Auf den feuchten Standorten wäre die Seuche nach damaligen Vorstellungen also weniger gut einzudämmen gewesen. Dies erklärt auch, in Kombination mit rechtlichen und politischen Faktoren, die Wahl eines Standorts weit außerhalb der Stadtmauern.
„Durch die Verknüpfung historischer, geophysikalischer und bodenkundlicher Methoden konnten wir die Landschaft als Archiv lesen“, konstatiert Michael Hein. „Dieses Vorgehen könnte künftig helfen, auch andere Epidemie- oder Konfliktgräber gezielt zu identifizieren und zu schützen.“
Wissenschaftliche und kulturelle Bedeutung
Bestätigte und präzise datierte Pestmassengräber aus der Zeit des „Schwarzen Todes“ sind europaweit äußerst selten. Weniger als zehn sind bisher bekannt. Der Fund bei Erfurt ergänzt einen wichtigen Aspekt zur mittelalterlichen Geschichte Erfurts.
Das lokalisierte Pestgrab eröffnet nun aber auch die Gelegenheit für zukünftige genetische und anthropologische Analysen, um mehr über die Evolution des Erregers Yersinia pestis, die Gründe für die hohe Sterblichkeit in der Mitte des 14. Jahrhunderts und den gesellschaftlichen Umgang mit Seuchen zu erfahren.
„Dieser Fund ist nicht nur archäologisch und historisch bedeutsam“, sagt Christoph Zielhofer, Leiter der Arbeitsgruppe „Historische Anthroposphären“ am LeipzigLab der Universität Leipzig. „Er hilft uns zu verstehen, wie Gesellschaften mit massenhaften Todesfällen umgehen und wie moderne, interdisziplinäre Forschung helfen kann, die Standorte von Massengräbern zu lokalisieren – Themen, die bis ins 21. Jahrhundert aktuell bleiben.“