Pflege "Ich könnte mir keinen schöneren Beruf vorstellen"

Die Corona-Pandemie, die seit über einem Jahr die Welt und auch die Haßberge in Atem hält, verlangt den Menschen viel ab. Besonders im Fokus stehen die Kräfte in der Pflege. Sie stehen an vorderster Front, müssen mit anpacken und setzen sich jedem Tag dem Risiko aus, selbst zu erkranken. Doch statt negativer Berichterstattung will die Neue Presse gemeinsam mit Pflegekräften aus verschiedenen Einrichtungen von Diakonie, AWO und Caritas heute einmal zeigen: Dieser Beruf hat so viele gute Seiten und nebenbei auch tolle Aufstiegschancen. Hier berichten sie, warum sie einst in die Pflege gegangen sind und warum sie es auch heute noch nicht bereuen – im Gegenteil.

Sandra Partosch: Sandra Partosch ist Pflegedienstleitung und derzeit auch stellvertretendeEinrichtungsleitung im AWO-Seniorenzentrum in Knetzgau. Für sie bedeute Pflege „nicht nur Beruf, sondern Berufung“, wie die 39-Jährige sagt. Deshalb ist es ihr auch besonders wichtig, für das Berufsbild zu werben – gerade jetzt, wo sich „das Strohfeuer der beklatschten Systemrelevanz viel zu schnell zum Beschuldigten für Massenausbrüche gedreht“ habe, wie Sandra Partosch erschrocken feststellen musste. In Verbindung mit den leider nicht immer ganz positiv besetzen Vorurteilen gegenüber der Pflege ergebe es sich, dass für die offenen Ausbildungsplätze zum Generalisten kaum Bewerbungen eingehen. „Deshalb sehe ich es als unabdingbar, exakt jetzt am Image der Pflege zu arbeiten, die Fesseln alter Befangenheiten aufzubrechen und die Chancen dieser Krise zu nutzen, um mit einem gestärkten Bild der Pflege aus der Pandemie zu gehen.“

Wie kam ich zur Pflege?

„Ich war jung und dumm“,lacht Sandra Partosch underzählt von ihrem ursprünglichen Berufswunsch, Hotelfachfrau. Sie beendete zuerst eine Hauswirtschaftslehre, die sie aber nicht erfüllt hat, wie sie sagt. Daher wechselte sie und machte die Ausbildung zur Pflegefachkraft– „ohnevorher auch nur einenTag im Altenheimgearbeitet zuhaben“,wie sieheute schmunzelt. „Aber vielleicht war das im Nachhinein ganz gut“, sagt sie, „ich war total unbefangen“. Der Altenpflegehelferin, die sie damals die drei Jahre begleitet hat, ist Sandra Partosch noch heute dankbar. #

Was gibt mir der Beruf?

„Du gehst raus und weißt, du hast etwas Sinnvolles gemacht“: Ein Satz, der das Wesentliche zusammenfasst. Es sei ein schönes Arbeiten, sagt Sandra Partosch, weil die Menschen so dankbar für ihre Betreuung und Zuwendung seien. „Ich habemich auch persönlich sehr verändert,weil ich heute mehr auf Menschen zugehe und mehr auf mein Gegenüber achte“, sagt Sandra Partosch: auf Worte, Taten und Gesten. Denn gerade demente Bewohner könnten sich oftnicht äußern,weshalb man darauf achten müsse, was sie tun. „Das hilft auch bei der Kommunikation mit anderen“, sagt die Pflegedienstleiterin – ob mit Mitarbeitern oder im Privaten, man lerne, sich in andere hineinzuversetzen. „Du denkstnichtnur andich, sondern auch daran,was deinHandeln mit demanderen macht“, fasst SandraPartosch zusammen,und sagt ausvollerÜberzeugung: „Für mich ist esder schönste Job der Welt.“ Und übrigens: In kaum einem Berufsfeld gebe es so viele – gut bezahlte – Aufstiegsmöglichkeiten.

Angelika Nass: Altenpflegerin Angelika Nass arbeitet im Hans Weinberger-Haus der AWO in Zeil am Main. Dort ist die 53-Jährige Wohnbereichsleitung. Und sie sagt: „Diesen Beruf würde ich jedes Mal wieder ergreifen.“

Wie kam ich zur Pflege?

Die Prappacherin war in der Gastronomie tätig,bevor sie sich für die Altenpflege entschied. „Im Prinzip ist das nichts anderes“, schmunzeltsie:„In beiden Berufen bedient man die Leute von früh bisabends.“Eine Arbeit in der Fabrik wäre nichts für sie gewesen, sagt Angelika Nass – viel zu eintönig. Was ihren Beruf aber vor allem besondersmacht: „Die Dankbarkeit der Menschen ist mit Geld nicht zu bezahlen.“

Was gibt mir der Beruf?

Der Grundsatz ist klar: „Ich pflege so, wie ich später auch selbst gepflegtwerdenmöchte“,betontAngelika Nass. „Dannkannman nichtsfalschmachen.„Pflege mit Herz und Verstand“:An dem Satz sei etwas Wahresdran, so die 53-Jährige. Es brauche beides–Sachverstand und richtige Diagnose nütze nichts ohne Menschlichkeit, und andersherum reicht die alleine auch nicht aus.Ihr Berufsfeldsei nicht nur vielfältig, sondern habe auch Zukunft. „EsisteinkrisensichererJob“, sagt Angelika Nass. Apropos Krise: Das Hans-Weinberger-Haus war durch die Corona-Krise schwer gebeutelt und hatte auch viele Todesfälle unter den Bewohnern zu beklagen. Doch gerade diese Krise habe ihr gezeigt, dass sie sich auf ihr Team verlassen könne, so die Wohnbereichsleiterin. Man lache gemeinsam, man weine auch gemeinsam. Das habe zusammengeschweißt, auch wenn dieAufarbeitung noch längereZeit beanspruchen wird.Und doch ist sich Angelika Nass sicher: Sie hat für sich selbst den schönsten Beruf der Welt.

Katharina Pendic: Katharina Pendic, 21 Jahre alt, ist als Gerontopsychiatrische Fachkraft in den Caritas Hausgemeinschaften Sankt Anna, Hofheim, tätig.

Wie kam ich zur Pflege?

Ihren Beruf habe sie gewählt, berichtet Katharina Pendic, „weil ich schon immer Verantwortung für andere, beispielsweise in der Familie, übernommen habe und auf jeden Fall mit Menschen arbeiten wollte“. Nach der Mittleren Reife absolvierte Katharina Pendic die Ausbildung zur Pflegefachkraft. „Während der Arbeit mit den demenziell erkrankten Bewohnern wurde mir klar, dass ich mehr über die Krankheit und den fachlichen Umgang damit erfahren möchte. Ich habe mich gleich im Anschluss an meine Ausbildung für die zweijährige Weiterbildung zur Gerontopsychiatrischen Fachkraft entscheiden“, so die 21-Jährige.

Was gibt mir der Beruf?

Was macht nun ihren Job so besonders? „Anerkennung erlebe ich in meinem Beruf täglich“, sagt Katharina Pendic: „Ein Lächeln, das zurückkommt, ein leises ,Danke’, aber auch ein Händedruck der Bewohner. Die Menschen empfangen mich mit offenen Armen und zeigen ehrlich, was ich ihnen bedeute.“ Sie sei grundsätzlich ein positiver Mensch und schaue lieber nach vorne und suche nach Lösungen, als den Kopf in den Sand zu stecken, erklärt die 21-Jährige. Deswegen könne sie auch mit der jetzigen Situation, aber auch den wachsenden Herausforderungen gut umgehen. „Ich könnte mir keinen anderen Beruf als diesen vorstellen und freue mich sehr, hier in Sankt Anna arbeiten zu können“, so Katharina Pendic. „Ich hatte Glück, da ich dort schon meine Ausbildung machen konnte. Ich habe während meiner gesamten beruflichen Tätigkeit immer Unterstützung des Teams und auch der Leitungsebene erfahren – auch das gibt mir viel.“

Vanessa Öhrlein: Vanessa Öhrleinist 28 Jahre altund Quereinsteigerininder Pflege. „Ich habe bisher zwei Berufsausbildungen gemacht“, berichtet die junge Frau. Gerade absolviert sie die duale Ausbildung zur Pflegefachfrau bei der Caritas Sozialstation Haßberge und ist jetzt im zweiten Ausbildungsjahr. Ihre Aufgabe: „Ich fahre mit dem Caritasauto zu den pflegebedürftigen Menschen nach Hause und versorge sie in ihrer gewohnten Umgebung.“

Wie kam ich zur Pflege?

„Es gibt immer mehr Menschen, die auf Hilfe anderer angewiesen sind“, sagt Vanessa Öhrlein. Sie selbst habe sich in ganz „jungen“ Jahren den Beruf der Pflegefachkraft nie vorstellen können, sagt sie. „Dies änderte sich aber, als ich selbst davon betroffen war und nicht mehr alles so funktioniert hat, wie ich es bis dahin gewohnt war.“ Ihr selbst sei also erst bewusst geworden, wie wichtig dieser Beruf ist, als sie selbst einen Unfall hatte. „Ich war seinerzeit sehr froh,dass es Menschen gab, die mich unterstützt und die mir geholfen haben“, so Vanessa Öhrlein. Der Beruf der Pflegefachkraft sei sehr abwechslungsreich und man trage eine hohe Verantwortung für die Menschen, begründet die 28- Jährige ihre Berufswahl. „Der Beruf beinhaltet die Körperpflege, aber eben auch Behandlungspflege wie etwa Medikamente richten und abgeben, Kompressionsstrümpfe anziehen, Kompressionsverbände anlegen, Insulin verabreichen bis hin zur Wundversorgung“, zählt Vanessa Öhrlein auf. Aber nicht nur die Pflege stehe im Vordergrund, sondern eben der Mensch an sich–mit seiner Persönlichkeit und in seiner Einzigartigkeit. „Wir sind für den Menschen nicht nur Pflegefachkraft, viel mehr Bezugsperson, Zuhörer, Aufmunterer, ,Psychotherapeut’ oder ,Seelsorger’, Fußpfleger und Friseur – und schlicht einfach jemand, der da ist und zu ihrem Leben gehört“, sagt Vanessa Öhrlein. In der Sozialstation fahre sie selbstständig mit dem Auto zu den Menschen nach Hause und sei für ihr Handeln vor Ort alleine verantwortlich. „Mir macht das sehr viel Spaß, da dieser Beruf eben sehr bedeutsam ist und außerdem durch die sehr verschiedenen Tätigkeiten sehr abwechslungsreich. KeinTag gleicht dem anderen, jeder Tag ist eine neue Herausforderung.“

Was gibt mir der Beruf?

Was macht den Beruf so besonders für Vanessa Öhrlein? „DieLeute empfangen mich mit offenen Armen und geben mir das Gefühl von Wertschätzung und, dass sie froh sind, dass ich da bin“, sagt sie. „Am Ende meines Pflegeeinsatzes verlasse ich das Haus des pflegebedürftigen Menschen mit einem sehr guten Gefühl – dem Gefühl, jemand anderemwirklich geholfenzuhaben. Einschlichtes ,Dankeschön’ und ein Lächeln im Gesicht des Pflegebedürftigen gibt mir unglaublich viel.“ Und: „Jeder Mensch wird an irgendeiner Stelle in seinem Leben einmal – oder auch mehrmals imLeben– aufdieHilfe andererangewiesen sein. Ich bin froh, dass ich sie geben kann.“

Angelika Schmidt: Angelika Schmidt, 47 Jahre alt, ist als Stabsstelle der Geschäftsführerin angestellt, das heißt in der „Verwaltung“ der Altenhilfeeinrichtungen der Caritas. „Grundsätzlich arbeite ich mit der Geschäftsführerin zusammen und bin gleichzeitig für die ambulanten,teilstationären und stationären Mitarbeiter und Leitungen in der Altenpflege der Caritas eine zusätzliche fachliche Ansprechperson“, erklärt die 47- Jährige. Ihre Qualifikation ermöglicht es auch, dass sie im Pflegebereich vor Ort tätig ist, beispielsweise als Gerontopsychiatrische Fachkraft, Praxisanleitung oder Leitungsvertretung. Angelika Schmidt: „Ich unterstütze in der Ausführungvon ,Alltäglichem’,aber auch in der Umsetzung neuer Projekte und Ideen für die Pflege. Für Bewohner und Patienten bin ich in beratender Funktion zuständig, beispielsweise für Notfallverfügungen.“

Wie kam ich zur Pflege?

Sie habe die Ausbildung zur Krankenschwester bewusst gewählt, betont Angelika Schmidt: „Der Beruf galt schonimmer als krisensicher, hatte etwasmit Medizin zu tun (was ich nicht studieren wollte und auch nicht konnte – für diese Fälle ist diePflege eine richtige Alternative) und erschien mir als gute Basis für jegliche weitere berufliche Entwicklung.“ Sie habe dann Pflegeberuf und Familie in der ambulanten Pflege auch gut vereinbaren können und noch ein Studium des Pflegemanagements gewählt, so Angelika Schmidt. „Nach einem Praktikum während des Studiums in einem Seniorenheim bin ich begeistert in der Altenhilfe geblieben, als Pflegekraft, Pflegedienstleitung und Einrichtungsleitung.“ Heute bestätige sich ihre Einschätzung, dass man sich im Pflegebereich immer weiterentwickeln könne. „Ein Studium, sei es als duale Grundausbildung zur Pflegefachfrau oder aufbauend beispielsweise in Pflegewissenschaften, Pflegepädagogik oder Pflegemanagement, vertieft Fachwissen und Verständnis von gesamtgesellschaftlichen Vorgängen“, erklärt die 47-Jährige. „Es verbessert die Argumentationsfähigkeit und konkret auch die beruflichen Chancen.“ Ein Studium biete auch den Vorteil, dass es teilweise Zusatzqualifikationen mit sich bringe, die sonst nach einer Ausbildung noch berufsbegleitend und kostenpflichtig erworbenwerdenmüssten.Dazuzählten etwa die eingangsbenannte Praxisanleitung in der Pflege oder Gerontopsychiatrische Fachkraft, ebenso Qualitätsbeauftragte, Pflegedienstleitung und Einrichtungsleitung.

Was gibt mir der Beruf?

„Die Möglichkeit, als Pflegefachkraft routiniertundfachlich kundig Unterstützung bieten zu können, gibt unmittelbar Befriedigung“, formuliert es Angelika Schmidt. „Wennman dann noch dazubeiträgt, dassdurcheigene Anleitung, Beratung oder Pflegemaßnahmen gesundheitliche und soziale Verbesserungen für einen Betroffenen eintreten, macht der Beruf einfach Sinn.“ Oft bringe der zwischenmenschliche Kontakt aber auch gute Laune, erzählt Angelika Schmidt und nennt Beispiel: „In der Altenhilfe finde ich persönlich besonders toll, dass ich durch die Erzählungen der Senioren viele regionale – zeitgeschichtliche, städtebauliche, personenbezogene – ,Geheimnisse’ aus erster Hand erfahren habe, die in keinem Geschichtsbuch und in keinem Stadtplan stehen.“ Und noch etwas begeistert sie: „In meiner jetzigen Funktion kannich fürMitarbeiter undBetroffene sprechenundhandeln. Die Nähe meiner Stelle zur Geschäftsführerin zeigt die hohe Bedeutung der Altenpflege für den Caritasverband, aber auchdenBedarf nach zusätzlichenStellen, dem die Caritas gerecht wird.“

Djanabati Atarigbe: Djanabati Atarigbe ist 23 Jahre altundalsAltenpflegefachkraft im Caritas Seniorenheim Sankt Bruno in Haßfurt tätig.

Wie kam ich zur Pflege?

„Schon als Jugendliche habe ich mich für die Arbeit mit Senioren interessiert“, erzählt Djanabati Atarigbe. „Praktika in verschiedenen Pflegeeinrichtungen haben mich schlussendlich davon überzeugt, dass der Pflegeberuf für mich genau das Richtige ist.“ Deshalb habe sie ihre Ausbildung zur Altenpflegerin im Seniorenheim Sankt Bruno absolviert. „Natürlich war die Ausbildung nicht immer einfach“, gesteht die 23-Jährige ehrlich. „Aber durch die Unterstützung meiner Kollegen, der Einrichtungsleitung und der Pflegedienstleitung, die immer für mich da waren und sind, und mir tatkräftig unter die Arme gegriffen haben, habe ich es geschafft und die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Seitdem arbeite ich als Pflegefachkraft im Haus Sankt Bruno.

Was gibt mir der Beruf?

„Mein Beruf bereitet mir sehr viel Spaß – auch wenn er physischundpsychisch sehr anspruchsvoll ist, gerade jetzt, zu Zeiten von Corona“, sagt Djanabati Atarigbe. Die Arbeit mit den Bewohnerinnen und Bewohnern sei nicht immer einfach, aber man lerne dabei viel – über sich hinauszuwachsen und mit verschiedenen Situation umzugehen beispielsweise. „Insgesamt aber macht die Arbeit mit den Senioren, die in unserer Einrichtung leben, und natürlich auch mit meinen Kolleginnen sehr viel Spaß“, freut sich die 23-Jährige: „Denn ich bekomme ganz viel Liebe und Dankbarkeit zurück. Ich bin allen Bewohnern und Kollegen sehr dankbar für das gute Miteinander.“ Weil sie selbst erfahrenhabe,wiewichtig es ist, in derAusbildung immer jemanden an der Seite zu haben, bei dem man sich Hilfe holen kann, „jemanden,der einemwas zeigtunderklärt“,wie Djanabati Atarigbe sagt, mache sienunauch gleich eine Weiterbildung zur Praxisanleiterin (Mentorin). „Damit kann ich dazu beitragen, dass neue Auszubildende auch eine Ansprechperson haben, zu der sie jederzeit kommen können und die für sie da ist.“

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