Erklären könne man den Drang zu Ultra-Läufen unter anderem mit den menschlichen Grundbedürfnissen, sagt Jens Kleinert von der Deutschen Sporthochschule Köln. "Wir wollen dazu lernen und uns entwickeln – und vor allem Kompetenz erleben", sagt der Leiter des dortigen Psychologischen Instituts. Neben dem Antrieb, sich zu beweisen, spiele außerdem die Unsicherheit der heutigen Welt eine Rolle: Angesichts angespannter Wirtschaft, Kriegen und weiteren Krisen suchen sich Menschen andere Kontrollbereiche.
Eine besondere Verantwortung
Seine Grenzen zu spüren und darüber hinauszulaufen, kann Selbsterkenntnisse wie auf dem Jakobsweg bringen. Oder den Weg in eine Sportsucht begünstigen. "Gerade bei Ultra-Distanzen sind nicht wenige dabei, die suchtorientiertes Verhalten zeigen", sagt Kleinert. Wenn der Selbstwert nur noch über den extremen Laufsport definiert werde und Schmerzen und Schwierigkeiten konstant ignoriert würden, könne sich das schnell verselbstständigen.
In ihrer Doppelrolle tragen Sport-Influencer deshalb eine besondere Verantwortung. "Ich habe daraus sehr viel mitgenommen und viel gelernt, aber ich werde mich niemals hinstellen und sagen "Ey, das ist gesund und das solltet ihr machen"", sagt Gottwald. In seinen Videos teilt er auch Erkenntnisse und Fehler mit seiner Community.
Ein Kopieren seiner Extremleistungen provoziere das selten. Gottwald beobachtet eher, dass sich viele denken würden: Wenn er mehr als 400 Kilometer läuft, dann würden sie auch vier Kilometer schaffen. Andere inspirieren, das ist seine Inspiration. "Wenn ich am Ende meines Lebens sagen kann, ich habe auch nur ein oder zwei Leben zum Positiven gewandelt, dann ist es mir mehr als genug wert."