Hof – Der Politikwissenschaftler und die Politiker: Am Ende eines Abends mit spannenden Diskussionen über Populismus und Populisten, über die Vertrauenskrise in die Politik und ihr Personal warb Professor Dr. Heinrich Oberreuter um Vertrauen. Um Vertrauen in die, die Verantwortung tragen: „Wenn der Karren 50 Zentimeter vor der Wand steht, dann werden sie schon noch umsteuern“, sagte er. Man frage sich nur, warum sie nicht zwei Meter vorher umsteuern, schob er flugs nach. Eine kleine Spitze?
Schauplatz der Veranstaltung: der Saal der Bürgergesellschaft in Hof. Der bekannte Passauer Politikwissenschaftler Oberreuter, Dr. Hanns-Peter Ohl, der Geschäftsführer der Netzsch-Gruppe mit Hauptsitz in Selb, und der Hofer Landrat Dr. Oliver Bär diskutierten hier auf Einladung der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW), der Tageszeitungen Frankenpost und Neue Presse sowie des Regionalsenders TVO über das Thema Populismus. Sie eröffneten eine neue Gesprächsreihe mit dem Titel „Perspektive Oberfranken“.

Dass Oberreuter an dem Abend – moderiert von Hans Pirthauer und Matthias Will von der Frankenpost – um Vertrauen warb, hatte seinen Grund. In einem Referat hatte er nämlich zuvor ausdrücklich auf eine Ursache für den Vormarsch von Populisten hingewiesen: auf die Vertrauenskrise, unter der seit Jahren die liberalen Demokratien litten. Er führte eine Erhebung an, nach der im Frühjahr 2016 auf nationaler Ebene die Bürger der EU-Staaten nur noch zu 28 Prozent Vertrauen in ihre nationalen Parlamente haben.
Von diesem Klima profitieren die Populisten. Ihr Vorgehen, auf einfache Wahrheiten zu setzen, bemängelte der Politikwissenschaftler deutlich: „Die Dinge sind komplex.“ Kritisch sieht er aber auch die Rolle der etablierten Parteien und der Medien: „Die Demokratie beruht auf Zustimmung. Politiker sind in der Bringschuld, Nachvollziehbarkeit zu schaffen.“ Oberreuter stimmte Pirthauers Einwurf zu, dass die etablierten Parteien vielfach nicht in der Lage seien, die Politik richtig zu erklären. Die Fehler in der Kommunikation haben Folgen bei den Menschen: „Man bekommt das Gefühl, hintan gelassen zu werden. Man bekommt das Gefühl, in seinen Interessen nicht hinlänglich berücksichtigt zu werden“, sagte der Politik-Experte.

Nicht nur der Politikwissenschaftler weiß um diese Gefühlslage. In der Wirtschaft macht Hanns-Peter Ohl ganz ähnliche Beobachtungen, die ebenfalls Zeichen eines Vertrauensverlustes sind: „Im Verhältnis zwischen den Menschen und der Wirtschaft gibt es ähnliche Muster wie zwischen den Bürgern und der Politik“, sagte er. „Dem Land geht es gut, aber die Bürger fühlen sich bei vielen Themen nicht abgeholt.“ Es bestünden Ängste beispielsweise vor dem chinesischen Wettbewerber oder vor der Globalisierung. „Facharbeiter haben Angst vor der Zukunft, obwohl es ihnen gut geht.“ Ohl führte das auf die „höhere Komplexität“ als Folge der Globalisierung zurück. Oder einfacher gesagt: Viele Vorgänge in der Wirtschaft versteht der Laie nicht mehr. Dass häufig auch der Profi (ver)zweifelt, belegt ein Wunsch des Netzsch-Geschäftsführers: „Wir müssen in unseren Methoden einfacher werden. Nach jeder Steuerreform wird alles immer noch komplizierter.“

Die Vertrauenskrise betrifft nicht nur Politik und Wirtschaft. „Welchen Fehler haben die Medien gemacht?“, fragte Matthias Will: „Viele Menschen haben das Vertrauen in die Medien verloren.“ Oberreuter, Direktor des Instituts für Journalistenausbildung in Passau, wundert das nicht. Der journalistische Berufsstand sei ohnehin linker in der Meinung als die Bevölkerung und pflege häufig missionarischen Eifer. „Wenn dann in einer Krisensituation auch noch die Realität nicht exakt beschrieben wird, ist das nicht vertrauenserweckend.“ Oberreuter sagte, es habe „Großanstalten“ gegeben, die in ihrer Berichterstattung in den Zeiten der Flüchtlingskrise bewusst Themen nicht aufgriffen hätten. „Muss man nicht auch das Feuer beschreiben?“ Mit dieser Frage konterte Oberreuter den Einwurf von Hans Pirthauer, dass sich beispielsweise die „Bild“-Zeitung in der Flüchtlingskrise bewusst zurückgehalten habe, um nicht Öl ins Feuer zu gießen.

Patrick Püttner, der Geschäftsführer der VBW-Bezirksgruppe Oberfranken, hatte zur Begrüßung betont, dass durch die Populisten die Gesellschaft vor Herausforderungen steht. „Populisten stellen Werte wie die Pressefreiheit infrage.“ Der Hofer Landrat Oliver Bär will sich angesichts dieser Herausforderungen nicht ins Bockshorn jagen lassen. „Wir hatten schon immer Parteien wie die NPD oder auch die Republikaner in den Parlamenten“, sagte er. „Uns sollte der Optimismus nicht fehlen.“ Für entscheidend hält es der Landrat, die Wähler der AfD nicht zu dämonisieren. „Sonst treiben wir sie genau in diese Richtung.“
Bär konnte der derzeitigen politischen Großwetterlage sogar etwas Positives abgewinnen: „Die Menschen interessieren sich wieder für Politik. Sie diskutieren wieder über Politik – sogar über ein Handelsabkommen.“