Lade Login-Box.
Topthemen: Vor 40 Jahren in der Neuen PresseBlitzerwarnerGlobe-TheaterHSC 2000 Coburg

 

Weltstillwoche: Mütter zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Bestes Fast Food der Welt - das ist Muttermilch für Experten. Auch unter Müttern hat sich das herumgesprochen. Trotzdem stillen viele nicht allzu lang. Warum eigentlich?



Mutter stillt Kind
Das Stillen ist gesund für Mutter und Kind. Doch bei Frauen herrscht dabei oft eine große Verunsicherung.   Foto: Paul Zinken/dpa

Selig nuckelnde Babys. Stolz lächelnde Muttis. Weiches Licht. Selfies stillender Mütter sind inzwischen in den sozialen Medien an der Tagesordnung. Dort scheint es, als sei es für die heutige Generation von Mamas das Normalste der Welt, die Brust zu geben.

Supermodels und Stars haben es vorgemacht, die privaten Momente im Netz zu teilen. Sogar ein eigenes Stichwort ist dafür entstanden: #Brelfie, ein Mix aus Selfie und Breastfeeding, wie Stillen auf Englisch heißt. Aber stimmt der Eindruck aus dem Netz - kommt tatsächlich seltener Milchpulver ins Fläschchen? 

Für Experten klafft zwischen Wunschvorstellung und Praxis beim Stillen eine große Lücke. «Dass Stillen gut für Kinder ist, hat sich herumgesprochen. Viele Frauen fangen mit dem Stillen an», sagt die Stillbeauftragte des Deutschen Hebammenverbandes, Aleyd von Gartzen, vor der Weltstillwoche (2. bis 8. Oktober). Dann kommt das große Aber: Viele Mütter stillten oft nach wenigen Wochen ab, sagt von Gartzen. Studien belegen dies, Erhebungen liegen teils aber längere Zeit zurück.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dagegen empfiehlt, sechs Monate ausschließlich zu stillen und danach bis zu einem Alter von zwei Jahren Stillen und Beikost zu kombinieren. Wenn gewünscht, kann noch länger gestillt werden. Muttermilch gilt heute als optimale Nahrung für Säuglinge und als förderlich für die Bindung von Mutter und Kind. Beide Seiten profitieren gesundheitlich: Beim Baby sinkt etwa das Risiko für Infektionskrankheiten, Allergien und Asthma. Bei Müttern kann Stillen das Risiko für Brust- und Eierstockkrebs reduzieren.

Als Grund für frühes Abstillen vermutet von Gartzen unrealistische Vorstellungen vom Leben mit Baby und ein Gefühl der Überforderung vom Stillen in der ersten anstrengenden Zeit. Aber es mangele auch an Wissen zur Praxis des Stillens, bei den Frauen und in deren Umfeld.

Die Weichen für erfolgreiches Stillen werden bereits im Krankenhaus nach der Geburt gestellt. Dort fehle aber zunehmend die richtige Betreuung, sagt von Gartzen, die auch Mitglied der Nationalen Stillkommission (NKS) ist, ein Gremium zur Förderung des Stillens. Werde das Kind falsch angelegt, hätten die Mütter oft schon nach zwei oder drei Tagen derartige Schmerzen durch lädierte Brustwarzen, dass sie sich von guten Vorsätzen verabschiedeten. Und das, bevor der Milchfluss überhaupt richtig in Gang gekommen sei.

Von Gartzen sieht eine große Verunsicherung: Frauen werde mit der Vielzahl von Vorsorgeuntersuchungen und Kontrollen bereits in der Schwangerschaft das Gefühl vermittelt, dass die Abläufe nicht von alleine funktionieren. Der Glauben an sich selbst - und damit auch an das intuitiv richtige Verhalten des Babys - werde jungen Müttern genommen. Die Flasche zu geben und zum Beispiel genau zu wissen, wie viel das Kind getrunken hat, suggeriert am Ende mehr Kontrolle.

Doch auch an den Mitmenschen dürfte das Stillen in der Praxis teils scheitern. Laut einer kürzlich erschienenen Studie im Auftrag des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) sind explizit negative Reaktionen auf öffentliches Stillen zwar eher selten. Allerdings stand jeder vierte Befragte dem Stillen im öffentlichen Raum zwiespältig oder ablehnend gegenüber. Für jede Zehnte der befragten Mütter, die bereits abgestillt hatten, sei die ablehnende Haltung in der Öffentlichkeit ein Grund für das Abstillen gewesen, hieß es.

Gerade in Restaurants und Cafés kann Stillen als unangebracht empfunden werden, wie vor gut einem Jahr auch ein Fall aus Berlin zeigte. Eine junge Mutter geriet mit einem Café-Besitzer aneinander und startete daraufhin eine Petition für einen gesetzlichen Schutz des Stillens in der Öffentlichkeit. Das Thema wurde zwar breit diskutiert, ihre Forderung blieb am Ende aber folgenlos.

Die Nationale Stillkommission, die ihren Sitz am BfR hat, will Frauen darin bestärken, in der Öffentlichkeit zu stillen. In einer Stellungnahme spricht sie sich für einen klaren Appell an die Bevölkerung und an Mütter aus: Stillen sei gesund, könne nicht warten - egal unter welchen Umständen.

Fotos von stillenden Promis sind womöglich ein Schritt in die richtige Richtung. Sie könnten eine breite Vorbildfunktion haben, glaubt Expertin Aleyd von Gartzen. Ob Mütter heute mehr und über einen längeren Zeitraum stillen als noch vor 20 Jahren - und aus welchen Gründen -, das wollen Forscher nun in Erfahrung bringen. Befragt werden sollen in einer Studie im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) Mütter, aber auch Hebammen, Ärzte und Pflegepersonal. Ergebnisse werden 2020 erwartet.

Veröffentlicht am:
02. 10. 2017
04:35 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Eierstockkrebs Ernährung unter gesundheitlicher und wissenschaftlicher Perspektive Experten Fastfood Mütter Stillen Säuglinge und Kleinkinder Weltgesundheitsorganisation Wünsche Öffentlichkeit
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Herrentoilette

21.06.2019

Wieso Väter das Wickeln vor ganz praktische Probleme stellt

Väter beteiligen sich immer stärker an der Kindererziehung. Doch manche hadern mit Hürden im Alltag - etwa beim Wickel-Mobiliar auf öffentlichen Toiletten. » mehr

Im Schuhladen

18.10.2019

Wie geht ein entspannter Schuheinkauf mit den Kindern?

Quengelnde Kinder und ratlose Eltern: Mit Kindern Schuhe zu kaufen, wird mitunter zur Geduldsprobe. Wie Eltern einen entspannten Kauf planen können. » mehr

Stillende Mutter

01.10.2018

Stehen Mütter in Deutschland unter Still-Druck?

Dass Muttermilch am besten für ein neugeborenes Babys ist, steht außer Frage. Hersteller von Ersatzmilch bauen diese Information inzwischen sogar in ihre Werbung ein. Die verbreitete Befürwortung des Stillens kann Mütter... » mehr

Babys

27.06.2019

Manche Eltern geben ihren Babys exotische Namen

Auch wenn viele Babys Marie, Paul, Sophie oder Alexander genannt werden - manche Eltern mögen es exotischer. In Urkunden taucht auch Wendelbert, Merkel oder Tyrion auf. Nach Ansicht von Psychologen macht ein ungewöhnlich... » mehr

Jutta Draht

05.10.2018

Gute Eltern-Kind-Bindung bildet Fundament fürs Leben

Inniges Kuscheln, Hautkontakt, liebevolle Zuwendung - all das ist gut für die Bindung zwischen Eltern und Kind. Doch wie wichtig ist sie für das Baby? Und beeinflusst sie wirklich das ganze Leben? » mehr

Zwei Freundinnen

20.07.2018

Freunde bleiben trotz Kinder

Rückkehr in den Job, Stillen, Babyfotos im Internet: Wenn in einer Freundschaft beide Seiten Kinder bekommen, tun sich manchmal Gräben auf. Wer die Freundschaft erhalten möchte, sollte vor allem auf eines verzichten: ung... » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
02. 10. 2017
04:35 Uhr



^