Ihr vorheriges Album hieß „Prism“. Sie bleiben titelmäßig also der Lichtbrechung treu.
Farben faszinieren mich. Wir haben deshalb Angst vor der Dunkelheit, weil wir dann die Farben nicht mehr sehen können. Und vieles wird heute nur noch als schwarz oder weiß angesehen. Das funktioniert aber bei vielen Fragen und Problemen nicht, das Leben hat unendlich viele Farbtöne und Schattierungen.
Welche Geschichte steckt hinter dem Lied „Hometown“?
Ich schrieb den Text nach einem Besuch in Dublin. Als ich in den Neunzigern nach Deutschland kam, war die Stadt arm, dann kam der Boom, dann die Bankenkrise, und jetzt scheint sich die Stadt gerade sehr zweizuteilen. Du hast viele Menschen, denen es sehr gut geht, die bei Großkonzernen wie Amazon oder Google arbeiten. Diese Unternehmen sind gut für Irland, keine Frage, die bringen viele Jobs und Wohlstand. Aber sie reinigen sozusagen auch die ganze Stadt. Die rauen Ecken werden aufgeräumt, die Häuser immer teurer verkauft, es fehlt die Lässigkeit von früher. Und nicht jeder kommt mehr mit. So viele Zelte mit Obdachlosen wie zuletzt habe ich in Dublin noch nie gesehen.
Bedrückt Sie das?
Sehr. Früher war es leichter, wieder aufzustehen, wenn du mal hingefallen warst. Heute stehen viele Menschen nicht mehr auf. Ich habe selbst zwei Nächte meines Lebens auf der Straße geschlafen, das war am Anfang meiner Zeit in Deutschland. Man denkt „Ach, was soll’s?“, aber die Kälte, die Feuchtigkeit, es war hart. Ich habe viel Respekt für die Menschen, die so ein Leben aushalten.
Ist das an U2 erinnernde „Beautiful Life“ Ihre Reaktion auf den verbreiteten Frust in der Gesellschaft?
Ja. Es gibt so viel Positives. Der amerikanische Präsident repräsentiert für mich zum Beispiel nicht Amerika. Der „Women’s March“ repräsentiert für mich Amerika, der ist viel typischer und maßgeblicher für das Land. Ich halte “#MeToo“ sowieso für eine Superbewegung. Es ist wichtig, dass sich die Frauen wehren. Ich bin als einziger Bruder von sieben Schwestern aufgewachsen, bei uns Kindern hat das Geschlecht nie eine Rolle gespielt. Irgendwann verlieren die Menschen leider diese Naivität.
Wie gelingt denn das „Beautiful Life“, das schöne Leben?
Das liegt an jedem von uns selbst. Irgendwann bist du erwachsen genug, um die Kontrolle über dein Leben zu haben und um selbst zu spüren, was du erreichen kannst. Bei mir war auch nicht alles toll, ich bin in einem sehr konservativen System aufgewachsen, die katholische Kirche in Irland war für meinen Geschmack zu dominant, aber man muss trotz aller Schäden, die man im Leben erleidet, mutig bleiben, rausgehen und sich dem Leben stellen.
Sind Sie ein Feminist?
Ich bin für Gleichberechtigung. Wir haben Menschenrechte. Punkt. Von Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft oder sonst irgendwas ist da nicht die Rede. Ich denke, die Generation meiner Kinder wird das verinnerlicht haben. Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass man in zwanzig Jahren noch über ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen streitet.
Rea Garvey auf Tour
Der irische Sänger geht auf „Neon“-Tour und tritt am 14. September um 20 Uhr in der Messehalle in Erfurt und am 21. September um 20 Uhr in der Arena in Würzburg auf. Karten dafür gibt es im Ticketshop unserer Zeitung.