Unfallstatistik Haßberge 2393 Mal hat’s gekracht

Kein gutes Jahr auf den Haßberge-Straßen: 2021 registriert die Polizei einen deutlichen Anstieg der Unfallzahlen. Besondere Sorgenkinder: Zweiradfahrer und Senioren.

Es gibt auch Positives: : Seit der baulichen Umgestaltung an der Einmündung zur „Godelstatt“ hat sich hier kein schwerer Unfall mehr ereignet. Zuvor war hier ein Unfallschwerpunkt. Foto: NP Archiv/René Ruprecht

Der Landkreis Haßberge hat aktuell eine Bevölkerungsdichte von 88,02 Einwohnern pro Quadratkilometer: Im Vergleich zur bundesweiten Bevölkerungsdichte mit 226 Einwohnern/Quadratkilometer und bayernweit 179 Einwohnern ist der Landkreis damit eher dünn besiedelt. Die ländliche Infrastruktur bedeutet aber auch: Hier ist man weitestgehend auf ein Kraftfahrzeug angewiesen. Und so wundert es kaum, dass auch im Heimatkreis der Fahrzeugbestand im Vergleich zum Vorjahr noch einmal anstieg: um 5,7 Prozent auf nunmehr 79 906 Kraftfahrzeuge bei 84 152 Landkreisbürgern (Stand: 2021).

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Mehr Kraftfahrzeuge, mehr Unfälle: Dies muss zwar nicht zwangsläufig so sein, scheint sich aber für den Haßbergkreis für das vergangene Jahr zu bestätigen. Jedenfalls mussten die beiden Polizeiinspektionen in Haßfurt und Ebern einen beachtlichen Anstieg der Unfallzahlen im Vergleich zum Vorjahr verzeichnen, wie der Verkehrssicherheitsbericht 2021 zeigt, den beide Inspektionen gemeinsam vorgelegt haben.

Von vormals 2055 auf nunmehr 2393 Unfälle insgesamt stieg die Unfallstatistik an, ein Zuwachs von 16,45 Prozent. Besonders bedauerlich: Darunter verzeichnen gerade auch die Verkehrsunfälle mit Personenschaden einen signifikanten Anstieg. 382 (im Vorjahr 340) Menschen wurden bei Unfällen auf den Straßen des Landkreises verletzt, davon 105 schwer (Vorjahr: 85). Von einer „dramatischen Erhöhung“ spricht die Polizei gar bei den schwerwiegenden Verkehrsunfällen mit Sachschaden – hier gingen die Zahlen von 401 im Jahr 2020 auf nun 499 um 24 Prozent nach oben. Zur Erklärung: Um „schwerwiegende“ Verkehrsunfälle handelt es sich, wenn die Ursache in einer „mit Bußgeld bewährten Verkehrsordnungswidrigkeit liegt und zusätzlich mit Punkten in Flensburg geahndet wird“. Ebenfalls mit deutlichem Plus (27 Prozent): die Unfallfluchten. Wie die Polizeidienststellen in Haßfurt wie in Ebern notieren, machte sich im vergangenen Jahr 350 Mal (im Vorjahr 275 Mal) ein Unfallbeteiligter aus dem Staub. Für die Steigerung machen die Beamten der Polizeiinspektionen in Haßfurt und Ebern zu einem großen Teil das „zunehmend fehlende Rechts- und Verantwortungsbewusstsein vieler Verkehrsteilnehmer“ verantwortlich, die eine Höhergruppierung in der Kfz-Versicherung umgehen wollen.

Prävention und Verkehrserziehung gelten auch künftig als A und O für die Polizei im Landkreis. Eine zusätzliche Aufgabe für die Verkehrserzieher ergab sich seit 2015 mit der Thematik „Personen mit Migrationshintergrund“, insbesondere beim Radfahren. Herausforderungen dieser Art sehen die Beamten nun auch angesichts der Ukraine-Krise.

Doch auch den heimischen Senioren gilt das verstärkte Augenmerk. 194 Unfälle mit Beteiligung von Verkehrsteilnehmern über 65 Jahren gegenüber 137 im Vorjahr, davon 132 schuldhaft verursacht (Vorjahr: 91): Bei der Prävention hofft die Polizei auf Unterstützung der Angehörigen, da ein Großteil der Senioren entsprechenden Aktionen mit großer Skepsis begegnen würde, wie es die Beamten formulieren.

Um Unfälle künftig zu vermeiden, gibt es auch die Unfallkommission. Sie besteht seit dem Jahr 2000 und setzt sich jeweils aus einem Vertreter der Verkehrsbehörde des Landratsamtes, des staatlichen Bauamts Schweinfurt und dem Sachbearbeiter Verkehr der Polizeiinspektion Haßfurt zusammen. Gemeinsam sollen Unfallschwerpunkte erkannt und gebannt werden. Ein solches Beispiel ist die bauliche Umgestaltung der Einmündung der HAS 10 aus Richtung Ebern in die „Godelstatt“ bei Haßfurt. Seit deren Einweihung im April 2019 war es an der Stelle zu mehr als einem Dutzend teils schwerer Unfälle gekommen. Durch geänderte Vorfahrtsregelung und Herausnahme der Rechtsabbiegespur scheint das Problem behoben: Seit Umsetzung im Probebetrieb im November 2020 hat sich dort kein schwerer Unfall mehr ereignet. „Sollte dieser Zustand weiterhin bestand haben, so wird die Einmündung dauerhaft baulich umgestaltet“, so Stefan Scherrer, Sachbearbeiter Verkehr der PI Haßfurt, der den gemeinsamen Verkehrssicherheitsbericht 2021 der Polizeiinspektionen Haßfurt und Ebern zusammenfasst.

Tödliches Augenblicksversagen

Im Kalenderjahr 2020 gab es im Haßbergkreis einen Verkehrsunfalltoten zu betrauern, im Jahr 2021 waren es gleich vier. Tragisch genug, doch bei genauerer Betrachtung habe es sich hier „nahezu ausschließlich um Fälle von Augenblicksversagen“ gehandelt, so Stefan Scherrer, Sachbearbeiter Verkehr der Polizeiinspektion Haßfurt: „In diesem Bereich ist jeglicher Präventionsansatz fast unmöglich.“

So kam im Januar 2021 ein 84-Jähriger zur Mittagszeit zwischen Aidhausen und Kerbfeld aus ungeklärter Ursache von der Fahrbahn ab und überschlug sich mit seinem Auto auf einem Wasserdurchlass. Er erlag später im Krankenhaus seinen Verletzungen. An einem Aprilabend geriet dann ein 37-jähriger Motorradfahrer alleinbeteiligt auf der Maintalautobahn Höhe Stettfeld in die Mittelschutzplanke und verstarb nach einem schweren Sturz noch an der Unfallstelle.

Ein weiterer dramatischer Unfall ereignete sich im August auf dem Autobahnzubringer zwischen Knetzgau und Zeil: Eine 36-jährige Frau war zusammen mit ihrer Bekannten auf dem Rennrad unterwegs, als sie von einem 82-jährigen Autofahrer ungebremst von hinten angefahren wurde – er hatte sie offenbar übersehen. Durch den Aufprall schleuderte die Frau mehrere Meter durch die Luft und erlag noch an der Unfallstelle ihren massiven Verletzungen.

Der letzte tödliche Verkehrsunfall des Jahres 2021 ereignete sich Ende November im Eberner Stadtteil Fischbach: Ein 66-jähriger Lkw-Fahrer hielt an einer leichten Steigungsstrecke und begab sich aus ungeklärten Gründen an die Ladefläche hinter sein Fahrzeug. Da die Handbremse nicht angezogen war, setzte sich der Laster rückwärts in Bewegung und überrollte den Mann.

Im Schnitt zweieinhalb Wildunfälle täglich

Wegen seiner ländlichen Struktur und topografischen Gegebenheiten liegt der Landkreis Haßberge bei den Wildunfällen traditionell an der Spitze der Statistiken. So auch im Jahr 2021, für das die Polizeidienststellen Haßfurt und Ebern insgesamt 938 Unfälle vermelden. Während die bayernweite Steigerung jener Unfälle mit Reh, Hase oder Wildschwein lediglich 8,38 Prozent betrug, waren es in den Haßbergen 17,4 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Mit verantwortlich dafür sind laut Polizei und Jagdexperten: die Wetterveränderung mit der extremen Witterung im Sommer 2021 als Hauptunfallursache, intensive Landwirtschaft mit Bewirtschaftung bis in die Randbereiche sowie hoher Freizeitdruck des Wildes. Gemeint ist hier, dass fast 24 Stunden am Tag Spaziergänger, Freizeitsportler oder auch Hundebesitzer im Rückzugsraum des Wildes unterwegs sind, was auch zu einem vermehrten Wildwechsel führt.

Seit 2015 nehmen die Wildunfälle bei den Präventionsmaßnahmen im Landkreis besonderen Raum ein. Bauliche Maßnahmen oder verkehrsrechtliche Anordnungen könnten bestenfalls mittelfristig erfolge bringen, heißt es. „Den größten Erfolg verspricht hier immer noch die Sensibilisierung der Bevölkerung mit Hinweisen auf deutliche Geschwindigkeitsreduzierung in relevanten Bereichen, insbesondere zur Dämmerung und zur Nachtzeit“, so die Polizei.

Eine für diesen März geplante öffentlichkeitswirksame Aktion, bei der an neu erkannten Unfallschwerpunkten Geschwindigkeitsmessungen stattfinden sowie Verkehrsteilnehmer gezielt über die Unfallproblematik informiert werden, musste ausfallen, soll aber im Herbst nachgeholt werden.

Alkohol, Drogen und Discofahrten

Endlich eine gute Nachricht: Wenigstens die Fallzahlen im Bereich der Alkoholunfälle haben sich verbessert. Wurden im Jahr 2020 noch 26 Trunkenheitsunfälle aktenkundig, waren es im Jahr 2021 nur 21. Auch hier setzt die Polizei in den Haßbergen weiterhin auf Kontrolle wie auf Prävention. Auch bei Drogen im Straßenverkehr gab es einen Rückgang: In nur noch drei (Vorjahr: sieben) aktenkundigen Verkehrsunfällen war 2021 der vorausgegangene Konsum berauschender Mittel ursächlich.

Allerdings bleiben jene Alkohol- und Drogenfahrten, die ohne schwerwiegende Folgen blieben, weiter auf hohem Niveau: Die Beamten in Haßfurt und Ebern hatten 100 Trunkenheitsfahrten und 89 Fahrten unter Drogeneinfluss bei ihren Kontrollen aufgedeckt. „Dass die Zahl der festgestellten Drogenfahrten im Landkreis Haßberge inzwischen schon nahezu die Zahlen der Trunkenheitsfahrten erreich hat, liegt wohl an dem geschulten Auge der Ordnungshüter und an der deutlich leichteren Verfügbarkeit der verbotenen Substanzen“, mutmaßt Verkehrsexperte Stefan Scherrer.

Trotz der coronabedingt (mangels Veranstaltungen und Discoöffnungen) weniger Fahrten von jungen Menschen zu nächtlicher Stunde quer durch den Landkreis, gab es 2021 gleich drei Verkehrsunfälle mit vier Verletzten in der Kategorie der sogenannten „Freizeitunfälle“.

Insgesamt stiegen die Unfallzahlen bei der Gruppe der „jungen Erwachsenen“ (18 bis 24 Jahre) im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 15,5 Prozent von 155 Unfälle auf 179. In diesem Zusammenhang werben die Beamten für das begleitete Fahren, bei dem bereits 17-Jährige in Begleitung Erfahrung auf den Straßen sammeln können. Sie seien später nur selten an Verkehrsunfällen beteiligt.

Zweiradfahrer leben gefährlich

Die Zahl der Unfälle, an denen Motorradfahrerinnen und -fahrer beteiligt waren, ist in Unterfranken im Jahr 2021 auf 796 gestiegen. Im Jahr zuvor registrierte die Polizei 761 Unfälle. Auch in den Dienststellenbereichen Haßfurt und Ebern geht die Zahl nach oben: 2021 registrierten die Beamten hier insgesamt 73 Unfälle mit 83 Verletzten und einem Getöteten, im Vorjahreszeitraum waren es 53 Unfälle (43 Verletzte) mit Beteiligung motorisierter Zweiräder. Deren Anteil an schuldhaft verursachten Unfällen stieg nach Angaben der Polizei auffällig um 84 Prozent von 25 auf 46 Unfälle. Bei 20 Unfällen waren die motorisierten Zweiradfahrer alleinbeteiligt. „Konnten in dieser Unfallkategorie in der Vergangenheit noch die Einschränkungen des Lockdown als Rückgang der Unfallzahlen angeführt werden, so kommt in diesem Berichtszeitraum der Wegfall des Lockdowns in umgekehrter Form zur traurigen Geltung“, heißt es im Polizeibericht. Bewährt hätten sich jedoch die Verkehrsberuhigungsmaßnahmen am Hambach: Am einstigen Unfallschwerpunkt gab es 2021 keinen einzigen Verkehrsunfall.

Auch die nicht-motorisierten Zweiradfahrer bereiten den Beamten Kopfzerbrechen – weiterhin hoch ist die Quote der durch die Radler schuldhaft verursachten Unfälle von 70 Prozent. Besonders erschreckend sei zudem, dass von den 78 verletzten Radfahrern 38 keinen Helm getragen hätten: Beunruhigend vor allem deshalb, weil es sich bei nahezu zwei Dritteln der erlittenen Verletzungen Kopfverletzungen handelt.

Eine Ursache im Anstieg der Unfallzahlen sieht die Polizei in der zunehmenden Nutzung von E-Bikes und Pedelecs: Deren Anteil an Verkehrsunfällen beträgt mittlerweile 36 Prozent.