„Slow Art“ in Coburg Einladung zum Innehalten

Gelungene Kombination: Fotografische „Vertiramen“ von Klaus Dieter Bätz und Holzskulpturen von Helmut Maurer sind im Ausstellungsraum „Rückert 3“ zu sehen Foto: Dieter Ungelenk

Die Ausstellung „Über-Blick“ verbindet faszinierende Kirchenfotografie mit ausdrucksstarken Holzskulpturen im Rückert 3.

Coburg - Auszeit gefällig? Dann empfiehlt sich ein Besuch bei Friedrich Rückert. Wer’s erfrischend mag, kann auch des winters zu seinen Füßen im Neuseser Park lustwandeln. Behaglicher ist freilich ein Abstecher in jenes Haus im Herzen Coburgs, in dem er vor genau 200 Jahren wohnte und seine spätere Frau Luise kennenlernte. Der Dichter ist allgegenwärtig im verwinkelten Altstadthaus in der Rückertstraße 2/3, in dem seit 35 Jahren das Puppenmuseum zu Zeitreisen einlädt.

Dem Citytrubel ist man schnell entronnen, wenn man die Stufen zum charmanten Museum emporsteigt und eintaucht ins Familienleben anno dazumal, als Kinder noch nicht in Bildschirme starrten. Die historische Puppen, Puppenhäuser und Accessoires verströmen nicht nur Nostalgie: Sie dokumentieren auch die Kindererziehung im Bürgertum des 19. Jahrhunderts und die Entwicklung von der Charakterpuppe zur heutigen Spielpuppe, die maßgeblich in der Region zwischen Coburg und Gotha geprägt wurde.

Besinnlich

Doch damit nicht genug: Beim Rundgang durchs Gebäude sollte der Besucher auch der Wegweisung treppabwärts folgen –ins „Rückert 3“: Seit September 2019 lässt sich im städtischen Ausstellungsraum erahnen, was ein Coburger Stadtmuseum zu bieten hätte, wenn es denn eines gäbe. Regionale Kunst, Kultur und Geschichte finden hier ein Forum, Stücke aus dem reichen Fundus der Städtischen Sammlungen, aber auch Ausstellungen von Vereinen und Privatpersonen.

Besinnlich geht er derzeit hier zu, geradezu kontemplativ – und gerne folgt der Gast der schriftlichen Einladung, sich auf „Slow Art“ einzulassen: Platz nehmen und eine gute Weile Werke und Atmosphäre auf sich wirken lassen. Denn diese Kombination ist ausgesprochen geglückt: In Kirchenräume führen die kunstvoll inszenierten Fotografien des Coburgers Klaus Dieter Bätz, eine sakrale Aura ist Helmut Maurers Holzskulpturen zu eigen.

Dabei kann man sie auch ganz weltlich interpretieren, diese Figuren seiner „Familienserie“, die von Geborgenheit und Gemeinschaft erzählen. Daneben zeugen Titel wie „Vergänglichkeit“ und „Ewiges Leben“ von der Intention des Bildhauers, der von Haus aus Maschinenbauingenieur ist, aber seit jeher eine künstlerische Ader hatte. Vom Zeichnen und Malen zur Holzgestaltung fand er bei der Coburger Sommerakademie durch den Seßlacher Bildhauer Wolfgang Schott. Maurer erwies sich als überaus talentierter Schüler: Viermal erhielt er seit 2012 den Kulturförderpreis der VR-Bank Coburg.

Neue Perspektiven

Eine ganz eigene Technik der Architekturfotografie hat Klaus Dieter Bätz entwickelt: „Vertiramen“ nennt er seine 180°-Fotografien von Kircheninnenräumen, die er bereits in mehreren Kalendern veröffentlicht hat. Im „Rückert 3“ zeigt der Journalist und Fotograf seine faszinierenden Aufnahmen von gotischen Sakralbauten in England, Frankreich, Deutschland sowie prachtvoller bayerischer und fränkischer Barockkirchen. Auch „vertikale Panoramen“ aus Coburg dokumentieren die verschiedenen Charaktere von Gotteshäusern – von frugal bis fürstlich.

Als „Eye-Catcher“ der Schau fungiert die Pfarrkirche Mariae Himmelfahrt in Bad Königshofen im Grabfeld, deren gotisches Netzrippengewölbe zu den schönsten seiner Art zählt. Sie lieferte vor über 50 Jahren gewissermaßen die Initialzündung für Bätz’ Begeisterung für Kirchenbauten: Im Kunstunterricht am Gymnasium Ernestinum weckte der Kunsterziehers Hugo Hußla mit diesem kunstgeschichtlichen Beispiel das Interesse des Fünftklässlers an Gotik und Romanik.

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