Denn obwohl der Schwingverband gerne so tut, als seien im Sägemehl lupenreine Amateure am Werk, hat sich das Schwingen im Zuge der explodierenden Popularität in den vergangenen Jahren extrem professionalisiert. Es gibt eine eigene, zweiwöchentlich erscheinende Schwingerzeitung namens „Schlussgang“ mit einer Auflage von 20 000 Exemplaren. Panini gibt, analog zu einer Fußball-WM, seit Jahren ein Sammelalbum mit Klebebildern zum Eidgenössischen Schwingfest heraus. Das Schweizer Fernsehen überträgt alle zehn großen Schwingfeste von der ersten bis zur letzten Sekunde live, in diesem Jahr mehr als 100 Stunden. In Mollis wird alles an Technik aufgefahren, was möglich ist. 50 Mitarbeiter und 14 Kameras (darunter eine Spinnenkamera, die über die gesamte Schwing-Arena fliegen kann) fangen das Geschehen in und um die Sägemehlringe ein. Mehr als 20 Stunden wird am Samstag und Sonntag live aus dem Glarnerland gesendet. Wenn die beiden erfolgreichsten Festteilnehmer am Sonntagnachmittag zum Schlussgang antreten, dürfen die Fernsehmacher auf Einschaltquoten von bis zu 75 Prozent hoffen.
Streit um Werbemöglichkeiten
Anlass für Streit und Diskussionen geben immer wieder die strengen Regularien bezüglich Werbung und Sponsoren. So dürfen die Schwinger in der Arena nur auf ihrer Kappe für einen persönlichen Sponsor werben, auf den Trainingsanzügen stehen meist die Sponsoren des jeweiligen Teilverbands – das war’s an Werbung im Stadion. Sobald es am Kampfrichtertisch vorbei geht, ist alles werbefrei. Dem Interesse der Firmen scheint dies keinen Abbruch zu tun. Versicherungen, Autofirmen, Küchenhersteller – die Wirtschaft engagiert sich gerne im Sägemehl.
Schwinger verdienen durch Werbung heute doppelt so viel, wie vor zehn Jahren. 3,37 Millionen Franken haben die Athleten 2024 durch Werbung verdient – ein Rekordwert. Es heißt, dass ein Schwingerkönig etwas falsch mache, wenn er in den drei Jahren nach seinem Titel nicht an die eine Million Franken verdiene. Grand-Slam-Sieger Stucki dürfte das geschafft haben, noch heute ist er für den deutschen Discounter Lidl der populäre Botschafter in der Schweiz. „Dass ich einmal von meinem Sport leben kann, hätte ich auch nie gedacht“, sagt Stucki.
Zehn Prozent kassiert der Verband
Zehn bis 15 Sportler können dank Sponsoring mit dem Schwingen ihren Lebensunterhalt verdienen. Zugeben würde das kaum einer, denn Vollprofitum wird in Schwingerkreisen nicht gern gesehen. Alles dürfen sie dabei ohnehin nicht behalten. Zehn Prozent ihrer Werbeeinnahmen müssen die Schwinger dem Schwingerverband abgeben, dieser verwendet es für die Nachwuchsförderung und die Dopingbekämpfung. König Stucki sieht das mittlerweile gelassen. „Wenn man etwas Erfahrung hat, ist das ein Frage der Vertragsgestaltung mit dem Sponsor: Man vereinbart eine Summe, und dann gibt es eben noch zehn Prozent für den Verband obendrauf.“
An den Schwingfesten selbst gibt es kein Geld, sondern Sachpreise zu gewinnen. Im sogenannten Gabentempel stehen Preise im Wert von rund einer Million Franken, darunter ein kleines Auto, Werkzeuge aller Art, Holzmöbel, ein Whirlpool, ein Boot oder Kuhglocken. Auf den Schwingerkönig wartet ein „Lebendpreis“, in diesem Jahr der Muni Zibu, ein mehr als 800 Kilogramm schwerer Stier. In der Regel einigt sich der Schwinger allerdings mit dem Spender darauf, dass das Tier beim Züchter bleibt und er dafür den finanziellen Gegenwert erhält.
Umrahmt werden die Kämpfe von Jodlerchören und der Präsentation der Lebendpreise, neben dem Sieger-Zuchtstier noch Kühe und Pferde. Idylle pur – und ein Stück heile Welt. Das gilt auch im Sägemehlring. Am Ende des Kampfes hilft der Sieger dem Verlierer auf und wischt ihm das Sägemehl vom Rücken – auf ein gutes Miteinander.