NS-Geschichte Schöner Schein und unfassbares Verbrechen

„Gefangenschaft, Zwangsarbeit und Deportation“: Erstmals ist „Das Gelände im Krieg“ Bestandteil der Gesamtbetrachtung im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. In Coburg wird diskutiert, ob die Stadt Schulklassen den Besuch von NS-Gedenkstätten finanzieren soll. Foto: Museen der Stadt Nürnberg, Dokumentationszentrum Reichsparteitags/Christian Sperber

Florian Dierl leitet das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Im NP-Interview erläutert der ehemalige Casimirianer, warum die NS-Vergangenheit im Schulunterricht eine Rolle spielen sollte.

Herr Dierl, wie entwickelt sich Antisemitismus in Deutschland, nimmt er wieder zu?

Florian Dierl: Die Frage ist nicht eindeutig mit „ja“ oder „nein“ zu beantworten: Umfragen der letzten Jahre vermitteln ein ambivalentes Bild, wonach die Zustimmung zu Aussagen des traditionellen Antisemitismus – „Juden haben in unserer Gesellschaft zu viel Einfluss“ – eher rückläufig ist, während hingegen Aussagen des sekundären Antisemitismus, die die Erinnerung an den Holocaust abzuwehren versuchen oder Juden gar eine Täterrolle zuweisen – „Viele Juden versuchen, aus der Vergangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen“ - eine deutlich höhere Zustimmung von bis zu 40 Prozent der Befragten finden. Allerdings wurden auch hier in den letzten Jahren zurückgehende Wert verzeichnet.

Und wo gehen sie nach oben?

Klar beobachten lässt sich die starke Verbreitung antisemitischer Hetze in den sozialen Medien, wodurch der Eindruck entsteht, dass sich die „Grenzen des öffentlich – ohne Sanktion – Sagbaren“ verschoben haben und Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Bedenklich muss hierbei stimmen, dass in jüngeren Studien von in der Bundesrepublik lebenden Juden antisemitische Äußerungen als Teil ihres Alltags beschrieben werden, der gleichsam als eine Art gesellschaftliches „Grundrauschen“ wahrgenommen wird. Besonders spektakuläre Vorfälle wie der Anschlag auf die jüdische Synagoge in Halle verstärken ein Gefühl der Unsicherheit bis in die Mehrheitsgesellschaft hinein, rufen aber auch Gegenreaktionen wie etwa die öffentliche Solidarisierung mit jüdischen Bürgerinnen und Bürgern hervor.

Wie erkennt man „versteckten“ Antisemitismus?

Der Nahost-Konflikt bietet häufig eine Folie für aggressives Verhalten, bei dem „klassisch“ antisemitische wie spezifisch auf Israel bezogene Klischees und Ressentiments als Begründung dienen. Gleichwohl kommt es auf den genauen Kontext an, in dem etwa Begriffe wie „Zionismus“ verwendet werden: Dieser kann sich sowohl die auf die nationale Emanzipations- und Befreiungsbewegung von Juden im frühen 20. Jahrhundert wie auf die ideologisch radikalisierte Kritik an einer vermeintlich rassistischen Besatzungspolitik Israels gegenüber den Palästinensern richten. Hier muss man jeweils im konkreten Fall der Frage „Wer sagt was mit welcher Absicht?“ nachgehen.

Der Stadtrat von Coburg hat eine Historikerkommission beauftragt, die NS-Geschichte Coburgs aufzuarbeiten. Warum ist das wichtig?

Zur Geschichte Coburgs im Nationalsozialismus gibt es eine Reihe verdienstvoller Einzelstudien. Vor dem Hintergrund des Streits um die Benennung der Max-Brose-Straße ist es sicher ein gutes Signal aus der Stadtgesellschaft, dass man gewillt ist, sich auch künftig zur historischen Verantwortung zu bekennen und die Auseinandersetzung mit der unrühmlichen Vergangenheit konsequent zu führen.

Wie notwendig ist es, junge Menschen mit der NS-Geschichte zu konfrontieren, die in deren Vorstellungswelt sehr lange zurückliegt und dem Vergessen anheimgestellt wird?

Das Aufkommen populistischer Bewegungen in den letzten Jahren macht deutlich, dass auch in demokratischen Gesellschaften die „Heilsversprechen“ autoritärer und rassistischer Politikangebote immer wieder auf beachtliche Resonanz stoßen. Uns durch die Befassung mit der eigenen Geschichte darüber Rechenschaft zu geben, welchen Weg die Deutschen im 20. Jahrhundert gegangen sind, ist meines Erachtens eine zentrale Voraussetzung dafür, um uns darüber zu verständigen, in welcher politischen und gesellschaftlichen Ordnung wir auch künftig zusammenleben wollen – und welche Verpflichtung dies für jeden von uns bedeutet.

Im Coburger Stadtrat wird darüber diskutiert, Fahrten von Schulklassen in Erinnerungsstätten wie das von Ihnen geleitete Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg zu finanzieren. Wie bewerten Sie einen solchen Vorstoß?

Die Finanzierung einer Exkursion ist für manche Schulklasse in der Tat nicht ohne Weiteres zu gewährleisten und ein Zuschuss grundsätzlich wünschenswert. Fahrten zu den bayerischen KZ-Gedenkstätten werden allerdings bereits von der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit gefördert. Noch wichtiger wäre es in meinen Augen, wenn in den Schulen die sich hierfür engagierenden Lehrkräfte von den Schulleitungen unterstützt würden und etwa ein ausreichendes Zeitkontingent während des regulären Unterrichts für den Besuch sowie die Vor- und Nachbereitung zur Verfügung bekämen. Der Klassenausflug am Ende des Schuljahres ist hier nicht die Ideallösung.

Was erwartet Schulklassen im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, welchen Nutzen können Besucher daraus ziehen?

Das ehemalige Reichsparteitagsgelände zählt zu den größten baulichen Hinterlassenschaften des „Dritten Reichs“. Den hier zwischen 1933 und 1938 stattfindenden Reichsparteitagen kam als zentralen Propagandaveranstaltungen eine erhebliche Bedeutung für die Inszenierung der sogenannten Volksgemeinschaft und damit für die Stabilisierung des NS-Regimes zu. Besucher des Dokumentationszentrums können sich am Beispiel der Ortsgeschichte über Ziele und Wirkung dieses nationalen Großereignisses, aber auch über den inneren Zusammenhang zwischen der Politik des „schönen Scheins“ und den Verbrechen des NS-Regimes informieren. Die „doppelte“ Perspektive auf die nationale wie auf die regional-fränkische Dimension der NS-Geschichte kann sicher auch für die Besucher aus Coburg die eine oder andere erhellende Einsicht bringen.

Die Fragen stellte

Wolfgang Braunschmidt

Autor

 

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