Dass Migranten in der Silvesternacht nicht nur Täter waren, zeigte auch der erste Prozess zu den Übergriffen. In diesem Strafverfahren wurde 2016 ein marokkanischer Asylbewerber zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Der Angeklagte hatte einer Frau aus Baden-Württemberg das Handy aus der Hand gerissen, wobei die 20-Jährige selbst nicht gesehen hatte, wer es getan hatte. Ein anderer Mann rief ihr aber zu: "Das ist der Dieb!" Sie verfolgte den Täter, und als ihm jemand ein Bein stellte, holte sie ihn ein und ließ sich das Handy zurückgeben.
Im Gerichtssaal stand die bestohlene Frau dem Hinweisgeber kurz gegenüber. Sie lächelte ihn an und gab ihm die Hand. Und erfuhr, wer er war: ein afghanischer Flüchtling.
War die Silvesternacht wirklich das Ende der Willkommenskultur?
Die Kölner Silvesternacht löste 2016 eine intensive Debatte über die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und über das erschütterte Vertrauen in den Rechtsstaat aus. Dabei ging es auch um die Rolle der Medien, etwa um die Frage, ob in Berichten über Straftaten die Nationalität des Täters genannt werden sollte.
Vielfach wurde das Thema sexuelle Gewalt mit Migranten verknüpft - und manchmal schwang dabei mit: Wenn wir die fremden jungen Männer wieder loswerden, dann halten wir uns damit auch dieses Problem vom Hals. Die weitaus meisten sexuellen Übergriffe finden jedoch durch Freunde und in der Familie statt. Die "Stadtbild"-Debatte von 2025 nach Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte Anklänge an den damaligen Diskurs.
Immer wieder wurde die Kölner Silvesternacht als das Ende der deutschen Willkommenskultur beschrieben. Doch Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass sich ein so radikaler Umschwung nicht durch Zahlen belegen lässt. "Dass 2015/16 wirklich so eine Scheidelinie in der Migrationspolitik war - da bin ich skeptisch", sagt der Soziologe Steffen Mau ("Triggerpunkte") im Gespräch mit der dpa. "Wenn man sich die Sonntagsfrage von 2020 bis 2022 anschaut: Da lag die AfD die meiste Zeit zwischen 9 und 11 Prozent. Der wirkliche Zuwachs fand erst hinterher statt, als der lange Sommer der Migration und die Kölner Silvesternacht schon lange zurücklagen."
Ebenso sieht es der Historiker Frank Trentmann aus London, Autor der Bücher "Aufbruch des Gewissens" und "Die blockierte Republik". Er erinnert daran: Noch 2018 erklärten in einer repräsentativen Umfrage 53 Prozent der Befragten, wenn Zuwanderer sich in ihrem Land zu Hause fühlten, dann mache sie das glücklich.