Schneekatastrophe vor fast 47 Jahren Trotz Klimakrise: Jahrhundertwinter wie 1978/1979 sind weiter möglich

Markus Brauer

Deutschland bibberte in der Kälte, es gab Schneefall ohne Ende. Den Jahreswechsel 1978/79 haben viele bis heute nicht vergessen. In Norddeutschland türmten sich bis zu sieben Meter hoch die Schneewehen, die Versorgung der Bevölkerung geriet in Gefahr. Baden-Württemberg und Stuttgart dagegen blieben von der Schneekatastrophe weitgehend verschont. Ein Rückblick in Text und Bildern.

Fast 47 Jahre ist her: Eine Eisfront mit sibirischer Kälte überzieht zunächst den Norden und später den gesamten Norden und Osten Deutschlands. Die Insel Rügen - damals noch DDR-Staatsgebiet - trifft es ganz besonders hart. Rund 40 Dörfer sind nicht mehr erreichbar. Bis zu sieben Meter hohe Schneewehen türmen sich auf den Straßen. Züge bleiben im Schnee stecken, Laster bleiben stecken, das Essen wird knapp. Die Nationale Volksarmee (NVA) setzt Bergepanzer und Bulldozzer ein, um die Straßen behelfsmäßig freizuräumen.

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Kältetote und abgeschnittene Dörfer in Deutschland

Baden-Württemberg und Stuttgart bleiben von diesem Jahrhundertwinter weitgehend verschont. Zwar schneit es auch hier ausgiebig, aber Endzeitszenarien wie in Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, Niedersachsen sowie im Norden und Osten der damaligen DDR gibt es nicht.

Obacht! Eine Schneekatastrophe wie im Winter 1978/79 ist nach Ansicht von Meteorologen auch in Zeiten der weltweiten Klimaerwärmung immer möglich. Die Wahrscheinlichkeit für ein solches Ereignis wird aber zunehmend geringer.

Im Winter vor 46 Jahren war es zu einem ungewöhnlichen Zusammentreffen mehrerer Wetterphänomene gekommen. Dazu gehörten eine extreme Kälte im Norden und ein aus dem Süden kommendes, sehr langsam ziehendes Tief, so dass die kalte Luft über der Ostsee zusätzlich viel Feuchtigkeit aufnehmen konnte.

Klimaforscher hält mehr Kältewellen wegen Klimawandels für denkbar

Extreme Kältewellen wie damals in Europa können nach Angaben des Klimaforschers Stefan Rahmstorf im Zuge des Klimawandels sogar häufiger werden – und die Winter dennoch wärmer. „Das kann man auch darauf zurückführen, dass der Polarwirbel instabil geworden ist“, erläutert der Leiter der Abteilung Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

Der Polarwirbel dreht sich normalerweise um die Arktis in der Stratosphäre, der zweiten Atmosphärenschicht, gegen den Uhrzeigersinn und beeinflusst so das Wetter in der Troposphäre - der unteren Atmosphärenschicht.


Kaltluft verlagert sich

Der Polarwirbel schließe die arktische Kaltluft ein, solange er sich nicht abschwächt oder gar umkehrt. „Dann kann die Kaltluft, die normalerweise in diesem Wirbel über dem Pol gefangen ist, auf Abwege geraten und auf die angrenzenden Kontinente wandern“, erläutert Rahmstorf. So kann es nach Angaben des Forschers passieren, dass es in Nordamerika oder Nordeuropa sehr kalt wird.

„Dann wird es in der Arktis besonders warm. Die Kaltluft verlagert sich“, fährt Rahmstorf fort. Sollte die Erderwärmung weiter s0 fortschreiten, dass sich in der Arktis nur wenig oder kein dauerhaftes Eis mehr bildet, könnte sich dort auch keine kalte Luft wie im Winter 1978/1979 ansammeln.