Sensation am Goldbergsee Seltenste Gänseart Europas in Coburg gesichtet

Bernd Leuthäusser, LBV Coburg

Zwerggänse sind in Deutschland nur sehr selten Gäste und gelten weltweit als gefährdet. Am Goldbergsee wurden nun aber zwei Tiere gesehen. Eine Sensation für Ornithologen.

Die Zwerggans, Europas seltenste Gänseart, wurde jetzt am Goldbergsee entdeckt. Foto: LBV Coburg/Bernd Leuthäusser

Es musste schon ein wirklich kompetenter und darüber hinaus hoch aufmerksamer Vogelbeobachter vor Ort sein, um die jüngste ornithologische Sensation am Goldbergsee überhaupt zu sehen. Sebastian Lehmeier war es, der die zwei Zwerggänse schließlich durch sorgfältige Beobachtung in einer Gruppe Feldgänse entdeckte: Zwischen vielen Kanada-, Grau- und einer kleineren Anzahl Blässgänse waren tatsächlich zwei Zwerggänse zu sehen – eine bisher noch nicht beobachtete Vogelart am Goldbergsee! Es ist damit die 236. Vogelart, die rund um das Naturschutzgebiet Goldbergsee und Glender Wiesen gesichtet wurde. Beide Areale sind mittlerweile hoch artenreich und deswegen so wertvoll für den Naturschutz.

Nach der Werbung weiterlesen

Zwerggänse unterscheiden sich von den eng verwandten Blässgänsen nur durch den gelben Lidring, die etwas höher gezogene Blässe und die etwas geringere Größe. Um diese Unterscheidungsmerkmale in einer größeren Gruppe Vögel festzustellen, braucht es ein Spektiv oder zumindest ein gutes Fernglas, Wissen und Geduld.

Global gefährdet und seltener Wintergast

Was ist nun das ganz Besondere an der Zwerggans? Sie ist die seltenste Gänse-Art Europas, sie gilt als global gefährdet und ist in Deutschland ein sehr seltener Durchzügler oder Wintergast. Seit Ende der 1970er Jahre ist sie aus weiten Teilen ihrer Brut-Areale, die von den nördlichen Gebieten Skandinaviens über den Ural bis weit nach Sibirien reichte, verschwunden. Selbst in Skandinavien gibt es heute nur noch wenige Dutzend Brutpaare, europaweit sind es laut der Datenbank für Vögel www.avi-faun.info nur noch 250 bis 400 Brutpaare. Menschliche Bejagung hat die Zwerggans an den Rand des Aussterbens gebracht, dennoch wird die Art in Osteuropa und Russland bis heute weiter bejagt. Die Auswilderung in Menschen-Obhut aufgezogener Zwerggänse konnte den Abwärtstrend bisher nicht aufhalten.

Die Zwerggänse am Goldbergsee Foto: LBV Coburg/Urs Leuthäusser

Die Beobachtung einer solchen seltenen Art ist auch für geübte Ornithologinnen und Ornithologen etwas ganz Besonderes. Nachdem Vogel-Experte Sebastian Lehmeier seine Beobachtung am Samstag, 8. Februar, auf www.ornitho.de, dem zentralen Erfassungsportal für Vogelbeobachtung, veröffentlicht hatte, waren dann schon am Sonntagmorgen eine größere Anzahl Vogelkundler vor Ort, um diese Rarität mit eigenen Augen zu sehen.

Nach der Bestimmung der Art war ornithologisch außerdem noch die Frage wichtig, ob die beiden Zwerggänse aus einem der skandinavischen Auswilderungsprojekte stammen oder gar nur einem Wassergeflügelhalter entflohen waren. „Nachdem die beiden auf der Wiese bis zu den Füßen klar zu sehen waren, und wir keinen Ring einer Vogelwarte oder eines Züchters feststellen konnten, kann man davon ausgehen, dass es sich hier um in freier Wildbahn geborene Vögel handelt. Dafür spricht auch, dass die Zwerggänse ganz arttypisch gemeinsam mit den wilden nordischen Blässgänsen auftauchten“, berichtet Sebastian Lehmeier.

Wie kann man die Gänse unterscheiden?

Grundsätzlich ist es sehr schwierig, Gänse zu unterscheiden. Weil zwischen den Allerwelts-Arten am Goldbergsee auch immer hoch gefährdete Gänse-Arten auftreten, findet der LBV Coburg die Forderung nach einer allgemeinen Gänsebejagung dort mehr als problematisch. „Eine sichere Unterscheidung zwischen Blässgans und Zwerggans oder Kurzschnabelgans und Saatgans oder Tundra- und Taigasaatgans oder Singschwan und Zwergschwan ist unter realen Jagdbedingungen nahezu unmöglich und nur Spezialisten unter guten optischen Beobachtungsbedingungen möglich“, sagt Erster Vorsitzender des LBV Coburg, Frank Reißenweber. „Schon aus diesem Grunde verbietet sich in einem Gebiet, in dem immer wieder hoch gefährdete Arten auftauchen, jegliche Gänsejagd.“

Die Ornithologische Arbeitsgemeinschaft (OAG) im LBV ist ein Zusammenschluss avifaunistisch interessierter Naturfreunde. Hauptbeobachtungsgebiet ist das Naturschutzgebiet Glender Wiesen mit dem angrenzenden Goldbergsee im Nordwesten von Coburg. Natürlich ist die OAG auch in anderen hochinteressanten Lebensräumen im Coburger Land und darüber hinaus aktiv: So bietet der ehemalige Grenzstreifen, der Itzgrund oder der Froschgrundsee weitere hochinteressante Beobachtungsziele. Auch das Maintal oder die Kranichrastgebiete in Brandenburg werden von den Coburger Vogelkundler besucht. Zusätzlich erforscht und erhebt die OAG die gesamte Avifauna im Coburger Land mit dem Ziel einer neuen Veröffentlichung der „Vogelwelt des Coburger Landes“.

Gleichgesinnte gesucht

Die Ornithologische Arbeitsgemeinschaft freut sich noch auf Gleichgesinnte. Interessenten melden sich unter coburg@lbv.de. Am Goldbergsee treffen sich die Ornithologen jeweils an jedem dritten Sonntag im Monat zur „Wasservogelzählung“, das älteste und umfangreichste Monitoringprogramm in Deutschland. Interessierte sind auch hier jederzeit willkommen.