„Noch keinen Cent gesehen“ Hilferuf des Einzelhandels

Klaus Gagel

Eine Michelauer Geschäftsinhaberin schlägt Alarm. Sie fühlt sich im Stich gelassen. Am Ende steht eine Videokonferenz mit dem Staatssekretär im Wirtschaftsministeriums. Davon soll ein Signal ausgehen weit über den Landkreis Lichtenfels hinaus.

In einer Videokonferenz mit dem parlamentarischen Staatssekretär des Wirtschaftsministeriums, Thomas Bareiß (Leinwand), machten Vertreter des Einzelhandels ihrem Ärger im Michelauer Rathaus Luft. Foto: Klaus Gagel

Lichtenfels/Michelau - Elisabeth Gutgesell, Inhaberin von „Elli´s Mode aktuell“ in Michelau, hat aus Verzweiflung am 28. Januar zum Telefonhörer gegriffen. Sechs Stunden lang versuchte sie sich Gehör zu verschaffen. Sie telefonierte mit Landrat Christian Meißner, Bürgermeister Jochen Weber und Roberto Bauer, dem Kreisvorsitzenden des Einzelhandelsverbandes für Stadt und Landkreis Lichtenfels. Elli Gutgesell kämpfte sich durch die lange Warteschleife bis nach Berlin. Sie hatte das Gefühl „im Stich gelassen worden zu sein, es müsse endlich etwas geschehen“, wie sie sagt. Sie wollte dem Ausbluten des Einzelhandels nicht nur in Michelau nicht mehr tatenlos zusehen.

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Hinzu kam das Gefühl, einer Ungleichbehandlung. Während sich die Einzelhändler seit Wochen im kompletten Lockdown befinden, habe die Regierung dem Lebensmittelhandel eine Ausweitung des Angebots gestattet, so ihr Eindruck. Die Lebensmittelhandelsgeschäfte dürften plötzlich alles in ihren Läden verkaufen: Blumen, Textilen, Schuhe, Elektrogeräte, selbst Fahrräder. Derweil warte der Einzelhandel, der seine Mitarbeiter nicht weiter beschäftigen kann aber weiterhin sämtliche Ausgaben, wie Miete, Wareneinkauf, stemmen muss, auf die zugesagte finanzielle Unterstützung.

„Wir sind am Ende!“

„Wir haben noch keinen Cent gesehen, weder im ersten Lockdown noch jetzt im zweiten. Wir zahlen Steuern, Amazon nicht“ klagt Elisabeth Gutgesell. Vielen Menschen sei dieses Problem gar nicht bewusst. Sie würden denken „die bekommen ja Geld vom Staat.“ „Wir sind am Ende! Wir haben alle unsere Hausaufgaben gemacht, aber wir stehen mit leeren Händen da. Wir Einzelhändler können nicht ruhig sein und nur leiden, und zusehen, wie alles den Bach runter geht!“ so Elli Gutgesell, die aufs Ersparte fürs Alter zugreifen muss.

Unterstützt wurde sie in ihren Bemühungen, sich Gehör zu verschaffen, vom amtierenden Michelauer Bürgermeister Jochen Weber und der Verwaltung. Er stellte „nach dem verzweifelten Anruf unserer Elli“ Kontakte her. Durch die Vermittlung der Bundestagsabgeordneten Emmi Zeulner kam schließlich eine Videokonferenz mit namhaften Teilnehmern zustande.

Videokonferenz im Rathaus

Im Michelauer Rathaus trafen sich Bürgermeister Jochen Weber, Elli Gutgesell, Roberto Bauer und Melanie Wolf (Vorsitzende des Michelauer Einkaufkorbs). Hinzugeschaltet waren Frank Mirsberger (Felicissimo Mode Staffelstein), Elke Bittermann (Blumengeschäft in Lichtenfels), ein Vertreter der Firma Leithner von Intersport Kulmbach, und vom Schuhhaus Hofmann in Lichtenfels. Als weiterer politischer Vertreter nahm Bürgermeister Bernreuther aus dem Landkreis Kulmbach teil. Der entscheidende Ansprechpartner war der Parlamentarische Staatssekretär des Wirtschaftsministeriums, Thomas Bareiß. Die Moderation der Video-Konferenz hatte die Bundestagsabgeordnete Emmi Zeulner übernommen. 45 Minuten lang hörte sich der Staatssekretär die Sorgen und Nöte der Einzelhändler an.

Anzeichen für Pleitewelle

Roberto Bauer zitierte in diesem Zusammenhang die aktuelle Aussage des stellvertretenden bayerischen Ministerpräsident und bayerischen Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger: „Den Bayrischen Firmen geht das Geld aus. Die Anzeichen für eine Pleitewelle sind da.“ Fakt sei, so Robert Bauer dass vom Lockdown circa 200.000 Unternehmen betroffen sind. „Für 79 Prozent der von der Schließung betroffenen Geschäfte reichen die aktuellen Hilfsmaßnahmen nicht zur Existenzsicherung aus. Über 60 Prozent der Modehändler sehen ihre unternehmerische Existenz derzeit akut gefährdet und sie werden ohne entsprechende Wirtschaftshilfen ihr Geschäft in diesem Jahr aufgeben müssen. Die Folge: leere Innenstädte, öde Straßen“ so Roberto Bauer. Nach seiner Einschätzung nehmen Frust, Existenzängste, Verzweiflung und Wut auf die Politik dramatisch zu. „Wie haben es satt immer nur salbungsvolle Worte zu hören.

„Stures Festhalten“

„Ein Textilhändler, ein Baumarkt oder die Gastronomie können genauso die Hygienevorschriften einhalten wie ein Lebensmittelgeschäft. Wir akzeptieren alles, was gesundheitspolitisch geboten ist. Aber das sture Festhalten an den Beschränkungen für den Handel ist immer weniger nachvollziehbar.“

Die Antworten des Staatssekretärs aus dem Wirtschaftsministerium stellten die Teilnehmer an der Videokonferenz aber nur unzureichend zufrieden. „Wir haben Gehör gekriegt. Der Hilfeschrei wurde zumindest gehört. Was die Regierung daraus macht, wissen wir nicht“, bilanzierte Elli Gutgesell und lobte den Vermittlungseinsatz von Emmi Zeulner.

Enttäuschung

Enttäuscht vom Verlauf und vom Ergebnis der Videokonferenz zeigte sich Frank Mirsberger von dem Unternehmen Felicissimo Mode in Bad Staffelstein. Er ist zugleich der Vorsitzende der Adam-Riese-Unternehmergemeinschaft. „Wir waren im Vorfeld fest davon überzeugt, dass nun anstelle der Dezemberhilfe die Überbrückungshilfe III zu Beginn des zweiten Lockdowns kommt“, erklärte er. Jetzt habe man erfahren, dass die Überbrückungshilfe III erst nächste Woche oder übernächste Woche finalisiert werden soll. Es dauere noch mal länger, bis einen Unterstützung kommt, denn auch die entsprechende Software müsse erst noch programmiert werden. „Wir mussten im Dezember schließen, haben seitdem so gut wie keine Einnahmen mehr, aber die Kosten laufen weiter.“

Staatssekretär entspannt

Der Staatssekretär habe entspannt verkündet, „das dauert halt jetzt noch ein paar Wochen.“ Das sei ein Schock für alle gewesen, so Mirsberger. Die kleinen Familienbetriebe seien dem Wirtschaftsministerium offensichtlich egal.

Kampflos wollen die Einzelhändler das Feld nicht räumen und sie werden dabei von Bürgermeister Jochen Weber unterstützt. Der will in diesem Zusammenhang mit allen Beteiligten eine Petition auf den Weg bringen. Alle betroffenen Einzelhändler sollten diese unterschreiben. Damit könnte ein Signal von dieser Videokonferenz in Michelau ausgehen weit über den Landkreis hinaus. Lippenbekenntnisse alleine hülfen den Einzelhändlern ebenso wie die zugesagte Soforthilfe von 4.000 Euro nicht weiter.