Stille Demonstration Coburg: Stummer Schrei nach Hilfe

Wer Angehörige pflegt, hat selbst keine Zeit zu demonstrieren. Daher hat der Sozialverband VdK am Donnerstag auf die Missstände aufmerksam gemacht.

VdK-Kreisgeschäftsführer Thomas Steinlein Foto: Lukas Schäfer/Lukas Schäfer

Die häusliche Pflege ist am Limit. Ein Drittel der pflegenden Angehörigen fühlt sich überfordert. Laut Angaben der Online-Plattform Statista hat sich die Zahl hilfsbedürftiger Menschen in Deutschland innerhalb der vergangenen 20 Jahre mehr als verdoppelt und beträgt aktuell 4,1 Millionen. Immer mehr Menschen müssen von immer weniger Pflegekräften betreut werden. Oft bleiben da nur nahe Angehörige für die notwendige Betreuung.

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Auf diesen Missstand hat der Sozialverband VdK, genauer der Kreisverband Coburg, mit einer stillen Demonstration am Donnerstag auf dem Marktplatz aufmerksam gemacht. Unter dem Slogan „Nächstenpflege“ positionierten der Kreisgeschäftsführer Thomas Steinlein und sein Team dazu zahlreiche Schilder in der Innenstadt. „Wir wollen mit unserer Aktion ein Zeichen setzen für alle, die einen Angehörigen pflegen. Sie sind oft die wichtigsten Betreuer und übernehmen dadurch eine verantwortungsvolle Aufgabe“, so Steinlein. Auf den Tafeln waren Wünsche, Sorgen und Forderungen von Betroffenen aufgelistet. „Die Menschen nehmen die Last der Pflege auf sich und stecken somit in ihrem Alltag selbst oft zurück. Die Situation hat sich innerhalb der letzten Jahre nicht verändert. Daher wollen wir mit unserer Aktion auf diese Zustände aufmerksam machen.“

Konkret bedeutet Pflegenotstand, dass in Institutionen ein akuter Personalmangel herrscht und Pflegeplätze oft zu teuer sind. Dafür gibt es vielfältige Gründe, beispielsweise den demografischen Wandel. Laut Statista wird es im Jahr 2060 mehr als 4,6 Millionen Mitbürger geben, die auf Unterstützung angewiesen sind.

Die Demonstration auf dem Markt war gleichsam eine Möglichkeit für Passanten, um über das Problem zu sprechen. „Selbst zu einem Pflegefall zu werden, ist meine größte Angst“, erklärte etwa Norbert Freitag. „Ich möchte nicht zur einer Belastung für meine Kinder werden, die mit ihren Familien in Norddeutschland leben. Daher hoffe ich, möglichst lange selbstständig bleiben zu können.“ Silvia Ebert lobte ihrerseits das Engagement des Sozialverbandes. „Jedes Schild ist so aussagekräftig. Diese Zustände in der Pflege herrschen ja nicht erst seit Corona, sondern haben sich in den vergangenen Jahren entwickelt.“

Aus diesem Grund hatte der VdK Bayern Mitte Juni damit begonnen, in allen bayerischen Bezirken eine solche stille Demo zu organisieren. Eine nahezu ohne Menschen, denn wer Angehörige pflegt, hat keine Zeit zu demonstrieren. Nächstenpflege braucht schließlich Kraft und Unterstützung.