Neues Angebot für Lehrer Für Hirn und Ohren

Martin Emmerich, Daniel Delgado und Wongwhee Moon (von links) haben ein besonderes Unterrichtskonzept im musikalischen Gepäck. Die Schüler am „Casi“ sind davon begeistert. Foto: Maja Engelhardt/Maja Engelhardt

Schüler am „Casi“ erleben eine Premiere: Sie genießen live den Auftakt einer neuen Schulinitiative des Vereins „Klanggrenzen“. Das Projekt steht für die Nutzung im Unterricht dann online.

 
Schließen

Diesen Artikel teilen

Da sitzt ein Mann mit ausdruckslosem Gesicht auf einem Stuhl. Hat den Kopf auf die Hände gestützt, guckt starr. Groß ist er auf Leinwand in der Aula des Coburger Gymnasiums Casimirianum projiziert, still ist es in dem Raum, in dem evangelische und katholische Schüler der zehnten Jahrgangsstufe gespannt auf die kommende und besondere Unterrichtsstunde warten. Nun folgt die Aufforderung von Religionslehrer Tobias Narr, sich auf das Kommende einzulassen und zu überlegen, wie es zu der Leinwand-Situation kommen konnte. Zu diesen Gedanken setzt die Geige ein, dynamisch, mit Schmerz und expressiv, spielt Martin Emmerich den Beginn von Bedřich Smetanas Klaviertrio in g-Moll, erklärt das Seufzermotiv, sowie dass statt der üblichen acht Takte nur sieben zu spielen seien und man sich damit als Musiker unwohl fühle. Die jungen Menschen werden gebeten, ihre Gefühle zu beschreiben, die Musik zu erklären und die Situation des Mannes zu erläutern.

„Versuchskaninchen“

Die Casimirianer sind „Versuchskaninchen“ und wohnen in ihrer Schule einer Premiere bei: Über den Verein Klanggrenzen e. V., der seit sieben Jahren in der Vestestadt ein jährlich stattfindendes, interdisziplinäres Kammermusik-Festival veranstaltet, hat Vorsitzender Martin Emmerich eine neue Initiative ins Leben gerufen: „Vernetzt!“.

Diese bietet Lehrern auf der „Klanggrenzen“-Homepage komplett ausgearbeitete Unterrichtsstunden mit Musikeinspielungen an. Kostenfrei und an den Lehrplan angepasst. „Bis jetzt stehen vier Konzepte bereit“, erklärt Martin Emmerich, „zwei als reine Musikstunden, eine für Religion und eine für Biologie.“ Mit dieser Initiative habe man Kinder und Jugendliche, die von den Education Projekten der „Klanggrenzen“ begeistert gewesen seien, nicht „verlieren“, sondern ihnen das ganze Jahr über etwas anbieten wollen“, erläutert der Vorsitzende die Motivation. „Außerdem kann man sich in Verbindung mit Musik manches besser merken“, fügt er lachend hinzu.

Die Stunde am „Casi“ steht unter dem Namen „Trauer und Musik“. Die Schüler dürfen nicht nur lauschen und die Töne interpretieren, sondern werden auch gebeten, ihre Erfahrungen mit Tod und Schmerz zu schildern und zu malen. Ein Blog über „Abschied“, Traueraufgaben nach James William Worden, einem amerikanischen Trauerforscher, und ein Infoblatt der Diakonie zum Thema „Tod“ animieren zu Auseinandersetzung und Gespräch.

Die Jugendlichen nehmen das Angebot an, erzählen von ihren Erlebnissen und erfahren „nebenbei“, dass der Komponist Smetana sein Klaviertrio nach dem Verlust seiner Tochter geschrieben hat, die mit viereinhalb Jahren an Scharlach gestorben war. „Und nun stellt sich die Frage, wie man mit Trauer umgehen kann“, so Religionslehrer Tobias Narr, der selbst bei der Konzeption der Online-Stunden mitgearbeitet hat. „Doch die Schüler sind nicht aus heiterem Himmel mit dem Thema konfrontiert worden“, versichert er, „wir haben uns im Unterricht darauf vorbereitet.“ Für die „Live“-Stunde hat er eine PowerPoint-Präsentation erstellt, auch die Zeichnung eines Mädchens am Klavier, die es zu vervollständigen galt, stammen aus seinem Fundus.

Dass die erste Unterrichtsstunde real über die Bühne geht, sei so zuerst gar nicht geplant gewesen, doch der Pädagoge freut sich: „Es ist doch klasse, hier als Mensch vor Ort die Musik erleben zu können und nicht nur in den digitalen Welten.“ Einige seiner Schüler strahlen derweil um die Wette: „Es war sehr, sehr schön“, meint Leo, noch sichtlich berührt, „und es ist klasse, alles in Zusammenhang mit Musik zu sehen.“

Info

„Vernetzt!“
ist ein interdisziplinäres Schulprojekt, das der Verein „Klanggrenzen e. V.“ ins Leben gerufen hat. Unter Berücksichtigung des bayerischen Lehrplans und mit Hilfe von Pädagogen wurden bis jetzt vier Unterrichtseinheiten erstellt, die mit Musik und Arbeitsblättern kostenfrei von der Homepage geladen werden können.

Folgende Themen stehen bereits zur Auswahl, weitere sollen folgen: „Musik kritisch hören“, „Trauer und Musik“, „Das Tempo macht die Musik“ und „Wie hören wir Musik?“. Das gesamte Unterrichtsmaterial befindet sich auf: www.klanggrenzen.de/vernetzt. 

Autor

Bilder