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Im «Cyber-Klassenzimmer» wird Mathematik zum Kinderspiel

Deutschlands Kultusminister arbeiten an der Digitalisierung des Schulunterrichts. Im Schwarzwald stellt sich der «Cyber-Classroom» der Realität. Schüler greifen zur 3D-Brille, statt zum Geodreieck.



«Cyber-Classroom» in St. Georgen
Die fünfte Klasse des Thomas-Strittmatter-Gymnasiums in St. Georgen wird in einem virtuellen Klassenzimmer unterrichtet.   Foto: Patrick Seeger/dpa

Die Schüler betreten fremde Planeten und besuchen ein Kloster im Mittelalter. Sie hantieren mit geometrischen Figuren und chemischen Stoffen. Verlassen müssen sie die Schule dafür nicht.

Der «Cyber-Classroom» - das virtuelle Klassenzimmer - macht Unterrichtsthemen greifbar und anschaulich. Nach dem Willen der deutschen Kultusminister ist dies das Modell der Zukunft. Im Alltag getestet wird es im Schwarzwald. Schüler und Lehrer sind begeistert. Doch die Umsetzung hat Hürden.

Maja Fiedler und Sophie Groß brüten in der fünften Klasse des Thomas-Strittmatter-Gymnasiums in St. Georgen im Schwarzwald über einer kniffligen Mathematikaufgabe. Die beiden Elfjährigen und ihre Mitschüler beugen sich dazu aber nicht über Hefte und Bücher. Sie haben sich 3D-Brillen aufgezogen und stehen vor großen Bildschirmen. Die dort dreidimensional abgebildeten geometrischen Figuren lassen sich per Fernbedienung mühelos drehen, schieben, verkleinern und vergrößern. Die komplizierte Mathe-Aufgabe kann so gelöst werden.

«Es macht Spaß», sagt die zehnjährige Lara. «Und wir hatten auch schnell die Lösung.» Den «Cyber-Classroom» hat die Schule vor genau zehn Jahren eingerichtet. Das Gymnasium in der 13 000 Einwohner zählenden Stadt im Schwarzwald hat deutschlandweit Modellcharakter.

Die Erfahrungen sind positiv, sagt der Mathematik- und Physiklehrer Jörg Zimmermann, der in der digitalisierten Schule unterrichtet und einer der Initiatoren des Projekts ist. Das virtuelle Klassenzimmer ermögliche aktives und individuelles Lernen - und eine Wissensvermittlung, die Schüler anspreche und motivieren könne.

«Der Reiz der Technik spielt natürlich eine Rolle», sagt der Pädagoge. Auch in seiner fünften Klasse. Viele kennen Brille und 3D-Monitor von der heimischen Spielkonsole. Eine große Einweisung, wie virtuelles Lernen funktioniert, braucht es daher meist nicht.

«Wissen kann effektiver aufgenommen werden», meit Schulleiter Ralf Heinrich. Digitale Technik eigne sich für alle Fächer, alle weiterführenden Schulen und für nahezu alle Klassenstufen, ergänzt Lehrer Zimmermann. In naturwissenschaftlichen Fächern seien die Berührungspunkte besonders groß. Gut geeignet sei der «Cyber-Classroom» von der siebten Klasse an. Kleinere Kinder, deren Sehvermögen altersbedingt noch nicht fertig entwickelt sei, könnten zeitweise Probleme mit den Brillen und etwas Kopfschmerzen bekommen.

Nur einige Straßen von der Schule in St. Georgen entfernt sitzt der Software-Entwickler Imsimity . Das Unternehmen, das aus einer Ausgründung der Universität Stuttgart hervorging, entwickelt digitale Klassenzimmer. «Wir bedienen uns der Technik, die auch bei Computerspielen verwendet wird und die in der Industrie seit Jahren Standard ist», sagt Firmenchef Martin Zimmermann. Ihn verbindet mit dem Lehrer der nahen Schule der Nachname, doch verwandt oder verschwägert sind die beiden nach eigenen Angaben nicht.

In 70 Schulen europaweit habe Imsimity schon virtuelle Klassenzimmer geliefert, sagt der Unternehmer. Im Auftrag der katholischen Kirche hat er jüngst ein Kloster für den Religionsunterricht entwickelt. Frühere Schüler arbeiten in seiner Firma inzwischen mit - und tüfteln an neuen Programmen für den Unterricht der Zukunft.

Um Ideen umzusetzen, brauche es engagierte Lehrer und auch Eltern, sagt Zimmermann. «Sie sind es, die sich begeistern für Innovationen, während der Staat meist hinterherläuft.» Werde digitale Technik für Schulen gekauft, dann werde sie meist über Sponsoren finanziert.

«Wichtig ist die passende Infrastruktur. Daran hakt es in Deutschland noch, vor allem in ländlichen Regionen», sagt Mario Mosbacher, Direktor des Fürstenberg-Gymnasiums im nicht weit entfernten Donaueschingen, das ebenfalls digital lehrt. «Ohne verlässliches Internet geht gar nichts.» Zudem müssten Lehrer aus- und fortgebildet sowie Lehrpläne modernisiert werden. «Sonst steht zwar moderne Technik im Klassenzimmer, kann aber nicht richtig genutzt werden.» Hier gebe es bundesweit noch einen großen Nachholbedarf.

Lehrer Zimmermann sieht Digitales im Klassenzimmer als einen künftig fest verankerten Bestandteil. «Bücher, Bleistifte, Geodreiecke sowie Kreide an der Tafel wird es trotzdem weiterhin geben», sagt er. Neue Technik diene parallel dazu als Helfer und Unterstützer. «So wie früher der Overhead-Projektor.»

Veröffentlicht am:
01. 06. 2017
10:40 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
01. 06. 2017
10:40 Uhr



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