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Im Schattenreich

Feiertag mal ganz altmodisch: Erst ein bisschen Bewegung –und dann ab in den Biergarten



 

Gemeinhin gedenkt man zu Pfingsten ja der Ankunft des Heiligen Geistes. Zumindest diejenigen tun es, für die außer Umsatz und Rendite noch anderes zählt. Hätten sich im Jahr 2005 nämlich die deutschen Wirtschaftsverbände durchgesetzt, gäbe es am 50. Tag der Osterzeit gar keinen Feiertag mehr. Gar nicht so übel, dass mit Ausnahme der FDP seinerzeit sämtliche Parteien im Bundestag plus Kirchen und Gewerkschaften gegen die Abschaffung stimmten. Auch derer also darf man sich an diesem Wochenende besten Gewissens erinnern.

Womöglich aber sollten wir den Kreis der Andacht ein wenig erweitern und ein gepflegtes Bierchen auch auf das Wohl zweier Herren trinken, die schon des Längeren nicht mehr unter uns weilen. Verdient haben sie es allemal – und keineswegs nur des gemeinsamen Vornamens wegen. Ein feiertäglich tiefer Zug in stillem Gedenken also für Carl von Linde und Carl Anton Maria Dreher. Ersterem verdanken wir die Erfindung der Kältemaschine, dem anderen deren ersten Einsatz in einer Bierfabrik. Im Jahr 1877 war das.

Erst seit 140 Jahren nämlich ist Brauen ein ganzjähriges Handwerk. Vorher war es im Sommer schlicht nicht kalt genug, und so verbot schon die Bayerische Brauordnung von 1539, dass zwischen St. Georg am 23. April und St. Michael am 29. September Bier hergestellt wurde. So irdisch das Gewerbe auch gewesen sein mag – zwei Heilige steckten damals die kalendarischen Grenzen des Gerstensaftes ab.

Allerdings stammt aus diesen Vor-Kühlschrank-Zeiten auch eine besondere Tradition. Um nämlich bis zum Herbst nicht gänzlich ohne Flüssigbrot darben zu müssen, wurde zum Ende der Saison ein besonders haltbares Bier gebraut. Stärker gehopft und mit mehr Alkohol als üblich. Um den Sommer zu überdauern, lagerte und reifte das untergärige "Märzen" in tiefen, kühlen Kellern im Eichenfass. Bedeckt von großen Blöcken aus Natureis, die im Winter vorsorglich aus Flüssen und Teichen gesägt worden waren.

Doch das war längst nicht alles. Zum Schutz gegen die Sonne streuten pfiffige Bierbunker-Bauer hellen Kies über die Katakomben und pflanzten Kastanienbäume, die dank ihrer großen Blätter reichlich Schatten warfen, mit ihren flachen Wurzeln aber die gewölbte Kellerdecke nicht in Gefahr brachten. Vor mehr als 200 Jahren schließlich kamen findige Münchner Wirte darauf, dass sich Gerstensaft entlang der Isar nicht nur prima lagern ließ, sondern auch bestens verkaufen. Schattiger Sitzplatz samt Getränk als des Ausflugs Höhepunkt – die Geburt des Biergartens. In der Fränkischen Schweiz, übrigens, geht man noch heute "auf den Keller", wenn man zum Garten einer der vielen kleinen Brauereien pilgert.

In Zeiten von ganzjähriger Gärung und Eisschrank sind Kies, Keller und Kastanien längst kein Muss mehr – Biergärten aber noch immer ein schönes Ziel. Gerade an Feiertagen. Wobei auf die Idee meist ein paar andere auch noch kommen.

Am besten lässt sich der gepflegte Trunk im Freien mit einem zünftigen Ausflug kombinieren. Als kleine bis mittelgroße Rucksack-Tour zum Beispiel – oder gepflegt pedalierend auf dem Rad. Hauptsache, ein bisschen – oder auch viel – Bewegung. Dann kann man erstens stolz erzählen, dass nur die Harten in den (Bier-)Garten kommen, und muss obendrein kein schlechtes Gewissen haben, wenn man sich zum kühlen Schluck auch eine deftige Brotzeit gönnt.

Autor

Wolfgang Plank

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Veröffentlicht am:
06. 06. 2019
16:00 Uhr

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06. 06. 2019
16:00 Uhr



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