Lorenz-Günther Köstner, einst Mannschaftskollege von Jupp Heynckes in den glorreichen Mönchengladbacher Zeiten, schwärmt in höchsten Tönen vom Bayern-Trainer. Er sei einer, der den Fußball über alles liebt, der deswegen auch den hektischen Bundesliga-Alltag vor Jahren wieder dem Rentnerdasein vorgezogen habe. Die Gefühle, die Jupp bei der Pressekonferenz in Mönchengladbach gezeigt habe, so Köstner, hätten alles über den Menschen Heynckes und sein Verhältnis zum Fußballsport ausgesagt.

Köstner selbst ist auch einer dieser Trainer-Generation. Er nahm sich gern die Zeit, das Champions-League-Finale zu analysieren. Fußball ist auch sein Leben. Noch sei er nicht zu alt, sagt der 61-Jährige, der nach dem Ende seines Wolfsburger Engagements nun an seinen Hauptwohnsitz nach Stuttgart zurückkehren wird.

Im Busch sei immer was. Lorenz-Günther Köstner lässt keinen Zweifel daran, dass ihn die Fans wieder auf der Fußball-Bühne erleben werden. „Ich mache erst einmal Urlaub, so ab September wird man dann sehen, wie sich alles entwickelt.“ Er wartet auf seine Chance, das Feuer brennt noch.

Am Samstagabend wird der gebürtige Wallenfelser, der zwei, drei Mal im Jahr die Verwandten im Frankenwald besucht, zu Hause vor dem Fernseher sitzen.

Und wem drückt er die Daumen? „Ich bin zwar eher neutral, aber meine Sympathien liegen doch bei den Münchnern. Während meiner Unterhachinger Zeit habe ich Uli Hoeness und den Verein kennen und auch schätzen gelernt.“
Das Ergebnis seiner Analyse der beiden Finalisten sieht den FC Bayern München leicht in der Favoritenrolle – eine Einschätzung, die Millionen anderer Fans in Deutschland wohl teilen.

Zur Person:
  • Er ist seit über 40 Jahren im Profigeschäft tätig: Lorenz-Günther Köstner. Der in Wallenfels geborene Fußball-Lehrer spielte zuletzt zwei Mal für einige Monate den Feuerwehrmann auf der Trainerbank des VfL Wolfsburg. 2010, als Armin Veh entlassen wurde, und im Oktober 2012, als Felix Magath den Stuhl räumen musste. Für unsere Zeitung nimmt der Fachmann die beiden deutschen Champions-League-Finalisten unter die Lupe.
  • Köstner war in den 1970er-Jahren über den FC Wallenfels, den FC Bayern Hof und den VfB Helmbrechts zu Borussia Mönchengladbach gekommen, wo er in der Saison 1974/75 an der Seite von Jupp Heynckes den deutschen Meistertitel und den UEFA-Pokal holen konnte. Weitere Stationen als Aktiver waren Bayer Uerdingen und Arminia Bielefeld.
  • 1982 begann Köstner seine Trainer-Karriere in Hof, bis heute war er bei zwölf Vereinen tätig. Seine größten Erfolge feierte der 61-Jährige als Assistent von Christoph Daum beim VfB Stuttgart (deutscher Meister 1992) und als Cheftrainer der SpVgg Unterhaching, die er 1999 in die 1. Bundesliga führen konnte. Zuletzt war er für die zweite Mannschaft des VfL Wolfsburg zuständig. Sein Vertrag in der VW-Stadt endet mit Ablauf dieser Saison.


Hier finden Sie Lorenz-Günther Köstners Analyse:


Die Bewertung der Mannschaften:

Bayern:
Die Bayern haben sich vor der Saison nochmals sehr gut verstärkt. Ihr Kader ist dadurch vor allem in der Breite hervorragend aufgestellt. In dieser Hinsicht sind sie dem BVB in dieser Saison einfach einen großen Schritt voraus. Die Bayern können eventuelle Ausfälle viel besser kompensieren und verlieren bei Auswechslungen nicht an Qualität.

Dortmund:
Die jungen Wilden der Dortmunder treten mit zwei Titelgewinnen im Rücken durchaus selbstbewusst auf. Obwohl der BVB vor allem im Mittelfeld brutal laufstark ist und in den vergangenen zwei Jahren internationale Reife erlangt hat, verfügen die Dortmunder nicht über so viel Erfahrung wie die Bayern. Das könnte eventuell den Ausschlag zugunsten der Münchner geben.


Der Angriff:

Bayern:
Ich denke, Mario Mandzukic wird von Beginn an spielen. Er hat bei den Bayern genauso eingeschlagen wie Martinez und Dante, ist beweglich und torgefährlich. Ein kleiner Nachteil ist, dass er aufgrund der Rotation öfters für Gomez oder Pizarro Platz machen musste. So hatte er letztendlich auch keine Chance auf die Torjägerkrone, die er durchaus hätte holen können.

Dortmund:
Mit Robert Lewandowski haben die Dortmunder einen hochkarätigen Stürmer in ihren Reihen, der öfter auch auf die Flügel ausweicht. Hier sehe ich einen leichten Vorteil für den BVB. Der Pole hat in der Bundesliga 24 Mal und in der Champions League bislang zehn Mal getroffen. Darunter waren außergewöhnliche Treffer, bei denen er seine Extraklasse bewiesen hat.


Die mentale Stärke:

Bayern:
Die Bayern sind stark, vollgepumpt mit Selbstvertrauen. Sie waren in vier Jahren drei Mal im Endspiel – eine super Leistung. Darin liegt aber auch die Gefahr. Was passiert, wenn sie in Rückstand geraten? Jupp Heynckes wird sie zwar auf diese Situation vorbereiten, doch weiß man nicht, wie die Mannschaft dann reagiert. Sie weiß, dass sie alles verspielen kann.

Dortmund:
Die Dortmunder haben im Vergleich zu Bayern nichts zu verlieren, sie können nur gewinnen. Jeder sagt, dass der BVB im Wembley-Stadion nur Außenseiter ist und München der Favorit. Klopps Team kann damit gut leben. Ein weiterer Vorteil: Die Dortmunder wissen, dass die letzten Begegnungen gegen die Bayern stets knapp waren und daher alles möglich ist.


Die Torhüter:

Bayern:
Manuel Neuer gehört zweifellos zu den besten Torhütern der Welt. In dieser Saison war er allerdings nicht der stärkste in der ersten Bundesliga und der Champions League. Neuer hat einige Fehler gemacht. Man muss ihm aber zugute halten, dass er hinter einer bärenstarken Abwehr gespielt hat. Er wurde nur wenig geprüft und das war nicht gut für seine Form.

Dortmund:
Roman Weidenfeller hat sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich weiter entwickelt. Er sammelte in der Bundesliga und in der Champions League Erfahrung und konnte seine Leistungen mehr und mehr stabilisieren. Mittlerweile ist Weidenfeller eine Klasse für sich. Vor allem in der abgelaufenen Saison war er in allen Wettbewerben überragend.


Das offensive Mittelfeld:

Bayern:
Mit Robben und Ribery stürmen an den Flügeln zwei Weltklasse-Leute, die Spiele mit Einzelaktionen entscheiden können. Das Offensivspiel wird aber auch von Thomas Müller geprägt, der brutal wertvoll für die Bayern ist. Er ist torgefährlich, macht die Wege in die Spitze und – ganz wichtig – er schließt immer wieder entstehende Lücken nach hinten.

Dortmund:
Schade ist, dass Götze nicht auflaufen kann. Er ist ein Ausnahmespieler, den es in Deutschland lange nicht mehr gegeben hat. Er wird dem BVB fehlen – gut für die Bayern. Die Qualitäten von Marco Reuß sind aber auch enorm, sowohl technisch als auch vor dem Tor. Die anderen Mittelfeldleute wie Blaszczykowski oder Großkreutz sind ebenfalls schnell, giftig und laufstark.


Die Viererkette:

Bayern:
Betrachtet man die bisherige Saison, wirkte die Viererkette des FC Bayern deutlich stabiler im Vergleich zum BVB. Die wenige Gegentore belegen das. Mit Lahm und Alaba besitzen die Münchner zwei technisch und läuferisch starke Außen. In der Innenverteidigung ist Dante – übrigens ein super Einkauf – eine Bank. Boateng oder Van Buyten stehen ihm in nicht viel nach.

Dortmund:
Der BVB hatte in der Kette oft und länger mit Verletzungen zu kämpfen, sodass eine gewisse Konstanz fehlte. Ganz wichtiger Mann ist Lukasz Piszczek, der die Duelle gegen Franck Ribery meist für sich entschied. Schmelzer, Subotic und Hummels, der angeschlagen ist, aber wohl auflaufen wird, sind schwer auszuspielen, wenn sie ihr Potenzial abrufen können.


Das defensive Mittelfeld:

Bayern:
Anfangs haben sich viele Fans bei der Verpflichtung von Martinez gefragt, ob er die 40 Millionen wert ist. Doch die Bayern haben ihn bewusst geholt. Er ist mittlerweile einer der wertvollsten Spieler. Der Spanier geht lange Wege, schließt die Lücken und hält Schweinsteiger den Rücken frei. So kann dieser seine strategischen Aufgaben perfekt erfüllen.

Dortmund:
Gündogan und Sven Bender stehen dem Duo Martinez/Schweinsteiger in nicht viel nach. Sie machen eventuelle Defizite durch erhöhtes Laufpensum wett. Im Verbund mit den anderen Defensivkräften wird ihre Hauptaufgabe darin bestehen, zu vermeiden, dass Robben und Ribery in die Mitte rein ziehen können. Zuletzt haben sie das immer wieder super gemacht.


Die Trainer:

Bayern:
Jupp Heynckes, mit dem ich in Gladbach zusammengespielt habe und mit dem ich regelmäßig in Kontakt stehe, verfügt über einen riesigen Erfahrungsschatz. Dieser macht ihn auch zum richtigen Mann für die Bayern. Er weiß, wie er mit Stars umgehen muss. Jupp liebt den Fußball mit Haut und Haaren. Und das spürt seine Mannschaft.

Dortmund:
Jürgen Klopp verkörpert einen völlig anderen Trainer-Typ. Er ist damals zum richtigen Zeitpunkt zum richtigen Verein mit den richtigen Leuten gekommen. Für den BVB und seine Fans ist er der ideale Mann. Er gilt als großer Motivator und ist durch seine TV-Analysen hochgekommen. Klopp tritt sehr, sehr smart auf, kann aber knallhart sein und ist oft unbeherrscht.