Nordhalben Familie als kabarettistische Kunstform

Norbert Neugebauer

Kein Gendern, keine Hinterzimmerpolitik, kein „blau-weißer „Haometscheiß“: Kabarettistin Martina Schwarzmann erzählt über ihren Familienalltag auf einem oberbayerischen Bauernhof und kommt damit auch im Frankenwald bestens an.

  Foto: Norbert Neugebauer

„Mir is wahnsinnig viel wurscht!“ Dies bekennt die oberbayerische Kabarettistin Martina Schwarzmann bei ihrem Auftritt in der voll besetzten Nordwaldhalle in Nordhalben und bringt die rund 700 Besucher mit ihren oft pikanten Geschichten rund um die eigene Familie zum Lachen, aber auch zum Nachdenken. Dabei besitzt sie ein so fröhliches Gemüt, dass ihr sogar „die Sonne aus dem Arsch scheint“ (Liedtitel). Nein, weder Berührungsängste zu Empfindlichkeiten, noch Hemmungen vor deftigen Ausdrücken kennt die mittlerweile mit vielen Kleinkunstpreisen geehrte 43-Jährige in ihrem neuen Programm „Ganz einfach“. Sie bekundet „Es ist so geil, erwachsen zum sein“ (weiterer Songtitel) und schon gar nicht mehr 17, weil das auf dem Land bei ihr auch nicht so prickelnd war.

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Derber Mutterwitz

Ihr Hauptthema sind die alltäglichen Komplikationen ihres mittlerweile sechsköpfigen Haushalts auf dem Bauernhof, die sie mit derbem Mutterwitz und noch größerer Fantasie bewältigt. Ein unentbehrliches Hilfsmittel ist der Kompressor, mit dem sie angekeimtes Getreide aus den Kinderstiefeln oder überreife Bananen aus dem Toaster bläst. Pragmatische Lösungen, von denen „Guugl nix woas“, und auf die „frau“ erst mal kommen muss. Aber auch Intimes gibt sie nach bewährtem Muster und ohne falsche Scham preis – darauf wartet natürlich ihr Publikum. Über die Menstruationstasse, die sie benutzt, weil ihr die Kinder die selbstklebenden Slipeinlagen immer verbasteln. Oder über die eingefärbten Tampons, die sie zur Abschreckung an die Apfelbäume hängt. „Ist doch egal“, meint ihr dazu befragter Mann, „die Leut’ wissen doch eh, wer du bist!“ Anders als die freizügiger aufgewachsene Mama sind die vier Kinder jedoch echte Spießer. Auch in den unvermeidlichen Begegnungen mit den Mitmenschen, aber dazu steht sie (vertont): „Des san mir!“ Ob es im Schwarzmannschen Familienleben tatsächlich so chaotisch zugeht, bleibt eine Frage als reizvoller unterschwelliger „Running Gag“.

Karge Szenerie

Zweimal war der Auftritt aus Corona-Gründen verschoben worden, umso gespannter sind diesmal die Besucher aus dem ganzen oberfränkischen Raum. Auf der Bühne steht nur ein Stuhl und ein Beitisch mit einem Krug Wasser, ein paar bunte Scheinwerfer beleuchten zurückhaltend die karge Szenerie. Martina Schwarzmann braucht keine Effekte, nur ihre Gitarre. Mit strenger Duttfrisur und neuerdings modischer Holzbrille, Strickweste und Blümchenrock gibt sie sich inzwischen etwas „schicker“. Dass darunter eine selbstbewusste Frau steckt, die mit den Klischees ebenso wie mit ihrem sehr eigenwilligen Humor spielt, wird schnell klar. Und das hält sie auch gut zweieinhalb Stunden durch, ohne Plattitüden, ohne erhobenen Zeigefinger und ohne billigen Klamauk. Kein Gendergeschwafel, keine Hinterzimmerpolitik, aber mit oft fast schon absurder Komik. Humor mit den skurrilen Gedankengängen eines Karl Valentin und Wortspielereien eines Fredl Fesl, gemixt mit ausufernden Fantasien über Alltägliches, wie einem platt gefahrenen Frosch vor der Garageneinfahrt.

Großartige Mimik

Ob sich Silberfischchen beim Anblick der nackten Protagonistin ekeln, fragt sie sich ebenso, wie, ob ihre oft seltsamen Gemütslagen „wegen der Schilddrüse“ oder von Sonstwas herrühren. Ihr fällt auf, dass sie in der Corona-Fluglärmpause auf einmal das Ticken von Wanzen beim Geschlechtsverkehr vernimmt. Bei Familienfeiern wird ausdauernd über das Sterben geredet, während sich die Kommunikation mit den besoffenen „Vorbeigeh-Stammtischbrüdern“ wesentlich komplizierter gestaltet. Dabei sitzt die sehr sympathisch wirkende Schwarzmann ziemlich unbewegt auf ihren Stuhl, blickt mit großen Augen in das Publikum, kommuniziert mit wenigen Gesten, aber umso großartigerer Mimik. Redet im breitesten Heimatidiom und fragt erst nach der Zugabe, ob das die Leute auch alle so verstehen. Dabei distanziert sie sich vom aufgesetzten „blau-weißen Haometscheiß“ und der „Dialektpolizei“, ebenso wie von peinlicher Selbstdarstellung in den Sozialen Medien. Der dicke Schlussapplaus war die überzeugende Antwort. Dank jahrzehntelanger öffentlich-rechtlicher Medien-Sozialisation kommt auch eine Oberbayerin im Frankenwald bestens an, selbst wenn sie so „gschert daher red“!