Bei manchen Influencern werde man dabei das Gefühl nicht los, dass ihnen die einzigartige Umwelt in der Polarregion ziemlich egal sei und es ihnen vorwiegend ums Ego und viele Likes gehe. Sie hätten sogar Spaß daran, sich etwas danebenzubenehmen. "Das wird dann alles online gepostet - und andere ahmen das wiederum nach." Mit wissenschaftlichen Expeditionen habe das nichts mehr zu tun. Dabei hätten Forschung und Tourismus im Südpolarmeer lange Zeit wunderbar koexistiert.
Graffiti sorgt für Entsetzen
Auch die Antarctic and Southern Ocean Coalition (ASOC) - ein Zusammenschluss von Umweltschutzorganisationen aus aller Welt - ist besorgt über den Trend. "Die Antarktis gilt als eine der letzten großen Wildnisgebiete der Erde, doch wir sehen die Gefahr, dass sie bald zu einer Art Abenteuerspielplatz wird, zur Bespaßung der Menschen", sagt ASOC-Berater Ricardo Roura. Denn der Siegeszug der sozialen Medien biete Influencern heute immer mehr Plattformen, um ihre Antarktis-Erlebnisse zu verbreiten. Deshalb sei es wichtiger denn je, den Tourismus in der Region zu regulieren.
Erst kürzlich kam ein dramatischer Weckruf: Auf einem historischen Gebäude auf der Vulkaninsel Deception Island - einem der faszinierendsten Orte der Region - wurde ein großes Graffiti entdeckt. Die IAATO sprach von "rücksichtslosem Vandalismus", man sei "geschockt und angewidert". Jedoch sei hierfür kein Besucher verantwortlich, der mit einem der IAATO-Mitglieder gereist sei, stellte der Verband fest.
Auswirkungen von Mikroplastik bis Lärm
Ansonsten gebe es bisher wenig Belege für tatsächliche negative Auswirkungen des Booms - aber andererseits sei eine ständige Überwachung auch schwierig, sagt ASOC-Experte Roura. Die Branche verfüge zwar über eine Reihe von Richtlinien und Maßnahmen - aber es sei fraglich, ob diese ausreichten.
Mikroplastik und Lärmbelästigung seien nur zwei der möglichen Probleme, meint er. Es gebe etwa 50 bis 100 Orte, an denen regelmäßig große Mengen Touristen zu finden seien - Schäden durch solche sich wiederholenden Aktivitäten in bestimmten Gebieten seien vorprogrammiert.
So sei es bedenklich, dass täglich Hunderten von Touristen der Zutritt zu Pinguin-Kolonien gestattet werde, auch wenn sie einen Abstand von einigen Metern zwischen sich und den Tieren einhalten müssten und die Besucherzahlen begrenzt seien. "Selbst diese Regeln müssen möglicherweise überdacht werden", betonte Roura. Unter anderem könne dies durch die Ausweisung von Gebieten geschehen, in denen überhaupt kein Tourismus mehr erlaubt werde.
Die IAATO argumentiert hingegen, eine Studie von 2019 habe gezeigt, dass die Pinguine keine erhöhten Stresshormone aufwiesen - und sich also durch die Besucher offenbar nicht gestört fühlten. Es gebe strenge Regeln und Richtlinien, die von fachkundigem Personal vor Ort durchgesetzt würden.
Bald Hotels in der Antarktis?
Viele dieser Regeln gründen auf dem Antarktis-Vertrag, der 1961 in Kraft trat und heute mehr als 50 Mitgliedstaaten hat. Das Abkommen sieht eine ausschließlich friedliche Nutzung der Antarktis, vor allem zu Zwecken der wissenschaftlichen Forschung sowie das Verbot militärischer Aktivitäten vor.
Forscherin Anne Hardy befürchtet, dass einige der Unterzeichner bald zu der Überzeugung gelangen könnten, dass die Region wirklich nicht mehr so einmalig ist, wie sie es einmal war. Dann könnte tatsächlich die letzte Grenze der Zivilisation fallen, wenn etwa Hotels und andere Touristenstrukturen gebaut würden - was bisher streng verboten ist. Nur Übernachtungen in Zelten sind erlaubt.
"Ein Besuch in der Antarktis ist ein Privileg. Jeder, der in diese Region reist, hat die Verantwortung, dies respektvoll zu tun", betont die IAATO. Wer sich dafür entscheide, solle unbedingt einen Reiseveranstalter wählen, der die umweltbewusste Ethik in den Mittelpunkt stelle. Ziel sei es, die Antarktis für künftige Generationen genauso majestätisch zu hinterlassen, wie sie es heute noch ist. Ob das gelingt, wird schon bald die nächste Konferenz der Antarktis-Vertragsstaaten zeigen, die im Juni in Mailand stattfindet.