Blickkontakt, Körpersprache, Weglaufen, Hilfe holen - schon bevor es zu Gewalt kommt, gebe es ein ganzes Repertoire an Verhaltensweisen, das Frauen lernen könnten. Aktiv werden müsse eine Frau so früh wie möglich - am besten, wenn ihr Bauchgefühl sie warne, dass etwas nicht stimme.
Das gelte auch für Anmache und Belästigung. "Ich habe selbst 1.000 Situationen erlebt. Ich hatte einen Chef, der mir an die Brüste gegangen ist, und ich wusste nicht, was ich machen soll und habe ihn nur angelächelt", erinnert sich Graff.
Körpersprache und Selbstverständnis schützen
"Heute gehe ich ganz anders, habe eine andere Körpersprache, ein anderes Selbstverständnis. Meine Erwartung an die Welt ist Respekt, und das gebe ich auch zurück. Warum soll ich erlauben, dass jemand mich respektlos behandelt? Ich werde das nicht tolerieren. Wenn wir diese Einstellung haben, dann kommen auch die Anmache und Belästigung nicht", sagt die 75-Jährige.
Wichtig sei, nicht in eine Schuldumkehr zu geraten: "Nicht, dass wir denken, wir werden angemacht, weil wir nicht stark genug sind. Wir werden keine Gewalt in unserem Leben erleben, es sei denn, dass wir einem Gewalttäter begegnen", stellt Graff klar.
Sie berichtet von einer Frau, die ihren gewalttätigen Mann verlassen habe, nachdem sie darüber gesprochen hatten, dass es wert sei, sich zu wehren. "Sie hat den Mut in sich gefunden. Manchmal brauchen wir die Erlaubnis, einen Impuls", sagt Graff.
Gewalt in engen Beziehungen
Für Entsetzen hatte zuletzt im Juli ein Femizid in Kelkheim gesorgt, bei dem ein Mann seine Frau nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft mit einer Machete tödlich verletzte. Als Femizid wird bezeichnet, wenn Frauen aufgrund ihres Geschlechts getötet werden, also weil sie Frauen sind. Als häufigste Form gilt die Tötung von Frauen durch Partner oder Ex-Partner.
Graff verweist darauf, dass die meiste Gewalt gegen Frauen im Freundes- oder Bekanntenkreis sowie in Intimbeziehungen stattfindet: "Je intimer, desto gefährlicher ist das für Frauen, gerade wenn sie versuchen, eine Beziehung zu verlassen. Es ist wichtig, sich dann an eine Beratungsstelle zu wenden", sagt die 75-Jährige.
Im Verein sind derzeit rund 30 ehrenamtliche Trainerinnen aktiv. Eine von ihnen, Stephanie Gall, sagt, sie setze sich dafür ein, dass Frauen weniger Angst im Alltag haben - wenn sie zum Beispiel nachts alleine unterwegs sind.
Eine weitere Trainerin, Mahsa Nangeli, sagt, ihr sei es ein großes Anliegen, anderen Frauen Mut zu machen, auch für den Fall sexistischer Äußerungen. "Wir sind nicht geboren, um Angst zu haben, sondern um uns zur Wehr zu setzen." Sich dazu zu entschließen, könne viel Kraft und Energie freisetzen.