Neustadt Ein bisschen Kinderfest

Girlandenschmuck und Fähnchen weisen darauf hin, dass dieses Wochenende für die Neustädter normalerweise ein ganz besonderes wäre. Foto: Tischer

Corona macht Neustadts Kinderfestwochenende einen Strich durch die Rechnung. Eine Doku auf NecTV soll den Geist jedoch erhalten.

Neustadt - Heute morgen, sechs Uhr in der Früh: Der Wecker ist aus, denn die Kapellen holen einen zum Kinderfest aus den Federn. Der traditionelle Weckruf ist heuer ausgeblieben, die Corona-Beschränkungen haben Neifeier, das 472. "Kinnofest" und das 47. Marktfest schon vor Wochen gecancelt. Neben dem Internationalen Puppenfestival, Swing im Park und den Neustadt in Europa-Events ist insbesondere das Kinderfestwochenende ein Höhepunkt im Veranstaltungskalender der Stadt. Und die finden samt und sonders erst wieder im kommenden Jahr statt.

Dennoch keimt ein wenig "Kinnofest"-Stimmung auf, denn die Stadt hat Girlandenschmuck und Fähnchen verteilt und die Bürger gebeten, ihre Anwesen oder Straßen zu schmücken. Zudem haben die Kinder ihre verdiente Belohnung erhalten: Eis und Bratwurst gab’s ohne Anstrengung von Festzug, Rutscher, Staffeln, Freiübungen und Tänzen.

Da die großen Festivitäten in diesem Jahr ausbleiben, bleibt genügend Zeit für einen Blick in die Geschichte. Wie war das anno dazumal, als 1962 das "Neustodto Kinnofest" planmäßig über die Bühne ging? Dazu hatte der Schmalfilm Amateurclub Neustadt einen zirka 40-minütigen Streifen zusammengeschnitten. Dieser soll ab dem kommenden Dienstag, 14. Juli, 19 Uhr im Anschluss an nectv aktuell für eine Woche ausgestrahlt werden. "Darin sind unter anderem die Vorbereitungen auf das Kinderfest, die herausgeputzten Kinder mit ihren Kleidern zu sehen. Auch Friseur und Schneider spielen eine Rolle", erläutert Gabi Grosch von nectv. Und natürlich hört man den heuer verstummten Weckruf. "Schließlich werden der Festumzug, die Freiübungen sowie Festplatzgeschehen mit Rutscher gezeigt."

Einer der Höhepunkte ist die Abschlussveranstaltung, die es in den letzten Jahren so nicht mehr gibt. Damals hatte die Glockenbergschule das Sagen und Oberbürgermeister Ernst Bergmann beendete offiziell um 18 Uhr den "Neustadter Nationalfeiertag". Doch warum gibt es diese Zeremonie nicht mehr? "Ich glaube, ein Rektor zog damals in seiner Abschlussrede über das Kinderfest her und danach war dieser traditionelle Teil des Kinderfests Geschichte", meint Grosch.

Thematik war freilich, dass "zu dieser Zeit fast niemand mehr auf dem Schützenplatz war und die Leute schon in ihren Gärten oder auf dem Marktplatz weitergefeiert hatten und diese Abschlusszeremonie dann zu einer Art ‚Geisterveranstaltung‘ mutiert wäre", erklärt Kulturbürgermeister Martin Stingl. "Deshalb hat man dieses offizielle Beenden eingestellt." Dass die Abschlussrede eines Rektors mit dazu beigetragen hat, ist ein zusätzliches Argument gewesen.

"Der Ausfall in diesem Jahr ist der erste seit Kriegsende 1945", sagt Heimatpflegerin Isolde Kalter. Das Fest könne man bis ins Jahr 1548 zurückverfolgen, "obwohl die Ursprünge solcher Kinderfeste bis ins 9. Jahrhundert zurückreichen." Das Kinderfest geht auf das Gregoriusfest zurück, das angeblich Papst Gregor IV. zu Ehren von Gregor I. im Jahr 830 gestiftet haben soll. Gregor I. setzte sich für die Schulbildung der Jugend ein. Der frühere Rektor der Volksschule Heubischer Straße, Günther Bretschneider, hat in seinem Buch "Die Geschichte des Neustadter Kinderfestes" geschrieben, dass es erstaunlich sei, dass sich das Gregorius-Fest, heute als Kinderfest bezeichnet, über die Reformationszeit, den verheerenden Dreißigjährigen Krieg, die sozialen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts und die beiden Weltkriege hinweg bis heute erhalten hat. Das lässt Zuversicht keimen, dass "ihr Kinnofest" auch die Corona-Pandemie überleben wird.

 

Bilder