Stadtspaziergang durch Coburg Studierende machen auf Baukulturverlust aufmerksam

Das studentische Kollektiv „Abriss.Wieso?“ wies bei einem öffentlichen auf bedrohte oder bereits abgerissene Gebäude in Coburg hin. Damit wollen sie die Fachdebatte in die Öffentlichkeit bringen.

Der Spaziergang führte quer durch die Innenstadt. Foto: Kollektiv Abriss.Wieso?

Wo einst Gebäude das Stadtbild prägten, klaffen heute Lücken. Das Coburger studentische Kollektiv „Abriss.Wieso?“ hatte vergangene Woche zu einem öffentlichen Stadtspaziergang eingeladen, um auf bedrohte oder bereits abgerissene Gebäude in Coburg aufmerksam zu machen. Das veröffentlichte die Hochschule Coburg in einer Pressemitteilung vom Mittwoch. Der Spaziergang führte quer durch die Innenstadt und lenkte den Blick auf Orte, an denen mehr verschwindet als nur alte Fassaden.

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Das studentische Kollektiv wolle nicht nur dokumentieren, was verschwunden ist, sondern auch hinterfragen: Abriss wieso? „Jeder Abriss ist auch eine Entscheidung darüber, wie wir mit Ressourcen, Geschichte und Lebensraum umgehen. Wir lassen diese Entscheidung nicht unkommentiert. Aktuelle Abrisse ziehen sich durch die Coburger Innenstadt, ob Schillerplatz oder Lohgraben. Dabei birgt vor allem Leerstand akute Abrissgefahr“, erklärt die Gruppe der Studierenden darin. Ein Beispiel sei die Galeria Kaufhof mitten in Coburg. „Ein ungenutztes Gebäude ist ein gefährdetes Gebäude! Leere Gebäude sind keine Einladung zum Abriss, sondern ein Aufruf zur Kreativität.“

Abriss: ein unterschätztes Klimaproblem

Hinter diesen lokalen Beispielen stehe ein strukturelles Problem: „Der Umgang mit unseren gebauten Ressourcen muss sich grundlegend ändern. Was es braucht, ist eine Bauwende.“ Laut Umweltbundesamt entstehen demnach in Deutschland jährlich über 230 Millionen Tonnen Bau- und Abbruchabfälle. Das seien mehr als 50 Prozent des gesamten Abfallaufkommens des Landes.

Hinzu komme, dass bei Abrissen gebundene „graue Energie“ verloren gehe. Also die Energie, die bereits in Bau, Transport und Verarbeitung eines Gebäudes stecke. Die Studierenden aus dem Umfeld des Studiengangs Architektur der Hochschule Coburg betonen: „Sanieren statt abreißen ist oft wirtschaftlich wie ökologisch klüger. Doch unsere heutigen Bauvorschriften, Normen und Standards bilden dafür zu viele Hürden. Eine echte Bauwende braucht auch ein Umdenken im Regelwerk.“

Offener Brief an die damalige Bundesbauministerin

Das Kollektiv verweist laut Pressemitteilung auf das Abrissmoratorium – einen offenen Brief, mit dem sich im September 2022 mehr als 170 Einzelpersonen und Organisationen an die damalige Bundesbauministerin Klara Geywitz wandten. Darin heißt es: „Heute, wo die Klimaerwärmung spürbar, die Energieversorgung unsicher und die planetaren Grenzen erreicht sind, ist nicht der Erhalt von Gebäudestrukturen erklärungsbedürftig, sondern ihr Abriss. Die Erhaltung darf sich nicht auf einen kleinen Teil von repräsentativen Denkmälern beschränken, sondern muss den gesamten Baubestand umfassen.“

Vor dem Zukunftsraum im Steinweg. Foto: Kollektiv Abriss.Wieso?

„Abriss.Wieso?“ fordere deshalb einen Paradigmenwechsel in der Stadtentwicklung, hin zu mehr Miteinander, Transparenz und langfristigem Denken. „Wir wollen nicht alles um jeden Preis erhalten, aber wir fordern eine ehrliche, öffentliche und nachhaltige Auseinandersetzung über Abriss und Stadtumbau in Coburg. Dabei sehen wir großes Potenzial in der Zusammenarbeit: Die Stadt, Planerinnen und Planer, Hochschule und Zivilgesellschaft sollten gemeinsam an Lösungen arbeiten.“

Thema in die Öffentlichkeit bringen

Weiter erklärt das studentische Kollektiv: „Wer denkt, Nachhaltigkeit beginnt beim Neubau, hat das Problem nicht verstanden. Wir brauchen keine Abrisskultur, sondern eine Umbaukultur! Wenn Nachhaltigkeit ernst gemeint ist, darf der Abriss nicht die Norm sein.“

Bis 2045 wolle die Bundesrepublik klimaneutral sein. Die Baubranche mit all ihren Akteurinnen und Akteuren muss demnach heute klima- und umweltgerecht bauen, um die Ziele von morgen zu erreichen. Der öffentliche Stadtspaziergang sei ein Schritt gewesen, das Thema aus der Fachdebatte in die Öffentlichkeit zu holen. Mit dem Ziel, Bewusstsein zu schaffen für das, was gerettet werden kann.