Stadtgeschichte Coburg Wieder vereint

In Coburg verlegt ein Künstler acht sogenannte Stolpersteine. Sie erinnern an die Schicksale der Opfer der Judenverfolgung. Schüler und Schülerinnen sowie ein Nachfahre der einstigen Mitbürger erzählen ihre Geschichte.

Jonathan Isserlin zählt seine Coburger Vorfahren zu den glücklicheren Menschen, die von Nationalsozialisten geschlagen und erniedrigt wurden. Denn seine Ahnen, die jüdische Familie Alkan, überlebte den Holocaust. „Diejenigen, die nicht so glücklich waren, haben niemanden mehr, der für sie Stolpersteine verlegen kann“, sagte er am Mittwoch vor dem einstigen Familienanwesen in der Lossaustraße. Vor ihm setzte Künstler Gunter Demnig vor den Augen einer großen Öffentlichkeit sogenannte Stolpersteine in Gedenken an die Alkans in den Gehsteig ein. Insgesamt acht neue am Mittwoch verlegte Stolpersteine weisen nun auf eines der schrecklichsten Kapitel in der Historie der Vestestadt hin.

Die Familie Alkan zog während des 19. Jahrhunderts nach Coburg. Reinhold Alkan durfte sich als sozialen Aufsteiger bezeichnen. Er promovierte an der Universität Würzburg und eröffnete 1910 in der Lossaustraße 5 gegenüber dem Bahnhof eine Praxis. 1911 kaufte er das Anwesen. Als „deutschen Patrioten“ bezeichnete Jonathan Isserlin seinen Vorfahren. 1915, während des Ersten Weltkriegs, wurde dieser Oberarzt der Reserve und erhielt das Eiserne Kreuz. Nach dem Ende des Kaiserreichs praktizierte er weiterhin als Mediziner, bis er nach Jahren der Schikane durch die Nationalsozialisten 1938 Haus samt Praxis verkaufte und zusammen mit seiner Frau flüchtete. Seine Töchter Senta und Marianne verließen bereits 1933 das Land. Darauf weisen die die goldenen quadratischen Stolpersteine hin.

Vergeblich versucht

Zu den unglücklicheren Coburger Familienschicksalen zählt das der Plessners. Seit 2010 weisen zwei Stolpersteine vor der Mohrenstraße 9b auf die Eltern Alfred und Margarethe Plessner hin. Beide wurden 1941 in ein Konzentrationslager im litauischen Riga deportiert und sind der Überlieferung nach dort umgekommen. Nun wurden sie mit ihren Söhnen Horst und Wolfgang vereint, symbolisch in Form von Stolpersteinen. Schülerinnen des Gymnasiums Albertinum erzählten am Mittwoch ihre Geschichte. Die Söhne hätten gerne Fußball und Tischtennis in ihrer Kindheit gespielt, hieß es. Beide flohen letztlich in die Vereinigten Staaten. Vergeblich hatten sie versucht, ihre Eltern aus Deutschland herauszuholen. 1939 mussten diese ihr Zuhause in der Mohrenstraße verlassen, ein Gesetz erlaubte arischen Hausbesitzern, jüdischen Mietern fristlos zu kündigen.

Bis sie deportiert wurden, fanden sie Zuflucht in der Mohrenstraße 32 bei der Familie Gutmann. An sie erinnern seit Mittwoch vier weitere Stolpersteine. Schüler der Realschule CO I gedachten ihrer Leben. Vater Emil Gutmann war Stabsarzt während des Ersten Weltkriegs und erhielt eine Medaille des Kaiserreichs. Danach arbeitete er weiter als Mediziner in Coburg, bis ihm die Nationalsozialisten 1933 die kassenärztliche Zulassung entzogen. Zeitgenossen beschrieben ihn als bescheiden und zurückhaltend, aber kritisch in seiner Arbeit. Bekanntheit erlangte er in Medizinerkreisen in ganz Bayern dadurch, dass er eine Therapie entwickelte, die Kinder davor bewahrte, durch eine Fehlstellung in der Hüfte gelähmt zu werden. Während die Eltern Emil und Sofie Gutmann 1941 über Kuba in die Vereinigten Staaten flohen, reiste Tochter Helene zuvor über Köln dorthin aus, und Tochter Grete zog 1938 zu ihrem Mann in die Schweiz.

50 Jahre Deportationsbefehl

In Coburg seien Stolpersteine Bestandteil der Erinnerungskultur an die Zeit des Nationalsozialismus (NS), sagte Sozialbürgermeister Can Aydin (SPD). Sie erinnerten als Wegweiser an die schreckliche Zeit des NS-Regimes und zeigten den Weg in eine hoffentlich friedliche Zukunft.

Nun erinnern in der Vestestadt insgesamt 127 Stolpersteine an ermordete und geflohene Coburger Juden. 1992 verlegte der Berliner Künstler Gunter Demnig vor dem Kölner Rathaus den ersten von inzwischen 96 000 Stolpersteinen. Anlass war der 50. Jahrestag des Befehls zur Deportation von Sinti und Roma. Anschließend weitete er das Gedenken auf weitere Opfer der NS-Zeit aus. „Dort, wo einst Menschen gelebt haben, sind sie nun wieder mitten unter uns“, sagte Bürgermeister Aydin am Mittwoch.

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