Sommerfest der Gemünder Mühle Erleben, arbeiten und lernen

Rudolf Hein

Den ersten runden Geburtstag ihres beliebten Sommerfestes konnte am Wochenende die Gemünder Mühle feiern. Dabei erhielten die Besucher auch Einblicke in die Wohnräume.

Laut Wikipedia versteht man unter „Diakonie“ (griechisches Wort für „Dienst, Hinwendung“) „alle Aspekte des Dienstes am Menschen im kirchlichen Rahmen“. Seit dem 20 Jahrhundert steht der Begriff für die Übernahme sozialer Verantwortung durch die evangelischen Kirchen mithilfe eigenständiger Dienste, die ihre Aufgaben als „tätige Nächstenliebe“ im kirchlichen Auftrag durchführen und erfüllen. Eine von vielen solchen Institutionen ist die Evangelische Jugendhilfe Würzburg, ein Verbund von vier Vereinen. Am 22. Dezember 2008 gründete sich der Verein „Erleben, Arbeiten und Lernen – evangelische Jugendhilfe e. V.“, der Träger der Gemünder Mühle ist. Am vergangenen Samstag feierte man auf dem weitläufigen Gelände zum zehnten Mal mit vielen Besuchern ein großes Sommerfest.

Im Jahr 2009 erwarb der Verein die Mühle der Familie Schlund etwas außerhalb von Gemünd und begann so seine Vereinsarbeit. Das Gebäude wurde über acht Jahre hinweg immer weiter entkernt, renoviert und für die jetzige Nutzung hergerichtet. Gegenwärtig gibt es Wohnraum für insgesamt zwei therapeutische Kleingruppen mit jeweils vier Kindern und Jugendlichen und eine therapeutische Wohngruppe für weitere acht junge Menschen, die ab dem Alter von acht Jahren bis zur Volljährigkeit betreut werden. Allen jungen Bewohnern gemein sind Schwierigkeiten, aufgrund deren sie im „privaten, schulischen und beruflichen Alltag sehr schnell an ihre Grenzen stoßen“, oder auffälliges Sozialverhalten, Bindungsstörungen, Entwicklungsverzögerungen und andere ähnliche Problemstellungen aufweisen, denen mit den gängigen ambulanten Betreuungsformen nicht beizukommen ist. Einige Mitglieder der Kleinstgruppe haben zuvor schon sechs Monate in einer ähnlichen Einrichtung in Finnland verbracht.

Die Grundidee der Therapie besteht darin, einen familienähnlichen Rahmen zu schaffen, in dem die Jugendlichen zum einen geschützt sind vor Gefährdungen von außen, und wo sie, zum anderen, wieder lernen können, sichere Beziehungen aufzubauen. Neben regulärem Schulbesuch in umliegenden Schulen können in der großen Schreinerwerkstatt der Mühle persönliche Erfahrungen mit handwerklichen Projekten gemacht werden und sich eventuell Begabungen entfalten.

Ein zusätzliches, in anderen Einrichtungen eher selten zu findendes Angebot, sind verschiedene „Einzel- und Gruppensettings“ mit den verschiedenen Tierarten in der Mühle. In der Ausgabe Dezember 2021 der „Mühlennews“, der Zeitung der Evangelischen Jugendhilfe Würzburg, stellt die Ansprechpartnerin der Einrichtung, Frauke Adams, das Konzept ausführlich vor: Therapeutisches Reiten, eine Hundegruppe, Kaninchen und Katzen, Schildkröten und Schweine und noch allerlei anderes Getier können für therapeutische Zwecke herangezogen werden. Für jeden der jungen Menschen gibt es eine Bezugsbetreuerin oder einen Bezugsbetreuer, die oder der sich individuell um alle Belange kümmert. Aus dieser Zweierbeziehung kann durch Einbeziehung eines Tieres eine fruchtbare Dreierbeziehung werden, in der vermittelt wird, wie man Verantwortung übernimmt und sich um ein anderes Lebewesen kümmert.

Einrichtungsleiter Gunter Adams, Professor für Angewandte Sozialwissenschaften, ist bei einem Rundgang durch die Mühle begeistert von dem, was schon alles überwiegend in Eigenregie entstanden ist. Er sieht für die Zukunft „Platzbedarf ohne Ende“. Die drei Gruppen haben sich Wappentiere mit großen Schwingen ausgesucht. Vielleicht finden sich bald Räumlichkeiten für eine vierte Gruppe, neben den Kondoren, Adlern und Albatrossen, die jetzt dort wohnen. Vielleicht ziehen bald Kormorane oder Kraniche ein?

 

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