Vortrag in Coburg Die Schattenseiten des künstlichen Lichts

Künstliches Licht zieht Insekten an wie ein Staubsauger. Milliarden verenden. Foto: picture alliance/dpa/Armin Weigel

Nächtliche Beleuchtung kann nicht nur Tieren und Pflanzen schaden. Auch der Mensch leidet, zeigt ein Biologe in Coburg auf. Und da ist dann noch der getrübte Blick zum Sternenhimmel.

Coburg - Es ist ein paar Jahre her, da kommen bei dem Biologen Dr. Martin Jatho zwei Dinge zusammen. Als leidenschaftlichen Sterngucker ärgert es ihn, dass er kaum noch einen dunklen Platz findet, von dem aus er die Sterne ungetrübt am Himmel beobachten kann. Zum anderen kümmert er sich im Raum Vogelsberg ehrenamtlich um Fledermäuse und da bekommt er mit, dass diese Tiere Probleme mit nächtlicher Beleuchtung haben. Der 61-Jährige, der das Ausbildungszentrum für Natur und Umweltbildung in Kirtorf leitet, liest Studie um Studie, vertieft das Thema und hält seitdem Vorträge gegen so genannte Lichtverschmutzung, zuletzt beim Landesbund für Vogelschutz in Coburg. Handlungsbedarf bei vermeidbarer Beleuchtung hat auch die Bayerische Staatsregierung erkannt und das Immissionsschutzgesetz entsprechend geändert.

Beispiel Fledermäuse

Wie sehr künstliches Licht einer Tierart schaden kann, zeigt der Biologe am Beispiel von Fledermäusen auf. „Wenn vor den Einfluglöchern ihrer Wochenstuben Licht brennt, trauen sich die nachtaktiven Tiere nicht hinaus“, erklärt er. Sie müssten aber hinaus, um zu jagen, damit sie ihre Jungen versorgen können. Die Folge: Sie jagen weniger, es gibt weniger Nahrung, die Jungen sind kleiner. Jatho berichtet von einem besonders gravierenden Fall, als etwa 1000 Weibchen starben, weil aus Versehen Licht angelassen wurde. Fledermäuse nehmen aber auch Schaden, wenn der Weg zum nächtlichen Jagdquartier beleuchtet wird, weil sie dann Umwege fliegen müssen.

Verwirrte Zugvögel

Nächtliches Kunstlicht trifft auch Vögel. Jatho verweist auf eine Studie der Max-Planck-Gesellschaft. Demnach verändern Vögel unter nächtlicher Dauerberieselung ihr Fortpflanzungsverhalten, wie Wissenschaftler herausfanden. Männchen einiger Singvogelarten fangen unter Kunstlicht morgens früher an zu singen, weibliche Blaumeisen beginnen eher mit dem Brutgeschäft. Blaumeisen-Männchen dagegen haben unter Einfluss von Kunstlicht mehr Nachwuchs außerhalb ihrer festen Partnerschaft. Zugvögel werden verwirrt, kommen vom Kurs ab oder kollidieren mit beleuchteten Hochhäusern.

Frostschäden bei Bäumen

Bei Fischen kann künstliche Beleuchtung zu kleineren Geschlechtsorganen führen, damit sinkt ihr Fortpflanzungserfolg. Bei Schildkröten kann es passieren, dass sie nach dem Schlüpfen statt ins Wasser in die entgegengesetzte Richtung krabbeln, ein fataler Irrtum. Für viele Insekten ist Kunstlicht schlicht tödlich, Milliarden sterben jedes Jahr an Straßenlaternen, so die Max-Plack-Gesellschaft.

Auch Bäume zu illuminieren ist laut Jatho keine gute Idee. Sie bekämen den Herbstanfang nicht richtig mit und das Laub bleibt an den Ästen. Die Folge sobald die Temperaturen unter Null sinken: Frostschäden.

Und beim Menschen? „Da ist Licht der Taktgeber für die innere Uhr“, erklärt Jatho. Künstliches Licht sei zwar aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken, aber der Körper brauche Dunkelheit, um das Schlafhormon Melatonin produzieren zu können. Dieses Hormon sorge für nächtliche Erholung und Stärkung des Immunsystems. Künstliches Licht könne die Ausschüttung drosseln, es könne zu Schlafstörungen kommen und der Tag-Nacht-Rhythmus aus dem Takt geraten.

Sternepark Rhön

Aber der Mensch bringt sich nicht nur um den Schlaf, sondern um ein einzigartiges Schauspiel: den klaren Blick zum Sternenhimmel. Ein solcher ist immerhin noch in der Rhön möglich, die einen Sternpark ausgewiesen hat. Aufgrund der relativ dünnen Besiedlungen fehlt in der Region künstliches Licht und so kann man dort in klaren Nächten einige Tausend Sterne und die Milchstraße bestaunen, aber auch beeindruckende Mondnächte.

Die Region bekannte sich dazu, durch eine umweltverträglichere und optimierte Beleuchtung die natürliche Nachtlandschaft zu bewahren und Lichtverschmutzung zu reduzieren, wie es auf der Homepage des Sterneparks heißt.

„Mit dem vielen künstlichen Licht verlieren wir die Dunkelheit und damit ein Kulturgut“, erklärt Jatho. Wenn es schon immer so hell gewesen wäre, gäbe es viel weniger Erkenntnisse über den nächtlichen Himmel. Er verweist zudem auf den hohen Energieaufwand für künstliches Licht, in Deutschland entfielen darauf 16 Prozent des gesamten Stromverbrauchs.

Neue Vorschriften in Bayern

Infolge des Volksbegehrens „Rettet die Bienen“ erließ Bayern 2019 neue Vorschriften für Lichtimmissionen. So müssen bei künstlicher Beleuchtung im Außenbereich Auswirkungen auf die Insektenfauna berücksichtigt werden, wie das Bayerische Umweltministerium schreibt. Öffentliche Gebäude wie Rathäuser dürfen zwischen 23 Uhr und der Morgendämmerung nicht mehr angestrahlt werden. Auch bei der Straßenbeleuchtung müssen Kommunen mögliche Folgen für Insekten mit einbeziehen.

Bayerns Umweltminister Glauber erklärte dazu 2020: „Wir müssen insgesamt sparsamer und intelligenter mit künstlicher Beleuchtung umgehen.“ Die Reduzierung der Lichtverschmutzung sei ein wichtiger Baustein für mehr Artenschutz. Und: „Auch wir Menschen brauchen die Dunkelheit, um zur Ruhe zu ko

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