Was haben Sie von dieser Erfahrung für Ihr späteres Leben mitgenommen?
Klar, an dem Tag war mir kotzübel und ich fühlte diese schlimme Prüfungsangst in mir, die ich aus der Schule kannte. Aber in dem Moment, wo ich die drei Stufen zur Bühne hochging, war alle Angst verschwunden. Ich spürte, in dieser Welt fühle ich mich zuhause. Hier kann ich mich entfalten. Wenn man die Herausforderung annimmt, verschwindet die Angst. Sie löst sich komplett auf. Schon damals habe ich entschieden, ich möchte nicht mit Angst auf die Bühne gehen. Das so genannte Lampenfieber ist bei mir voller positiver Energie. Die Motoren laufen hoch, und es fühlt sich ein bisschen so an, wie im Winter in ein eiskaltes Bett zu springen.
Woran denken Sie, wenn Sie auf der Bühne stehen?
An nichts. Würde ich während einer Show anfangen zu denken, wüsste ich, ich bin nicht wirklich drin. Die genialsten Dinge passieren, wenn man nicht denkt. Sportler, die gerade einen Rekord aufstellen, reflektieren in dem Augenblick mit Sicherheit nicht. Der Flow ist für mich der schönste Zustand. Man handelt rein intuitiv und Dinge kommen wie ein Blitz zu einem.
Warum schaut man manchen Künstlern völlig gebannt zu, während andere einen kalt lassen?
Die innere Haltung ist der Schlüssel. Und wie viel ein Mensch von sich zeigt und rauslässt. Man kann Musik ausschließlich konsumieren und sich damit berieseln lassen oder man erlebt die Schwingung der Töne ganz tief und fühlt sie. Und wenn ich von mir nichts zeigen will, kann ich auch nicht erwarten, dass Menschen mich spüren. Das ist mein Anspruch. Ich will nicht einfach nur irgendwas runtersingen.
Verschwinden Sie bestenfalls ganz und gar im Song?
Ja.
Welche Erfahrungen haben Sie 2016 auf Ihrer USA-Tour gemacht?
In den 80ern haben wir überall auf der Welt Konzerte gespielt, nur in Amerika nicht. Warum das so war, weiß keiner. Ich wollte das nun unbedingt mal nachholen. Auf diesem ersten Trip ging es nach San Francisco, LA und NYC, und es war toll, das zu erleben! Die Konzerte waren voll und die Leute haben alles auf deutsch mitgesungen. Zwei Monate später waren wir noch mal da für ein großes Achtziger-Live-Festival in L.A.. Dort traf ich unter anderem meinen alten Freund Howard Jones wieder und den Sänger von Spandau Ballet. Spandau Ballet hatte ich das letzte mal in den Achtzigern in England bei Top Of The Pops getroffen.
Viele Künstler geben offen zu, Workaholics zu sein. Sind Sie schon mal auf eine Tournee gegangen, obwohl Sie sich müde und ausgebrannt fühlten?
Ich arbeite sehr gerne und viel, aber ich passe auch auf mich auf. Außerdem habe ich auch genug Zeit, mich auf eine Tournee vorzubereiten. Und meine Nichts-Versäumt-Tour ist mein Highlight des Jahres. Dafür tue ich alles, um komplett am Start zu sein. Ich werde alles geben und freue mich auf die Leute, die in die Konzerte kommen, auf das Herumreisen mit meiner Band-Familie und die Musik, die uns alle verbindet!
Wie tanken Sie sich wieder auf? Wie bereiten Sie sich vor?
Ich gehe auch auf Tourneen morgens raus aus den Hotels und suche mir den nächsten Wald, durch den ich laufen kann. Außerdem feiern wir viel und ausgiebig, das ist mindestens genauso wichtig wie die regelmäßige Bewegung an der frischen Luft. Konzerte zu spielen ist immer wieder ein Abenteuer. Und auch wenn ich darin jede Menge Erfahrung habe, wird mir das bis heute nicht zur Routine. Es ist wichtig, mit einem guten Gefühl und Freude auf die Bühne zu gehen. Wenn der Vorhang aufgeht, spielt nur noch das Jetzt eine Rolle. Alles andere muss dann für mindestens zwei Stunden in der Garderobe auf mich warten.
Apropos Natur: Kommt alle Musik aus einer höheren Sphäre?
Lieder wie „In meinem Leben“, „Wunder gescheh’n", „Leuchtturm“ und viele andere, die ich geschrieben habe, sind zu mir gekommen. Da hatten die höheren Sphären auf jeden Fall auch ihre Finger mit im Spiel.
Welche Rolle spielt Gott in Ihrem Leben?
Für mich spielt ein Herr Gott eine große Rolle. Ich bekomme definitiv klare Ansagen aus dem Universum. Diese setze ich um in meiner Musik und in meinen zwischenmenschlichen Beziehungen. Manchmal kriege ich auch für andere eine klare Ansage. Das nennt man einen guten Rat. Das ist Intuition und weit weg von kompliziertem Denken.
Ist Gott eher männlich oder eher weiblich?
Es gefällt mir, in Gott das männliche Prinzip zu sehen. Es funktioniert aber nie ohne das Weibliche. Es ist wie eine Einheit.
Was sagt Ihnen Ihr Glaube: Wird Ihre seelische Energie nach diesem Leben irgendwo weiterleben?
Nicht nur nach meinem irdischen Leben, das passiert alles gleichzeitig. Man hat in jeder Sekunde die Möglichkeit, sich dem Göttlichen zuzuwenden. Weil Gott auch in mir und nicht irgendwo da oben ist. Es ist nicht so, wie die katholische Kirche es mir in meiner Kindheit mit auf den Weg geben wollte: dass Gott für mich nur erreichbar ist, wenn ich ein braves Mädchen bin. Ich wurde als Kind zur Beichte geschickt, und dafür musste ich mir irgendwelche Sünden ausdenken. (lacht) Und die ziehen das heute immer noch so durch ... Ich hatte schon in meiner Kindheit eine ganz andere Beziehung zu Gott. Frei von Schuld und voller Liebe.
Gemeinsam mit Ihrer Tochter Larissa sind Sie wieder Coach bei der neuen Staffel von „The Voice Kids“. Schauen Sie sich die Sendungen regelmäßig im Kreis Ihrer Familie an?
Ja klar, wir schauen uns das gerne alle zusammen immer an. Für solche Anlässe holen wir sogar den Fernseher raus.
Kommentieren Ihre Kinder Ihre Arbeit?
Da es nicht nur mein Beruf, sondern inzwischen auch der meiner Kinder ist, urteilen sie aus der Sicht eines professionellen Musikers. Wir unterstützen und stärken uns gegenseitig. Und wir sehen auch, wo die Dinge nicht so gut laufen. Darüber reden wir ganz offen.
Was kritisieren Ihre Kinder an Ihnen?
Wir kritisieren uns nicht, wir geben uns Feedback und reden Klartext miteinander.
Waren die frühen 80er Jahre eine gute Zeit für den Karrierestart?
In meinem Fall ja offensichtlich schon. (lacht) Nur dass ich nicht morgens beim ersten Augenaufschlag gesagt hab: „Nena, du musst jetzt Karriere machen“. Das war bei mir nie die Motivation. Es ist eben dann einfach passiert. Als ich meine allererste Band hatte, wusste ich nicht mal, dass es goldene Schallplatten gibt. Aber ich habe immer auch gern Erfolg gehabt. Es ist auch ein mega Erfolg für mich, dass ich seit 40 Jahren auf der Bühne stehe und die Konzerte immer voll sind. Danke!
Welche persönlich wichtigen Ziele konnten Sie in Ihrem Leben nicht realisieren?
Ich habe immer das realisiert, was mir wirklich wichtig war. Und so geht’s auch weiter. Das trägt mich durchs Leben.
Verstehen Sie eigentlich, was die Leute an Ihnen gut finden?
Darüber denk ich nicht nach. Aber besonders freut mich, dass viele auch das mögen, was ich an mir mag.
Und das ist was?
Mein Bedürfnis, beweglich zu bleiben.
Nena auf Tour
Die Popsängerin tritt am 9. Juni um 20 Uhr in der Thüringen-Halle in Erfurt auf und am 23. Juli um 19 Uhr am Dechsendorfer Weiher bei Erlangen. Karten gibt es bei uns.