Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: Urlaub daheimCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

 

Siegel-Wirrwarr: Vegetarier ohne Orientierung

Wer als Vegetarier oder Veganer einkaufen geht, braucht gute Augen. Ein einheitliches Siegel für die Produkte gibt es nämlich nicht. Deswegen gilt: Zutatenliste studieren. Doch nicht jedes tierische Produkt taucht dort auf.



Vegetarische Produkte
Die Supermärkte vergrößern ihr Angebot an veganen und vegetarischen Produkten ständig.   Foto: Doreen Fiedler/dpa » zu den Bildern

Ein gelber Punkt mit einem großen «V» hier, ein Schriftzug «Veggie» dort, ein grünes «vegan+» im Regal da, ein «fleischfrei» darunter und eine «Veganblume» daneben. In deutschen Läden wimmelt es derzeit von vegetarischen und veganen Lebensmitteln - wobei ein Wirrwarr aus Labeln und Bezeichnungen herrscht.

Weil es kein staatliches Siegel gibt, kreieren Verbände, Hersteller und Supermärkte alle jeweils eigene Zeichen. «"Veggie" zum Beispiel sagt mir gar nichts, das kann vegetarisch oder vegan sein», sagt Nadeschda Schmitt. Die 32-Jährige steht in einem Supermarkt im rheinhessischen Weindorf Flonheim und studiert die Zutatenliste des Fertigprodukts im Kühlregal. «Johannisbrotkernmehl, das ist okay. Weizeneiweiß ist auch kein Problem. Magnesiumchlorid - da weiß ich jetzt nicht genau, was das ist.» Da sie aber ein Label sieht, dem sie vertraut, landet die Packung im Korb.

Dabei weiß die Veganerin, dass es für die Siegel keine transparenten staatlichen Kontrollen gibt - was auch die Verbraucherzentralen bemängeln. Mehr noch: Die Begriffe vegan und vegetarisch sind derzeit lebensmittelrechtlich nicht einmal definiert. Zwar gibt es eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), dass vegane Produkte nicht «Pflanzenkäse» oder «Tofubutter» heißen dürfen. Ähnliches gilt aber nur für Milch- und nicht für Fleischprodukte - weswegen nach wie vor «vegetarischer Hamburger» im Regal steht.

Immerhin dürfte bald klar sein, was vegetarisch und vegan bedeutet. Die unabhängige Deutsche Lebensmittelbuch-Kommission arbeite gerade an einem entsprechenden Leitsatz, erklärt das Bundeslandwirtschaftsministerium. Die Festlegung ist dabei nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint. Was ist mit Äpfeln, deren Schale mit Bienenwachs überzogen ist? Wie bewertet man Weine, bei deren Klärung eine Blase von einem Fisch verwendet wurde? Und der rote Farbstoff in Weingummi, der aus gemahlenen Läusen stammt?

«Bei mir selber bin ich nicht so super streng», sagt Schmitt. Aber wenn sie für ihr veganes Winzerhotel Trautwein einkaufe, sei es ihr wichtig, dass sie den Gästen nichts aus Versehen unterjubelt. Schmitt spricht sich für ein einheitliches Siegel aus, etwa analog zum EU-Bio-Siegel. «Gut wär ein einziges Label, das wirklich überprüft wird und den Hersteller nichts kostet.» In Indien etwa, wo die Mehrheit vegetarisch lebt, deutet ein roter Punkt auf tierische Inhaltsstoffe hin. Ein grüner Punkt bedeutet, dass es sich um ein vegetarisches Produkt handelt. 

Das derzeit führende Label in Deutschland ist das V-Label der Europäischen Vegetarier-Union (EVU). Rund 4000 Produkte im Land sind damit ausgezeichnet. Das seit 1996 vergebene Label gibt es allerdings nur dann, wenn auch keine gentechnisch veränderten Produkte und keine Eier aus Käfighaltung verwendet werden - was Festlegungen der EVU sind. Diese Vorgaben finden sich beispielsweise nicht in der Liste der Verbraucherschutzminister der Länder, die einen Vorschlag für die Definition von vegan und vegetarisch gemacht haben.

Eine Sprecherin der Vegetarier-Union erklärt, dass Umfragen immer wieder zeigten, dass Verbraucher lieber Produkte mit Siegel kauften als solche ohne. Das Thema nimmt an Bedeutung zu, denn die Zahlen der Nicht-Fleisch-Esser steigen. Täglich kämen etwa 2000 Vegetarier und 200 Veganer neu hinzu, schätzt die EVU. Zusammen seien es mehr als neun Millionen Menschen in Deutschland.

Die Supermärkte reagieren mit einem immer größeren Angebot - das teilweise zwischen all den anderen Lebensmitteln steht, teilweise in eigenen Regalen oder zumindest eigenen Ecken. Dabei wünschten sich die Kunden eine Kennzeichnung, um eine Orientierungshilfe zu haben, erklärt Aldi Süd. Auch Kaufland erweitert die Zahl der Produkte mit dem V-Label «stetig». Viele Märkte haben Eigenmarken, wie etwa Lidl mit «My Best Veggie».

Das Angebot sei heute ein ganz anderes als vor elf Jahren, als sie begann, sich rein pflanzlich zu ernähren, sagt Michaela Hausdorf aus Mainz. Damals lebte sie noch im ländlichen Raum und dort habe es - wenn überhaupt - in einem 25 Kilometer entfernten Reformhaus Sojamilch gegeben, «ziemlich überteuert und geschmacklich wenig überzeugend». Heute gebe es milchähnliche Produkte aus Hafer, Mandeln, Cashewnüssen, Dinkel und anderen in quasi jedem Markt. «Für mich fühlt es sich heutzutage also an wie im Schlaraffenland.»

Hausdorf meint, wer sich mit den verschiedenen Logos auseinandersetze und die Zutatenlisten lese, komme eigentlich schnell zurecht. «Man kennt seine Produkte schließlich und muss nicht jedes Mal aufs Neue überlegen.» Sie wünscht sich allerdings, dass mehr Cafés und Restaurants vegane Alternativen anbieten und diese auch so kennzeichnen. «Auf dem Land gibt es das quasi gar nicht.»

Veröffentlicht am:
29. 09. 2017
04:20 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Aldi Gruppe Aldi Süd Europäischer Gerichtshof Kaufland Lidl Tiere und Tierwelt Veganer Veganismus Vegetarier Vegetarismus
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Ersatzprodukte haben Konjunktur

23.06.2020

Wie gesund leben Vegetarier und Veganer?

Vegetarier oder Veganer gelten schon lange nicht mehr als außergewöhnlich. Doch kann es gesund sein, auf Fleisch und andere tierische Produkte zu verzichten? Die Antwort: Ja, aber... » mehr

Fleischersatz

23.07.2019

Warum Fleischersatz so schmecken soll wie das Original

Grünkernbratling war gestern, heute müssen sich Gaumenschmaus und klimaschonende Ernährung nicht mehr ausschließen. Zurzeit sorgen neue pflanzliche Burger für Gesprächsstoff. Doch warum müssen die Produkte überhaupt gena... » mehr

Die Bratwurst

16.08.2020

Die Bratwurst und ihre pflanzlichen Pendants

Im Stadion, auf der Kirmes oder dem Dorffest - die Bratwurst gehört zum kulinarischen Fest-Inventar. Mittlerweile kommen aber auch Vegetarier und Veganer auf ihre Bratwurst-Kosten. Auf dem Grill tut sich was. » mehr

Einkorn

02.04.2020

Die gesündere Alternative zu Weizen?

Einkorn und Emmer statt Weizen und Roggen: Seit einiger Zeit gibt es überall Brote oder Müsli-Zutaten aus Urgetreide zu kaufen. Denn die alten Körner gelten als gesund. Was Fachleute dazu sagen. » mehr

Yayla Krefeld

20.11.2019

Halal-Produkte im deutschen Supermarkt

Die Fleischindustrie steckt im Wandel. Neben Bio-Siegeln sind in deutschen Supermärkten inzwischen auch immer öfter Halal-Siegel zu sehen. » mehr

Antje Gahl

25.12.2019

Wann Eisenpräparate sinnvoll sind

Blass, müde, unkonzentriert? Das sind die Symptome, die viele zu Eisenpräparaten greifen lassen. Doch wann macht das Sinn und wann geht man lieber zum Arzt? Klar ist: Symptome gehören abgeklärt. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
29. 09. 2017
04:20 Uhr



^