Schule im Lockdown „Nervenaufreibender Drahtseilakt“

Von Max Lachner

Der Start in den zweiten Lockdown war an vielen Schulen des Coburger Landes sehr holprig. Eine stressige Zeit für Schüler, Eltern und Lehrer, sagt Max Lachner, Vorsitzender des Kreisverbandes des Bayerische Lehrerinnen- und Lehrer-Verbandes Coburg-Land.

Distanzunterricht fordert nicht nur die Schülerinnen und Schüler Foto: Stefan Puchner

Coburg - „Die erste Woche Distanzunterricht im neuen Kalenderjahr liegt hinter uns. Trotz intensiver Vorbereitungen in den letzten Monaten und Wochen war auch der Start in den zweiten Lockdown an vielen Schulen sehr holprig. Videokonferenzportale und Lernplattformen stürzten ab, die Last der gleichzeitigen Anfragen und Logins konnte oft technisch von den überlasteten Servern nicht gestemmt werden.

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Die Schulen und Lehrkräfte haben in den letzten 300 Tagen nach den ersten Schulschließungen im März 2020 viel dazugelernt. Es wurden Instrumente zur Online-Kommunikation und Lernstoffvermittlung eingeführt, Apps eingekauft und Leihgeräte für Schüler angeschafft. Dennoch tritt noch vieles auf der Stelle: Es fehlt an der technischen Ausstattung der Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte, an der digitalen Infrastruktur - besonders für die Gruppen von Kindern, die schon im normalen Präsenzunterricht benachteiligt sind. So gibt es zum Beispiel in der Regel in Asylbewerberwohnheimen keinen Internetzugang, sozial schwache Familien mit mehreren Kindern können sich die Anschaffung von Laptops oder Tablets nicht leisten. Die Tagesschau bezeichnete Deutschland diese Woche als Entwicklungsland in Bezug auf digitales Lernen und benennt dafür die Gründe: Versäumnisse in der Vergangenheit. „Online-Unterricht hätte schon seit einem Jahrzehnt möglich gemacht werden müssen, nicht erst jetzt für den Ausnahmezustand der Corona-Zeit!“ Jetzt den Schulen und Lehrerinnen und Lehrern einen Vorwurf zu machen, ist Kritik an der falschen Stelle.

Rückmeldungen der Eltern

Es ist eine stressige Zeit für alle – Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte. Die Umstände, die sich aus der derzeitigen Situation heraus ergeben, den nervenaufreibenden Drahtseilakt zwischen Distanzunterricht, Notbetreuung, Infektionsschutz und Arbeitsleben spiegeln sich teilweise in den Rückmeldungen der Eltern wider: „Warum findet in der Notbetreuung kein Unterricht statt?“, „Wieso benutzen Sie nicht das gleiche Kommunikationsmedium wie die Schule meines anderen Kindes? Unseres stürzt immer ab“, „Wieso sind es nur sechs Stunden Unterricht pro Tag und nicht acht oder gar zehn?“, „Mein Kind kann die Aufgaben nicht allein lösen und ich habe nach der Arbeit nicht die Kraft, mit ihm noch zu lernen“, „Wieso bekomme ich jede Woche so viele Blätter in meinen Briefkasten?“, „Wieso muss ich mir die Arbeitsblätter ausdrucken, ich möchte, dass sie mir per Post zugestellt werden!“

Zeitintensiver

Die Lehrkräfte arbeiten im Distanzunterricht mehr und zeitintensiver – sie stehen unter Volllast: Videos drehen, App-Inhalte aussuchen, Powerpoints erstellen, digitale Klassenzimmer mit Inhalten bestücken, Materialpakete ausfahren, Videokonferenzen organisieren, Telefonate führen, ständig erreichbar sein für die Wünsche und Nöte der Eltern und Schülerinnen und Schüler. Am Wochenende dann die Rückläufe korrigieren und neue Pakete zusammenstellen und „nebenbei“: die Notbetreuung stemmen. Einen Tag von 8 bis 13 Uhr oder länger mit bis zu 15 Kindern aus 15 unterschiedlichen Hausständen in einem Raum zu arbeiten, mit Maske und allen 20 Minuten eiskaltem Stoßlüften – dies zu meistern ist kein „Nebenjob“ zur normalen Unterrichtstätigkeit. Dazu kommen die Ungewissheit und Angst, sich oder andere dabei mit dem Virus anzustecken. Die Kinder und Eltern sind ebenfalls mehr als im Präsenzunterricht gefordert.

Ferien sind notwendig

BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann nennt das Streichen von Ferien ein „No-Go“. Bildungserfolg braucht Rhythmisierung, braucht den Wechsel von Anspannung und Ruhephasen. Sicher gibt es etwas aufzuholen und wir werden diesen Lernlücken noch die nächsten Jahre hinterherlaufen. Deshalb fordert der BLLV: kein Aktionismus jetzt! Die Ferien sind für alle Beteiligten notwendig, um gesund zu bleiben!

Allen Lehrerinnen und Lehrern sage ich auch als Vater von vier Kindern Danke für ihre hervorragende Arbeit in dieser schwierigen Ausnahmesituation. Allen Eltern und Schülern viel Kraft und Erfolg im weiteren Distanzunterricht. Gemeinsam schaffen wir das! Bleiben Sie bitte alle gesund!“