NS-Raubgut in Coburg Zeugen dunkler Geschichte

Die Landesbibliothek hat erstmals NS-Raubgut restituiert. Am 12. März wird die Sammlung des von Nazis ermordeten Arztes Moritz Cramer nun der Öffentlichkeit vorgestellt.

108 Bände aus fünf Jahrhunderten umfasst die Teilbibliothek von Moritz Cramer, die nach Restitution und Rückkauf jetzt rechtmäßig zum Bestand der Coburger Landesbibliothek gehört. Foto: NP/Dieter Ungelenk

Dr. Moritz Cramer war ein angesehener Mann, ein beliebter Arzt, ein gebildeter Bürger, ein engagierter Coburger. Weil er Jude war, schützte ihn all dies nicht vor dem fanatischen Hass der Nationalsozialisten: 1941 wurde er enteignet, deportiert und ermordet. Seine über 1200 Bände zählende Privatbibliothek wurde zum Teil vernichtet, zum Teil verkauft – nur 108 Bücher gelangten in das Magazin der Coburger Landesbibliothek (die damals noch Landesbücherei hieß), wo ihre Herkunft erst im vergangenen Jahr aufgedeckt wurde.

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Am Mittwoch, 12. März, kann sich die Öffentlichkeit ein Bild machen von dieser ersten großen Restitutionsfall in Coburg: Ab 18.15 Uhr wird der Bücherschatz – darunter zahlreiche seltene frühneuzeitliche Drucke – im Andromedasaal von Schloss Ehrenburg präsentiert.

Dokument des NS-Terrors

Dabei wird auch das Verfahren der Restitution – also der Rückgabe an die rechtmäßigen Eigentümer – erläutert. Die Recherchen von Gaby Schuller, die Schicksale Coburger Juden erforscht, führten nicht nur auf die Spur des NS-Raubguts, sondern auch zu der in Australien lebenden Großnichte Cramers, Melanie Gelber. Im Zuge des Restitutionsverfahrens bot sie die Sammlung der Landesbibliothek für einen fünfstelligen Betrag zum Kauf an, damit sie hier als Zeitdokument und Forschungsobjekt bewahrt und genutzt werden kann.

Dr- Sascha Salatowsky, Gaby Schuller und Isolde Kalter präsentieren die Cramer-Bibliothek am 12. März im Anromedasaal. Foto: NP/Dieter Ungelenk 

Gaby Schuller wird gemeinsam mit Isolde Kalter, Diplom-Bibliothekarin, und Dr. Sascha Salatowsky, dem Direktor der Bibliothek, auch die Biografie von Dr. Cramer und seine vielfältige Teilbibliothek vorstellen, deren ältestes Buch 1556 gedruckt wurde. Neben Schriften zu Medizin und Psychologie umfasst sie die Bereiche Religion und Theologie sowie Philologie, Literatur und Philosophie. „Nicht minder beeindruckend ist die Mannigfaltigkeit der Sprachen. Es gibt Bücher in deutscher, lateinischer, französischer, hebräischer, englischer und sogar in gälischer Sprache“, so Salatowsky.

Für die Landesbibliothek bedeutet der nun rechtmäßig erworbene Bücherschatz des Dr. Moritz Cramer eine wichtige Bereicherung, erläutert Salatowsky: „Neben dem großen Bestand zum Nationalsozialismus, der die Rolle Coburgs als der ersten NS-Stadt Deutschlands deutlich macht, gibt es nun eine ,Opferbibliothek’, die den Terror des NS-Staates direkt widerspiegelt.“

Sie bilde gleichsam „ein Gegenstück z. B. zu der Privatbibliothek des ehemaligen Herzogs Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha, die reich mit Literatur zu beiden Weltkriegen, zum italienischen Faschismus und zum deutschen Nationalsozialismus angefüllt ist“, erklärt der Bibliotheksleiter. Er plant, diese Bestände stärker in die nationalen und internationalen Forschungen einzubetten und an die interessierte Öffentlichkeit zu vermitteln.

Moritz Cramer

Moses (genannt Moritz) Cramer wurde am 24. April 1877 in Gleicherwiesen bei Römhild im Herzogtum Sachsen-Meiningen geboren. Im Gymnasium Georgianum in Hildburghausen erwarb er umfangreiche humanistische Sprach- und Literaturkenntnisse. Sein Medizinstudium in München schloss er 1902 mit der Dissertation ab. Wohl seit 1905 wirkte Dr. Cramer in Coburg als HNO- und später als Nervenarzt. Seiner 1910 in Frankfurt/M. geschlossene Ehe mit Emma Nußbaum währte nur ein Jahr und blieb kinderlos. Moritz Cramer war kulturinteressiert, legte eine umfängliche Bibliothek und eine ansehnliche Kunstsammlung an und übereignete der Stadt Coburg immer wieder Kunstobjekte. Wie viele jüdische Bürger war er ein nationalbewusster Deutscher, der sich stark mit seiner Heimatstadt identifizierte. So schenkte er 1921 die Skulpturengruppe von Max Stolz „Unsere 7 Feinde im Weltkrieg“ an das Städtische Museum Coburg, in dessen Bestand sie sich noch heute befindet. Mit dem Beginn des NS-Terrors in Coburg in den frühen 30er Jahren änderten sich für ihn Leben und Beruf grundlegend. Trotz Boykottaufrufen gegen seine Praxis blieb Dr. Cramer in Coburg. Am 27. November 1941 wurde er zusammen mit weiteren Coburger Juden im ersten „Todeszug“ nach Riga „evakuiert“, wo er höchstwahrscheinlich wenige Tage später ermordet wurde. Sein Todesdatum wurde später amtlich auf den 27. Februar 1942 festgelegt. Vor seinem Abtransport wurden alle seine Vermögenswerte (Möbel, Kunstwerke und Bibliothek) konfisziert.