Nahverkehrsstudie Hier nützt auch das 9-Euro-Ticket nichts

Vom 9-Euro-Ticket profitieren nicht alle Menschen in Deutschland gleichermaßen. Foto: picture alliance/dpa/Marijan Murat

Die Menschen in den Haßbergen haben es geahnt, nun haben sie’s schwarz auf weiß: Nach einer deutschlandweiten Studie der „Allianz pro Schiene“ schneidet der Landkreis beim Thema ÖPNV besonders schlecht ab.

Auf Sylt hat man bereits Schnappatmung. Die nordfriesische Nobelinsel könnte im Sommer noch mehr Touristen anziehen als sonst – weil vom 1. Juni bis zum 31. August Fahrgäste in Deutschland für nur jeweils 9 Euro pro Monat mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren können, rechnet man mit erhöhten Besucherzahlen. Von Hamburg zum Schnäppchenpreis mal kurz ans Meer – in greifbarer Nähe. Die Hamburger profitieren aber auch sonst vom vergünstigten Ticketpreis, der im Rahmen des Entlastungspakets der Bundesregierung beschlossen wurde: Schließlich haben sie einen bestens ausgebauten öffentlichen Nahverkehr.

Die „Flop 10“

Vom 9-Euro-Ticket profitieren nicht alle Menschen in Deutschland gleichermaßen: Was sich jeder Pendler in den Haßbergen vermutlich leise schon gedacht hat, untermauert nun eine aktuelle Studie. Nach einer deutschlandweiten Erreichbarkeits-Auswertung der gemeinnützigen „Allianz pro Schiene“ schneiden bayerische Landkreise beim Bus und Bahnangebot besonders schlecht ab: Sieben der zehn unterversorgtesten Landkreise liegen in Bayern – darunter auch die Haßberge. Negativ-Spitzenreiter im bundesweiten Vergleich sind die Landkreise Dingolfing-Landau, Straubing-Bogen (beide Niederbayern) und Cham (Bayerischer Wald). So haben laut der Auswertung im Landkreis Dingolfing-Landau nur 29 Prozent der Bevölkerung Zugang zu einem Basisangebot an Bus und Bahn, im Landkreis Straubing-Bogen sind es 39 Prozent. Zum Vergleich: Im Bundesdurchschnitt aller 401 Landkreise und kreisfreien Städte verfügen 91,4 Prozent der Menschen über eine Grundversorgung mit öffentlichem Nahverkehr. In den „Flop 10“ liegen auch die Haßberge: 53,47 Prozent sind es hier, besser als die Niederbayern, aber immer noch weit vom Durchschnitt entfernt.

„Während sich die Menschen etwa in Hessen und Nordrhein-Westfalen auf das Sonderangebot freuen dürfen, werden viele in Bayern und Mecklenburg-Vorpommern in die Röhre gucken“, so der Geschäftsführer der Allianz pro Schiene, Dirk Flege, am Donnerstag in Berlin. Zahlreiche Landkreise im ländlichen Raum seien praktisch abgehängt, insbesondere in Bayern – und profitieren entsprechend auch kaum vom 9-Euro-Ticket.

Die Unterversorgung mit Bus und Bahn liegt laut Allianz pro Schiene nicht nur an der geringen Bevölkerungsdichte. So hätten die zehn Landkreise mit der geringsten Bevölkerungsdichte allesamt ein besseres Bus- und Bahnangebot als die „Flop-10-Landkreise“. Die 9-Euro-Ticket-Aktion des Bundes bringe damit gleichzeitig auch die großen Unterschiede beim deutschen Bus- und Bahnangebot ins Bewusstsein. Das Fazit für Allianz-Geschäftsführer Dirk Flege: „Nach Ende der auf drei Monate befristeten Preisoffensive muss der Bund gemeinsam mit den Ländern und Landkreisen eine Angebotsoffensive starten. Erst, wenn es flächendeckend ein attraktives Bus- und Bahnangebot gibt, steigen die Menschen dauerhaft um.“ Für Pendler sei es sicher toll, dass sie drei Monate sehr günstig fahren könnten, meint auch Eberns Bürgermeister Jürgen Hennemann (SPD): „Aber ob sich damit Leute dauerhaft zum Umsteigen auf Bus und Bahn bewegen lassen, ist fraglich.“ Auf dem Land würden nun einmal die Querverbindungen und das Liniennetz in der Fläche fehlen. So ist beispielsweise Ebern sehr gut an den Verkehrsraum Nürnberg angebunden mit einer Bahnverbindung im 60-Minuten-Takt, da muss man aber von den Ortsteilen aus erst einmal hinkommen.

Die Spitzenreiter

An der Spitze der Erreichbarkeits-Liste liegt einigermaßen überraschend der hessische Main-Taunus-Kreis: 99,47 Prozent der Menschen hier haben laut Allianz-Auswertung Zugang zu einem Basis-Angebot von Bus und Bahn. Das Ranking der „Allianz pro Schiene“ basiert auf offiziellen Daten des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), das dem Bundesinnenministerium unterstellt ist. Die Kriterien dafür: eine Bushaltestelle, maximal 600 Meter, bzw. ein Bahnhof, maximal 1200 Meter Luftlinie entfernt – und werktags auch mindestens zehn Abfahrten (jeweils in beide Richtungen) von dort aus. Ähnlich gut ausgestattet sind demnach die Landkreise Fürstenfeldbruck (Oberbayern, 99,36 Prozent) und Esslingen (Baden-Württemberg, 99,29 Prozent). 600 Meter entsprechen einem Fußweg von etwa acht bis zehn Minuten, was das BBSR als noch zumutbar bewertet; bei Bahnhöfen gelten sogar noch größere Distanzen als hinnehmbar.

So sieht’s in der Region aus

Eine interaktive Deutschland-Karte der Allianz pro Schiene veranschaulicht die Situation in den einzelnen Landkreisen. Mit einem Klick ist es möglich, sich die lokalen Erreichbarkeitsdaten anzeigen zu lassen. Ebenfalls in den „Flop 10“ liegt Kronach: Hier wohnen gar nur 49,36 Prozent der Bevölkerung maximal 600 Meter (Bus) oder 1200 Meter (Bahn) Luftlinie von einer Haltestelle mit mindestens 20 Abfahrten am Tag entfernt. Besser, aber immer noch nicht gut, sieht es in Lichtenfels aus (64,47 Prozent). Die Stadt Coburg trumpft mit 99,75 Prozent auf, im Coburger Land sieht es mit 76,78 Prozent zwar wesentlich schlechter aus, aber noch akzeptabel.

Spitzenreiter sind die Städte Bamberg mit 99,98 Prozent und Schweinfurt mit 99,99 Prozent. Deren Landkreise liegen jedoch ebenfalls abgeschlagener dahinter (Kreis Schweinfurt: 63,61 Prozent, Kreis Bamberg: 60,44), ähnlich rangiert der Landkreis Rhön-Grabfeld mit 62,58 Prozent.

Hier gibt’s das Ticket

Das Ticket soll voraussichtlich ab dem 1. Juni deutschlandweit erhältlich sein. Da das Angebot vorerst auf drei Monate befristet ist, wird es demnach in den Sommermonaten Juni, Juli und August 2022 verfügbar sein. Eine Verlängerung darüber hinaus ist aktuell nicht geplant.

Ausgestellt wird das 9-Euro-Ticket von den jeweiligen örtlichen Verkehrsunternehmen: Zum einen online beim jeweiligen Unternehmen, zum anderen „über einen analogen Vertriebsweg“ im Kundencenter oder über Fahrkarten-Automaten, wie Lars Wagner, Pressesprecher des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) erklärt. Zusätzlich soll es die Tickets über eine bundesweite digitale Ticketplattform geben.

Im Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (VGN), an den die Haßberge angeschlossen sind, wird das 9-Euro-Ticket über die VGN App Fahrplan & Tickets, die Nürnberg MOBIL App sowie den DB Navigator erhältlich sein. Im VGN Onlineshop erhalten Fahrgäste das 9-Euro-Ticket als Versandticket. Zusätzliche analoge Vertriebskanäle wie der Verkauf am Automaten, in den Kundencentern sowie teilweise beim Fahrpersonal seien in Vorbereitung, heißt es beim Verbund.

Abgesehen von den beiden Bahnlinien Ebern-Bamberg und Haßfurt (Würzburg/Bamberg) sorgen 48 öffentliche Buslinien für das Nahverkehrsangebot im Haßberge-Kreis.

Probe aufs Exempel

Die Monatskarte gilt dann zwar nur für den Nahverkehr, allerdings im gesamten Bundesgebiet. Ausgenommen sind ICE, IC und EC der Bahn. Dann heißt es also: Zeit mitnehmen, aber das wiederum sind die Fahrgäste in den Haßbergen gewohnt. Und so kommt für sie auch die deutsche Fernreise in Frage: Von Ebern nach Sylt schafft man es beispielsweise an einem Montagmorgen mit Regional- und Nahverkehrszügen in zwölfeinhalb Stunden – und muss dafür nur sechsmal umsteigen.

Doch auch in den Haßbergen gibt es noch Unterschiede: Während Ebern strategisch günstig über eine direkte Agilis-Anbindung nach Bamberg und von dort in die Welt verfügt, sieht es beispielsweise in Friesenhausen (Gemeinde Aidhausen) deutlich umständlicher aus. Will man von hier aus – wieso auch immer – nach Westerland, muss man sich zunächst um einen Ruf-Bus bemühen (Voranmeldung bitte bis 60 Minuten vor Abfahrt). Dann aber geht es via Haßfurt und Schweinfurt zügig weiter. Sylt wäre in 13 Stunden 45 Minuten locker erreichbar.

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