Muggenbacher Tongrube Eine „Arche Noah“ für viele Tiere

Von recht karger Schönheit, aber ökologisch überaus bedeutsam: Dieses Areal bei Muggenbach sollte Ende der 1980er-Jahre einer Mülldeponie zum Opfer fallen. Doch aus den Tongruben (hier die Rote Grube) wurde 2000 ein Naturschutzgebiet. Gerade an den Abbruchkanten und in den sandigen Böden finden sich seltene Tier- und Pflanzenarten, wie Biogeograf Klaus Mandery (auf dem Stamm) bei einem Rundgang zahlreichen Interessierten erläuterte. Foto: Knauth

Seit 21 Jahren gibt es das Naturschutzgebiet bei Seßlach. Dabei war dem Areal einst ein ganz anderes Schicksal bestimmt.

Muggenbach - Es sollte nur ein provisorisches Fest werden, zum „20 plus 1“-Jubiläum des Naturschutzgebietes „Tongruben bei Muggenbach“. Doch die vom Eigentümer, dem Bund Naturschutz (BN) in Bayern, angekündigten Exkursionen in das Relikt einer artenreichen Kulturlandschaft des 19. Jahrhundert lockten kürzlich knapp 100 Interessierte in den Seßlacher Stadtteil, darunter viele Vertreter der ehemaligen Bürgerinitiative, die das Areal im Jahr 2000 vor seinem Schicksal als Restmülldeponie bewahrten.

„Heute ist es unbestritten, dass wir es hier mit einem landes- bis bundesweit bedeutsamen Lebensraum zu tun haben“, stellte BN-Ehrenvorsitzender Hubert Weiger gleich zu Beginn eines Pressegesprächs klar. Weiger, der ebenfalls in die Rettung der Tongruben involviert war, erinnerte daran, dass es noch in den 1970er-Jahren schwer gewesen sei, „seine Stimme für die Natur zu erheben, erst recht im benachteiligten Grenzraum“. Der „Müllverbrennungslobby“ sei der Standort ideal erschienen, wegen der gesicherten Tonbereiche, seiner Abgeschiedenheit und eines einzigen Besitzers, dem Grafen Alram zu Ortenburg. Statt nach transparenten und objektiven Kriterien zu urteilen, sei es allein darum gegangen, den Standort rasch durchzusetzen. Begründungen würden in solchen Fällen erst später nachgeliefert, beklagte der Naturschützer. „Nicht immer hatte die Umwelt das Glück, dass es Engagierte im Umfeld gibt, die sagen: Das kann doch nicht wahr sein!“, so Weiger.

Aus der Keimzelle rund um die Ehepaare Marianne und Helmut Krüg sowie Gabriele und Ingo Rickhaus entwickelte sich ab 1987 die „Schutzgemeinschaft Muggenbach“ mit rund 300 Mitgliedern. Ihr Gegner: der Müllzweckverband Nordwest-Oberfranken (ZAW). Dieser versuchte Weiger zufolge, „seine erste Fehlentscheidung für den Standort durch amtliche Gutachten zu untermauern“. „Wer hat etwas davon?“, fragte dagegen die Bürgerinitiative. Zu deren harten Kern zählte der Künstler Wolfgang Schott, der Plakate entwarf. Protesttafeln an der B 303 zwischen Oberelldorf und Neundorf wurden aufgestellt. Unterstützung leistete auch die damalige Coburger BN-Vorsitzende Rita Poser.

Doch erst als der neue Seßlacher Forstbeamte Roland Günter, ein passionierter Naturfotograf, seltene Wildbienen- und Wespenarten in den Tongruben entdeckte, wendete sich das Blatt. Klaus Mandery (Ebern) wies in der Folge 225 Hautflügler-Arten in den Gruben nach, darunter 79 Rote-Liste-Arten. Eine Sensation bedeutete vor allem die hier 1995 entdeckte Grabwespe Psen exeratus, zum ersten Mal in Bayern. Vehement sprachen sich dann namhafte Wissenschaftler für den Erhalt des Areals aus. Auch Libellen, Vögeln und Amphibien biete „die zentrale Arche-Noah-Stätte“ ideale Bedingungen, so Weiger. Für eine Deponie seien die Tongruben „der falscheste der falschen Standorte“ gewesen.

Hätte der BN das heute 27 Hektar große Areal nicht ankaufen können, sähe es heute anders aus, führte Stefan Beyer, Vorsitzender der BN-Kreisgruppe Coburg, aus: „Die wertvollen Offenland-Standorte wären verschwunden, das Gelände hätte sich Richtung Wald entwickelt.“ Um der Verbuschung vorzubeugen, sind regelmäßige Pflegemaßnahmen notwendig. Die derzeitige Beweidung mit Schafen und Ziegen will man auf die Graue Grube ausdehnen. Beyer: „Es ist ein ständiger Kampf gegen die natürliche Sukzession.“ Darin eingebunden ist seit 2017 auch der Zweckverband Grünes Band. In das „Mosaik aus verschiedenen Standorten“, zu denen etwa Ton- oder Sandböden und Kleingewässer gehören, wanderten Arten aus der umgebenden Kulturlandschaft ein. „Auch die Masse an Blüten und Blütennutzern nahm zu“, stellte Mandery bei seiner jüngsten „Erfolgskontrolle“ fest.

Mehr als die pollennutzenden Bienen kommen Wespen in den Tongruben vor. Gern verstecken sie sich in den sandigen Böden, oft unter Heidekraut. „Aber weil sie nicht geschützt sind, müssen wir noch mal so gut sein, um mit ihnen einen Stich zu machen“, erläuterte Mandery seiner Gruppe während eines Rundgangs durch die Rote Grube. Auch immer mehr Bienen fänden in das Areal, wie er festgestellt hat. Sie bevorzugen die tonhaltigen Böden. „Und in Nordspanien warten noch 1400 andere Arten darauf, dass es bei uns noch wärmer wird“, ergänzte er. Auch wenn er die Ergebnisse seiner Wiederholungskartierung erst 2022 vorstellen wird, steht für den Eberner außer Frage, dass das Handeln vor über 20 Jahren richtig war. Mandery: „Durch das Zusammenwirken vieler Engagierter konnten wir dieses einzigartige Refugium erhalten.“

 

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