Selb Porzelliner lassen die Krise hinter sich

Ein Italiener rettete die Rosenthal AG aus ihrer größten Schieflage. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Firma erholt. Den Strukturwandel hat Selb inzwischen überstanden.

Selb - Es ist Königstraum und Massenware: Schon seit dem 19. Jahrhundert ist Porzellan aus kaum einem Haushalt mehr wegzudenken. Und eine Stadt war mit diesem Aufstieg so eng verbunden, dass sogar ihr Beiname noch heute weltweiten Ruf genießt: Porzellanstadt Selb.

Unternehmensgeschichte

1879 gründet Philipp Rosenthal das Unternehmen in Selb

1950 tritt sein Sohn Philip Rosenthal ins Unternehmen ein

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs verschärft sich die Konkurrenz aus Asien, 1995 gerät die Rosenthal AG tief in die roten Zahlen

1997 kauft der irisch-britische Konzern Waterford Wedgwood das Unternehmen

2007/2008 kommt es zu Entlassungen, die Zahl der Mitarbeiter sinkt auf 1350

Am 9. Januar 2009 meldet die Rosenthal AG Insolvenz an

Im August 2009 übernimmt die italienische Sambonet-Gruppe das Unternehmen

Viele Porzellanhersteller mit klingenden Namen trugen von dort aus oberfränkische Porzellantradition jahrzehntelang in die Welt hinaus. Doch Stück um Stück mussten sich die Firmen gewandelten Begebenheiten beugen, bis zuletzt nur noch Rosenthal als größter Vertreter der einst reichen Tradition übrig blieb.

Umso deutlicher ist der 9. Januar 2009 vielen Porzellinern in bleierner Erinnerung. "Einen schwarzen Tag für Rosenthal" nannte der damalige Vorstandschef der Rosenthal AG, Ottmar C. Küsel, den Tag vor genau zehn Jahren, als das einstige Vorzeigeunternehmen in die Insolvenz schlitterte.

Angeschlagen war das Unternehmen vor allem wegen des immer schneller voranschreitenden Strukturwandels bereits vorher. Zwei Jahre zuvor, im Frühjahr 2007, gingen über 3000 Menschen auf die Straße, um gegen einen geplanten Stellenabbau zu demonstrieren. "Du warst für uns ein Held, seit deinem Tod ist Rosenthal in Not", stand in großen Lettern auf Plakaten, die ein Bild von Philip Rosenthal, dem 2001 gestorbenen Unternehmer zeigten. Ein Jahr später mussten trotzdem 270 Mitarbeiter gehen.

"Der Insolvenz ist ein quälender Prozess vorausgegangen", erinnert sich der damalige Selber Oberbürgermeister Wolfgang Kreil im Gespräch mit unserer Zeitung. Zunächst hätten die Beschäftigten auf Teile ihrer Gehälter verzichtet, sagt Kreil. Doch auch das hätte am Ende nichts mehr gebracht. Die Nachricht der Insolvenz hat nach seinen Worten in der Stadt "wie eine Bombe eingeschlagen". Als die Porzellanindustrie weggebrochen sei, hat es vielen "die Füße weggezogen". Auch am zweiten Rosenthal-Standort in Speichersdorf im Landkreis Bayreuth gab es bange Blicke nach Selb. "Mein Bürgermeister-Kollege war hochnervös", sagt Kreil.

"Teilweise liefen ganze Familien Gefahr, dass ihnen die Lebensgrundlage entzogen wird", sagt auch Ulrich Pötzsch, Kreils Nachfolger im Amt des Oberbürgermeisters und damals in seinem ersten Jahr als Stadtrat. "Es war für alle eine Schocksituation und lange war nicht klar, wie und ob es überhaupt weitergeht."

Die Insolvenz des Porzellanherstellers zog weite Kreise, sogar bis nach München. Schon einen Tag, nachdem die Meldung der Insolvenz die Runde gemacht hat, stattete der damalige bayerische Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) der Stadt einen Besuch ab und stellte die Hilfe der Staatsregierung in Aussicht. Und die kam auch, als Insolvenzverwalter Volker Böhm am 20. Juli 2009 mitteilte, dass der italienische Besteckhersteller Sambonet Paderno unter Führung von Pierluigi und Franco Coppo zum 1. August den Geschäftsbetrieb von Rosenthal übernimmt.

Fünf Millionen Euro aus Mitteln der Regionalförderung hatte Zeil im Gepäck, als er nur wenige Tage nach der guten Nachricht in die Porzellanstadt kam. "Die Bedingung für finanzielle Unterstützung aus dem Wirtschaftsministerium war aber, dass Arbeitsplätze erhalten bleiben", schildert Kreil die Überlegungen.

"Coppo ist es gelungen, Rosenthal zu stabilisieren und in eine neue Zukunft zu führen", lobt Pötzsch die Anstrengungen des Italieners. "Als neuer Eigentümer hat er sowohl den Wert der Firma als auch der Marke erkannt." Und Wolfgang Kreil ergänzt: "Rosenthal hat seitdem wieder einen echten Unternehmer als Chef."

Rosenthal war gerettet, und auch die Selber Politik konnte aufatmen. Jahrzehntelang hatte sich die Stadt, die einmal knapp 24 500 Einwohner zählte und aktuell etwa 15 000 hat, einzig und allein auf die Porzellanindustrie konzentriert. "In den Porzellanfabriken waren Tausende Menschen beschäftigt, die Druckereien arbeiteten für die Porzellanindustrie, die Schreiner arbeiteten für sie", zählt Kreil auf. Eine Monokultur.

Selb sei glücklich, dass es nach wie vor Porzellanstadt sei, betont Pötzsch. "Mit porzellanproduzierenden Firmen vor Ort." Drumherum habe sich mittlerweile aber eine gesunde Wirtschaftsstruktur entwickelt: von Dienstleistern angefangen über andere Industriebetriebe, Behörden und Forschungseinrichtungen. Nach seiner Schätzung hat die Branche aktuell noch etwa einen 20-prozentigen Anteil an der Wirtschaftskraft der Stadt. "Von der Zahl der Mitarbeiter sind andere Unternehmen aber größer", sagt er.

Ganz erholt habe sich die Stadt vom Strukturwandel zwar noch nicht, sagt der frühere Oberbürgermeister Wolfgang Kreil. "Aber die großen Probleme sind weg." Und trotzdem: Selb hat weiterhin seinen Weltruf als Porzellanstadt. "Egal, wo man in der Welt unterwegs ist, man wird automatisch auf das Porzellan angesprochen, wenn man sagt, woher man kommt."

2001, in seinem ersten Jahr als Bürgermeister, da hätten an manchen Tagen Dutzende junge Leute bei ihm im Büro gestanden, die keinen Job fanden, erinnert sich Kreil. "Heute werben die Firmen darum, dass junge Leute zurückkommen. Das ist doch ein Wandel."


zitat

Rosenthal

hat seitdem

wieder einen echten

Unternehmer als Chef.

Wolfgang Kreil, ehemaliger

Oberbürgermeister, über

Geschäftsführer Pierluigi Coppo



zitat

Teilweise liefen

ganze Familien

Gefahr, dass ihnen

die Lebensgrundlage

entzogen wird.

Ulrich Pötzsch,

amtierender Oberbürgermeister

Autor

 

Bilder