Stimmt es, dass Sie früher im Punk verwurzelt waren?
Ich hatte eine sehr schnoddrige Jugend, von 13 bis 17-18 Jahre fanden wir, dass wir auf jeden Fall scheiße aussehen und viel Dosenbier trinken müssen. Witzigerweise haben wir trotzdem nebenbei so komische Jazz-Musik gemacht.
Kommt aus der Zeit auch die Idee, mit Klobürsten auf dem Klavier zu spielen?
Ja, ich habe in vielen witzigen Performance-Bands mitgemacht, zum Beispiel im Hamburger Golden-Pudel Club in Ballett-Tütüs und Horrormasken Schranz und absoluten Quatsch-Techno gespielt. Oder wir haben in Jugendzentren Salatköpfe mit Silvesterböllern in die Luft gesprengt und dabei die Nationalhymne auf dem Keyboard gespielt.
Manche Ihrer Stücke klingen nach Filmmusik, doch Victoria“, Ihre erste und bislang einzige Musik für einen Kinofilm, liegt schon drei Jahre zurück. Gibt es Pläne in dem Bereich?
Ich bin heute in der hart erkämpften, guten Position, dass ich komplett meine eigene Kuration machen kann. Ich kann mir mit meinem Team aussuchen, wie wir das machen – jede einzelne Geschichte ist erstmal denkbar und es gibt niemand, der sagt: Das geht nicht. Wenn ich mir jetzt vorstelle, mit einem Regisseur kämpfen zu müssen, mit Music Supervisors, oder – noch schlimmer – einem Produzenten, ob wir dieses oder jenes jetzt machen können oder nicht...
Also kommt Filmmusik für Sie im Moment nicht infrage?
Doch, klar kommt das infrage. Ich sage den Leuten in Hollywood, wenn ich irgendwelche Meetings habe: ‚Ja, ich will mitmachen. Ich will sogar viel mehr machen, als ihr eigentlich von mir wollt. Ich will nämlich Verantwortung für den Film übernehmen.‘ Und dann gucken die mich schon komisch an.
Darauf will sich kein Regisseur einlassen?
Doch, Sebastian Schipper (Regisseur von „Victoria“). Aber der hat ja auch keine 50 Millionen-Dollar-Produktion im Nacken, sondern er ist dann Produzent, Music Supervisor und Regisseur in einem. Das heißt, er ist der einzige, der einverstanden sein muss. Und zwei Leute einigen sich halt schnell, gerade wenn sie sich sympathisch sind.
Die Anfragen aus Hollywood gibt es also, werden aber von Ihnen abgelehnt.
Ja, ich habe auch ein Computerspiel abgelehnt – und alles wo ich nicht die kompletten Rechte an meiner Musik habe behalte. Alles wo ich die Musik nicht komplett selber aussuchen darf.
Auf Ihrem aktuellen Album „All Melody“ hört man auch Sänger – die singen allerdings nur Vokalisen. Warum kein Text?
Das würde alles andere beeinflussen – und es würde die Musik vor den Karren der Interpretation des Sinns spannen. „Freude, schöner Götterfunken“ zusammen mit der Beethovenschen Melodie entfaltet eine Kraft, die sich gewaschen hat. Beethoven wusste ganz genau, was er da tut, das war ein Protest, der Song hatte eine Message. Ich empfinde Worte als sehr grobes Mittel, um Gefühle auszudrücken, in der Musik finde ich viel mehr Zwischentöne, um Dinge zu beschreiben, die jeglicher Beschreibung spotten. Und viel wichtiger noch: Mit Musik kann ich Gefühle erzeugen, für die es noch keine Wörter gibt.
Beethoven hatte eine Message – haben Sie auch eine?
Dass es sich lohnt, seinen eigenen Weg zu gehen. Mir gefällt die Tatsache, dass ich außerhalb der Akademien, jenseits von ausgetretenen Pfaden, durch viel Glück aber auch durch eine gewisse Unbestechlichkeit so überzeugend geworden bin, dass ich die Inhalte jetzt ansagen darf – und die Leute setzen sich dem aus. Eine Rolle spielt dabei auch, dass es mit viel Liebe und Fleiß passiert. Wenn ich mir jeden Tag dafür Zeit nehme, kann man so was auch schaffen. Dafür muss ich inkaufnehmen, dass ich nicht ständig im Internet hänge. Es gibt viele Tage an denen ich gar keinen Computer benutze.
Auf der Bühne benutzen Sie auch keine Computer, aber doch sehr viel Technik. Hängt Ihre Show manchmal am seidenen Faden?
Das ist ein bisschen wie Free-Climbing – und wenn du abrutschst, hast du trotzdem überlebt. Mir sind schon Sachen passiert, die unangenehm oder unpassend waren: Irgendetwas geht kaputt, ich verspiele mich ganz schlimm oder verheddere mich total. Aber witzigerweise gefällt das den Leuten, die feiern das viel mehr als ich. Ich habe es am liebsten, wenn alles klappt, doch die Leute finden es mittlerweile toll, wenn sie hören, dass das live ist. Mich beflügelt das noch mehr, Risiken einzugehen, weil ich verstanden habe: Wenn etwas schief geht, ist deswegen niemand traurig. Keiner hat je sein Geld bei mir zurückverlangt, weil irgendwas nicht geklappt hätte. Im Gegenteil, die Leute reden noch Jahre später drüber, dass ihnen das sympathisch war.
Nils Frahm auf Tour
Der deutsche Pianist geht auf Tour und gastiert am 7. Februar um 20 Uhr in der Heinrich-Lades-Halle in Erlangen. Karten gibt es in unserem Ticketshop.