Verrockte Weihnacht in Coburg Zuckerguss ade

Es geht auch ohne Kitsch: Die Weihnachtsrevue „Rockin’ All Over Christmas“ in der Reithalle mixt Parodie und Poesie, Nonsens und Satire.

„Jauche! Frohe Locke!“ krächzt der Mini-Chor, beherzt traktiert der Schlagzeuger zwei Ölfässer und herzerweichend trötet die Trompete. Dem Dirigenten am Kontrabass stünden die Haare zu Berge, wenn da welche wären. Aber hier ist alles kahl, sogar die schwarze Bühne. Lamettafreie Zone, kein Weihnachtsbaum, kein Lichterglanz. Der Chor: entlassen. Das Orchester: wegrationalisiert. Sein Chef: „Herr Carter ist zu Schiff nach Australien“.

So wird das nichts mit dem Weihnachtsoratorium, das muss die kleine Notbesatzung einsehen, die eh null Bock auf Bach hat. Aber das Publikum sitzt erwartungsfroh und sehr gespannt in der ausverkauften Reithalle. Also tun die Sechs, was sie gelernt haben und spätestens seit Corona perfekt beherrschen: improvisieren.

Tun sie natürlich nicht. Das „Alternativprogramm“, das diesem sarkastischen Vorspiel folgt, hat Hand und Fuß und Köpfchen. Und es setzt einen Kontrapunkt zu Weihnachtshochglanzoverkill und Besinnlichkeitskitsch. Der Titel „Rockin‘ All Over Christmas“ lässt ahnen, wohin die Reise geht, und führt mit ihrem Zusatz „Let There Be More Lametta“ doch ein wenig aufs Glatteis: Das junge Team um Schauspieldramaturg Victor Pohl präsentiert keine locker-schneeflockige X-Mas-Pop-Revue, sondern eine schräge Collage aus Parodie und Poesie, Nonsens und Satire, Kleinkunst und Show, schrill und melancholisch, ulkig und subversiv, bunt verpackt in Klassik, Swing, Rap und ein bisschen Punk, und effektvoll ausgeleuchtet von Klau Bröck.

Natürlich beschwören die Sechs „White Christmas“ und holen die Flocken vom Himmel, selbstverständlich fahren sie die üblichen Verdächtigen auf, von Rotnase Rudolph bis zum Santa Baby. Aber vom Zuckerguss befreit entfalten die Klassiker frischen Charme – und sogar „Last Christmas“ geht ans Herz, wenn Lilian Prent zur Ukulele greift, nachdem sie wehmütig ihren Schokonikolaus enthauptet hat. Wesentlich mehr Saiten bringt der geheimnisvolle Harfen-Engel zum Klingen, in dessen kuriosem Kostüm (allesamt kreiert von Philippe Roth) Victor Pohl steckt.

Weniger zartfühlend hauen Hans Ehlers und Boris Stark in ihre Stromgitarren, angetrieben von Florian Graf (der die verbeulten Ölfässer dann doch gegen ein ordentliches Drum-Set eingetauscht hat) und dem Multifunktionsbassisten Stephan Goldbach, der nicht nur die Band leitet, sondern den ganzen Abend. Mit Lust am Kontrast mischt er laut und leise, Feines und Herbes, diskret zieht er allerlei Register vom swingenden Kontrabassduett mit der liebesfiebrig schmachtenden Marina Schmitz über die minimalistische Märchenuntermalung am Piano bis zum Rentier-Rock in Led-Zeppelin-Manier.

Zu welchem familiären Stresstest das Fest der Liebe geraten kann, schildert Lilian Prent sehr anschaulich im „Alle Jahre wieder“-Rap – doch ansonsten lassen sie und ihre Mitstreiter es komödiantisch krachen. Ein Überraschungsgast krönt den schrägen Spaß mit zwerchfellsprengender Inbrunst: Die Sopranistin Judith Kuhn steigert sich als Primadonnen-Engel in Ekstase.

Kurz vor Schluss der 90-Minuten-Show ist freilich der Moment des Innehaltens gekommen, denn John Lennons Weihnachtsklassiker „Happy X-Mas (War is over)“ ist mehr denn je ein frommer Wunsch. Und eine Aufgabe, das geben die jungen Künstler/innen ihrem begeisterten Publikum mit in den Advent: „Der Traum ist aus. Aber wir werden alles geben, dass er Wirklichkeit wird!“

„Rockin’ All Over Christmas. Let There Be More Lametta“ steht bis Jahresende auf dem Spielplan der Reithalle. Die Vorstellungen sind weitgehend ausverkauft.

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