Open Air Eyrichshof Was das Mundwerk alles kann

In der „Nacht der Stimmen“ beim Rösler-Open-Air in Eyrichshof zeigen Viva Voce, Füenf und Robeat eindrucksvoll, was sich mit Mund, Nase und Rachen alles musikalisch anstellen lässt.

Nicht immer, wenn jemand den Mund aufmacht, kommt etwas heraus, das andere hören wollen. Diese Nacht aber ist anders: Gebannt hängen die Zuhörer im Schlosshof in Eyrichshof an den Lippen derer, die dort oben auf der Bühne regelrechte Akrobatik vollführen – und zwar einzig mit Kehlkopf und Stimmbändern.

Die „Nacht der Stimmen“ haben sie es genannt, die A-Capella-Großmeister von Viva Voce haben zum Gipfeltreffen der Vokalkünstler geladen und sich Verstärkung aus dem Schwabenland geholt: „Füenf“ aus Stuttgart und „Robeat“ aus Esslingen sind es, die in Sachen Stimmakrobatik den Entertainern aus Ansbach in nichts nachstehen. Im Gegenteil: Star des Abends ist ein junger Mann, der zwar ganz alleine auf der großen Bühne steht – es sich aber nicht einen Moment so anhört. Mitgebracht hat Robert „Robeat“ Wolf nämlich ein schier unerschöpfliches Repertoire an Tönen und Klängen, die sich aus Mund, Nase und Rachen den Weg nach draußen bahnen und dort auf ungläubige Ohren stoßen: Wie um Himmels Willen schafft es der junge Mann, scheinbar mehrere Töne gleichzeitig von sich zu geben? Eine Illusion, die auf akkurate Technik, unglaubliches Timing und geniales Rhythmusgefühl zurückzuführen ist. Melodie, zweite Stimme, Schlagzeug – es ist, als ob er sich in Ermangelung eines Orchesters eben mal einfach selbst begleitet.

„Mundakrobat von Geburt an“ sei er, sagt Robert Wolf. Mit 18 trat er bei der RTL-Talentshow „Supertalent“ auf, erreichte dort im Finale den dritten Platz. Sein unbestrittenes Talent: das „Beatboxen“, mit dem er sich in der Folge selbstständig machte und bei diversen Meisterschaften erfolgreich war. Dreifacher Vizemeister der deutschen Beatboxbattles, seit 2013 Europameister im Team: Es läuft rund für den 33-Jährigen.

Nicht nur die „klassischen“ Beatbox-Geräusche wie Snares und Scratches wummern an diesem Abend von der Schlosshof-Bühne, da wird auch mal der Motor angeworfen und die Grillen zirpen. Und spätestens das Herzklopfen dort oben sorgt hier unten für Standing Ovations.

Insgesamt sollte es ein bewegender Abend für die rund 1200 Zuhörer werden. Dafür sorgen schon die „Füenf“, die die „Nacht der Stimmen“ eröffnen. Fünf Männer, fünf Mundwerke, kein Erbarmen – damit wirbt das Vokal-Quintett schon auf seinem Internetauftritt, und hat damit nicht zu viel versprochen. Schon die Namen sind klangvoll: Pelvis, Memphis, Little Joe, Justice und Dottore Basso geben den Ton an, und nach nur wenigen Takten wippt, summt und klatscht es in den Stuhlreihen, dass es eine Freude ist. Freude am Mundwerkeln haben dann bald auch die Gäste, die doch eigentlich nur zuhören wollten. Bald finden sie sich selbst wieder auf der Sängerseite, tragen mit spanischen Begrifflichkeiten zur Sombrero-Feliz-navidad-Arriba-Fiesta bei und stimmen ins Patrick-Lindner-Gedächtnis-Lied ein. „Da war schon viel Schönes dabei“, ist ihr Lob, und das können sie nur so zurückgeben.

Die Stuttgarter Vokalakrobaten sind nämlich gleichzeitig auch Künstler des Wortes, das sie gekonnt im eigenen Mund verdrehen. Kostprobe gefällig? „Fleisch ist Fleisch“, heißt es im Ernährungs-Medley für den kleinen Hunger, und: „Tausendmal püriert – Tiramisu gemacht.“ Das schmeckt den Zuhörern, die dankbar sind, dass die „Füenf“ auf ihrer Abschiedstournee nach einem Vierteljahrhundert Bühnenpräsenz auch in den Haßbergen vorbeigeschaut haben.

Beinahe ebenso lange gibt es „Viva Voce“ schon. Klein angefangen haben die Jungs im Windsbacher Knabenchor, als Ehemalige blieben sie sich und der Musik verbunden und starteten ihr Chor-Sequel 1998 mit vierstimmigen Männerchorsätzen. Im Laufe der Jahre wurde mit einer Art „Vox-Pop“ ein eigener Stil geschaffen: Kluge Texte, unterhaltsame Performance und ohrschmeichelnder A-Capella-Gesang katapultierten die Sänger nach oben – und in Funk und Fernsehen, zu Welttourneen und dem Evangelischen Kirchentag.

Andächtig lauschen dann auch die Eyrichshöfer Zuhörer allem, was „Viva Voce“ alias David Lugert, Bastian Hupfer, Heiko Benjes und Andreas Kuch dort oben so gekonnt performen: von der lebensechten Darstellung sämtlicher Dschungelbuch-Charaktere über den Gänsehaut-Klassiker „Hallelujah“ bis zu den eigenen, wie beispielsweise „Google findet alles außer Glück“. Und sie haben recht: „Ein A-Capella-Song wirkt antidepressiv, er holt dich raus aus deinem Tief.“ Spätestens mit den weisen Zeilen über den „mitgeschleiften Gatten“. Sollte es derer an diesem Abend auch gegeben haben – sie werden es der Gattin danken müssen.

Wer es verpasst hat: Beim HUK-Open-Air in Coburg treten Viva Voce und Füenf als Vorbands von PUR am 28. August auf. Karten gibt es unter anderem in der Geschäftsstelle der Neuen Presse in Coburg, Steinweg 51

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