DIE DUOS UND DIE KANZLERSCHAFT:
Scholz macht seit Monaten keinen Hehl daraus, dass er sich als sehr gut möglichen nächsten SPD-Kanzlerkandidaten ansieht. Das Kalkül dahinter: Die Union nominiert Annegret Kramp-Karrenbauer, die bis dahin immer noch keinen richtigen Tritt gefasst hat - die SPD dagegen einen grundsoliden, quasi fettnäpfchenfreien Bewerber. Walter-Borjans hatte dagegen in einem Interview gesagt, er glaube nicht, "dass wir im Augenblick an dieser Stelle wären, einen Kanzlerkandidaten aufzustellen". Bei den aktuellen Zustimmungswerten mache sich die SPD mit einem Kanzlerkandidaten lächerlich, meint Esken. Scholz kontert: "Wer das tut, macht die SPD klein."
MÖGLICHE SZENARIEN:
Die neue Spitze muss nach dem Mitgliedervotum auf dem Parteitag vom 6. bis 8. Dezember formal noch bestätigt werden. Dann soll auch die Halbzeitbilanz der Koalition bewertet werden - die Delegierten dürften damit über die Zukunft der Groko entscheiden. Es stehen also zwei Richtungsentscheidungen an. Wenn beide in die gleiche Richtung ausfallen, dürfte die Sache klar sein: Bei einem Sieg von Scholz/Geywitz und einem positives Votum zum Weiterregieren, stehen alle Zeichen auf Fortsetzung von Schwarz-Rot. Bei einem Sieg von Walter-Borjans/Esken und Votum gegen die Koalition, sind die Tage des Bündnisses wohl gezählt.
Schwierig wird es für die SPD, wenn die Entscheidungen unterschiedlich fallen - wenn sich die neue SPD-Spitze also nach dem Parteitag gegen die eigene Überzeugung pro oder contra Groko stellen muss. Und selbst wenn die Koalition gestärkt aus dem Parteitag hervorgeht: In der Union hat die Neigung, der SPD bei ihren Wunschprojekten entgegenzukommen, stark abgenommen. Eine zweite Hälfte der Legislatur wird deshalb kaum reibungsfreier laufen als die erste.