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Mehr häusliche Gewalt in Quarantäne und finanzieller Not

Immer wieder haben Experten gewarnt: Die Gewalt in Familien könnte steigen, wenn Menschen wegen Corona nicht aus dem Haus dürfen und existenzielle Probleme dazu kommen. Nun zeigt sich: Die Befürchtungen dürften sich bewahrheiten.



Häusliche Gewalt
Durch die Kontaktbeschränkungen ist es für Frauen derzeit schwerer, bei häuslicher Gewalt auf Hilfsangebote zurückzugreifen.   Foto: Maurizio Gambarini/dpa/Illustration

Mehr Streit, mehr Angst - und mehr Schläge: Insbesondere bei Familien in Quarantäne und bei akuten finanziellen Sorgen haben Frauen während der Corona-Krise häusliche Gewalt erfahren. Sie berichteten bei einer wissenschaftlichen Umfrage von lautstarkem Streit, Ohrfeigen und erzwungenem Sex.

Die Online-Befragung wurde unter rund 3800 Frauen zwischen 18 und 65 Jahren durchgeführt. Ähnliche Hinweise auf häusliche Gewalt während der Corona-Krise gibt es auch aus anderen Ländern.

3,1 Prozent der Frauen berichteten, in der Zeit der strengen Kontaktbeschränkungen mindestens eine körperliche Auseinandersetzung erlebt zu haben, etwa Schläge. Ähnlich viele Frauen gaben an, vergewaltigt worden zu sein. Bei 6,5 Prozent wurde die Kinder den Aussagen der Mütter zufolge gewalttätig bestraft. Offen blieb, ob die Gewalt in diesem Fall von der Frau oder dem Mann ausging.

Befanden sich die Frauen zu Hause in Quarantäne, stiegen die Zahlen stark: Dann berichteten 7,5 Prozent von körperlicher Gewalt, in 10,5 Prozent der Fälle erlitten Kinder Gewalt. Ähnlich dramatisch waren die Angaben, wenn die Familie akute finanzielle Sorgen hatte. Körperliche Gewalt traf Frauen dann in 8,4 Prozent der Fälle, Kinder in 9,8 Prozent. Auch Kurzarbeit oder der Verlust des Arbeitsplatzes eines Partners erhöhte die Gewalt in den Familien.

Am höchsten waren die Zahlen, wenn ein Partner Depressionen oder Angst hatte. Hier gab es bei 9,7 Prozent körperliche Gewalt gegen Frauen und bei 14,3 Prozent gegen Kinder. Nicht zu klären war aber, inwieweit die Pandemie psychische Probleme verschlechtert hatte. «Wir wissen nicht genau, wie die Befindlichkeit davor war», sagte Janina Steinert, die als Sozialwissenschaftlerin an der Technischen Universität München (TUM) mit der Volkswirtin Cara Ebert vom RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung die Untersuchung leitete.

Überdurchschnittlich betroffen waren Familien mit Kindern bis zehn Jahre. Die Eltern seien durch Arbeit und die Betreuung bei Schul- und Kitaschließungen doppelt belastet.

Ähnliche Ergebnisse hatte bereits eine Befragung der Universität Erfurt von 1024 Frauen und Männern ergeben. Auch dieser Cosmo-Studie zufolge wurde in Quarantäne, bei psychischer Belastung und bei einem möglichen Verlust des Arbeitsplatzes mehr gestritten, es gab mehr Angst vor dem Partner und auch mehr körperliche Gewalt.

Für die Münchner Studie wurde zwischen dem 22. April und dem 8. Mai nach dem Vor-Monat gefragt. Vergleichszahlen aus der Zeit vor Corona nannten die Autorinnen nicht. Diese seien nicht aussagekräftig, da bisherige Studien deutlich längere Zeiträume berücksichtigten.

Die wirklichen Auswirkungen seien wahrscheinlich erst nach der Krise erkennbar, erläuterte die Frauenrechts-Organisation Terre des Femmes dazu. Die Studie zeige aber, dass die Gewalt zugenommen habe. «Dies war zu erwarten, denn das eigene Zuhause ist kein sicherer Ort für missbrauchte Frauen und ihre Kinder», sagte die Referentin für häusliche und sexualisierte Gewalt, Vanessa Bell. «Bei Tätern hängt das Verhalten meist mit Macht und Kontrolle zusammen, daher hat eine Krise auch immer Potenzial, das Verhalten von gewalttätigen Männern eskalieren zu lassen.» Stress, finanzielle Engpässe und soziale Isolation verstärkten dies. Kontaktbeschränkungen schränkten zudem den Zugang für Frauen zu Hilfsangeboten ein.

Polizeistellen in China hätten eine Verdreifachung der Zahlen im Vergleich zum Vorjahr festgestellt, sagte Bell weiter. In Ländern wie Frankreich und Italien sei die Zahl um 30 Prozent gestiegen, in Berlin um 10 Prozent. Dies sei sehr ernst zu nehmen.

Veröffentlicht am:
03. 06. 2020
10:23 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
03. 06. 2020
10:23 Uhr



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