen, erst recht die erbauliche Heiligkeit kostbarer Sakralarchitektur. Musik indes "wird oft nicht schön gefunden, / Weil sie stets mit Geräusch verbunden", warnte schon Wilhelm Busch. Ausgerechnet zur Weihnachtszeit, wenn wir von der "Stillen Nacht" singen, fällt sie fortdauernd und oft erheblich phonstark über unsere Ohren her. Dabei räumt keine Kunst der Stille so ausdrücklich Geltung ein wie die Tonkunst: Fast so hoch wie den Klang schätzt sie die Pause. Und die komponierte kein Tonsetzer konsequenter aus als der US-Amerikaner John Cage im Jahr 1952: Sein 4'33'' betiteltes Stück umfasst drei Sätze, alle mit tacet, er/sie/es schweigt, überschrieben; den oder die Musiker stellt es vor die anspruchsvolle Aufgabe, während regloser vier Minuten und 33 Sekunden keinen einzigen Ton zu erzeugen. Für Sologeiger oder -pianisten eignet sich das radikale Werk, aber noch eindrucksvoller interpretieren es Kammerensembles oder Festspielorchester: Dann offenbart sich das Schweigen vollends als Harmonie.
Meinungen Ruhe, bitte!
Von Michael Thumser 14.08.2015 - 00:00 Uhr