Mit Video Jugendorchester Rödental probt online

So sieht derzeit die Probe beim Jugendorchester Rödental aus. Foto: Screenshot/Jugendorchester

Gemeinsam Musik machen in einem Zoom-Meeting? Geht! Und zwar jeden Freitagabend beim Jugendorchester Rödental. Dirigent Tim Eller hat die Idee erfolgreich umgesetzt.

Rödental - Seit 2017 ist Tim Eller der musikalische Leiter und Dirigent des Jugendorchesters Rödental. Wenn er Freitagabend zur Probe bittet, dann kommen zwischen 20 und 30 Musiker in die Räume in der Domäne – mit Trompeten, Klarinetten, Tuba, Tenorhorn und sogar Fagott im Gepäck. Als „Juwel in der Musiklandschaft“ wird das Jugendorchester der Stadt gerne bezeichnet. Doch auch an ihnen ist Corona nicht spurlos vorbei gegangen und das fängt schon bei den Proben am Freitagabend an.

„Im Sommer haben wir die nach draußen verlegt und mit viel Abstand gespielt“, erinnert sich Tim Eller. Doch je weiter das Jahr vorrückte, um so schwieriger wurde das. „Wir proben bis 20.30 Uhr. Doch um acht waren die Noten schon nicht mehr zu sehen“, erzählt er. Dank Unterstützung der Stadt durften die Musiker in das ehemalige Gebäude von Living-Glas in Rödental ziehen. Doch auch hier war dann Schluss, als die Infektionszahlen überall im Land rasant in die Höhe stiegen.

Gutscheine für die Zeit nach Corona

Seitdem treffen sich Tim Eller und die Musikerinnen und Musiker des Jugendorchesters wieder online. „Wie schon im ersten Lockdown zu einem Stammtisch“, verdeutlicht er. Dabei wird sich ausgetauscht, Spiele gespielt und schon an die Zeit nach Corona gedacht. „Es gibt Pizza-Gutscheine zu gewinnen, die wir dann einlösen, wenn wir uns wieder sehen können“, so Tim Eller.

So richtig gereicht hat das den Mitgliedern aber irgendwann nicht mehr. „Ich wollte daher sicherstellen, dass niemand die Freude an der Musik verliert“, bekennt der Dirigent. Und so hat der 31-Jährige ein mutiges und vor allem für ihn zeitaufwendiges Projekt gewagt: Seit gut zwei Wochen probt er mit seinem Orchester wieder wie jeden Freitagabend ab 18.30 Uhr – allerdings derzeit komplett digital.

„Die Idee hatte ich schon länger, aber mir hat noch der letzte Schubs gefehlt“, gibt er zu. Den bekam er bei einem Workshop eines Bekannten aus Regensburg, der sich als Dirigent ebenfalls mit dem Thema Online-Proben auseinandergesetzt hat. „Dessen Konzept war der Ruck, den ich gebraucht habe.“ Vor allem die Kombination aus Technik und Methodik hätte ihn überzeugt.

Anfang Januar lädt er seine Mitstreiter zum ersten Mal über die Plattform Zoom zur Probe ein. Das besondere: Alle Teilnehmer, die sich zuschalten, müssen ihr Mikrofon ausschalten. Heißt: Niemand aus dem Orchester hört, was der andere spielt – auch Tim nicht. Der jedoch gibt an alle gleichzeitig zu Beginn einen Ton zum Stimmen der Instrumente aus und dann Musik, die die Teilnehmer wiederum über ihre Kopfhörer aufnehmen und dazu spielen. Ob das dann überhaupt eine Probe im klassischen Sinn ist? „Uns hat das gemeinsame Musikmachen und die Arbeit im Orchester gefehlt. Alles ist daher besser als nichts“, verdeutlicht er.

Die Musik, die das Orchester auf die Kopfhörer bekommt, sind eigene Aufnahmen der Formation oder Stücke, die Tim oder andere Musiker am Klavier eingespielt haben. Damit die Werke bei den Proben nicht einfach nur schnell durchgespielt werden – das Orchester verfügt über eine Mappe mit rund 200 Stücken – hat Tim die Aufnahmen geschnitten und mit Anmerkungen versehen. „Ich unterbreche an gewissen Stellen, um auf Besonderheiten hinzuweisen. So bekommen wir auch das Probengefühl“, verdeutlicht er. Für den Dirigenten heißt das allerdings, es gibt schon im Vorfeld jede Menge zu tun. „Der Aufwand ist viel höher als früher. Ohne Software- und Schnittkenntnisse geht nichts.“

Musik aus dem Rathaus

Auch an der Probendauer musste Tim Eller drehen. Ursprünglich waren es zwei Stunden, „das verkürzen wir nun auf 20 Uhr weil viele in einer Mietwohnung wohnen und nicht ewig lange spielen dürfen. Der ein oder andere hat tagsüber auch schon Online-Musikunterricht“, begründet er. Tim selbst sitzt übrigens nicht zu Hause, sondern in einem Raum im Rathaus Rödental. „Den hat uns der Bürgermeister zur Verfügung gestellt, weil hier das Keyboard stehen bleiben kann und niemanden stört“, erklärt er. Ohnehin sei das alles nur durch die große Unterstützung der Stadt Rödental möglich. „Wir sind da sehr dankbar.“

Die Resonanz auf die Online-Proben sei durchweg gut. „Alle freuen sich, dass wir endlich wieder zusammen Musik machen können“, sagt Tim. Und jene, die nicht per Video dabei sein wollen oder nicht über Zoom verfügen, würden sich sogar einfach per Telefon zuschalten und so mitspielen, freut er sich.

Das digitale Engagement des Jugendorchesters Rödental ist übrigens keine einmalige Sache. Schon Ende 2020 hatten die Mitglieder Ideenreichtum bewiesen und im Internet auf sich aufmerksam gemacht. Weil das traditionelle Weihnachtskonzert des Musikvereins ausfallen musste und dem Orchester so ihr großer und geliebter Auftritt vor 700 Menschen in der Franz-Goebel-Halle verwehrt blieb, hatten sie unter dem Namen „La Familia Musica“ ein Crowdfunding-Projekt ins Leben gerufen und mit einem Video um finanzielle aber auch ideelle Unterstützung für die Musik in Rödental gebeten. Mehr als 7000 Euro kamen so zusammen. „Schon nach ein paar Stunden waren 1000 Euro erreicht“, erinnert sich Tim Eller. Von dem Geld werden jetzt „La Familia Musica“ Shirts gedruckt, die alle Unterstützer dann beim nächsten Weihnachtskonzert tragen sollen. Der Rest des Geldes geht an den Kinderschutzbund Coburg.

 

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