Lade Login-Box.
Topthemen: BlitzerwarnerLoewe-InsolvenzNP-FirmenlaufGlobe-TheaterMordfall OttingerStromtrasse

 

Mehr Kinder von sexualisierter Gewalt betroffen

In Deutschland werden jedes Jahr Tausende Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch registriert. Die Dunkelziffer ist hoch. Die akuten Folgen für die betroffenen Kinder sind schlimm, langfristig ist oft bis zu einem gewissen Grad Hilfe möglich.



Kindesmissbrauch
Der Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts zufolge wurden 2018 insgesamt 13.683 Kinder als Opfer sexuellen Missbrauchs erfasst. 2017 waren es noch 12.850.   Foto: Julian Stratenschulte

Kindesmissbrauch ist ein Verbrechen, das meist im engsten Familien- und Bekanntenkreis geschieht, also dort, wo sich Kinder eigentlich geschützt fühlen sollten.

«Sexualisierte Gewalt ist mit das Schrecklichste, was man einem Kind antun kann. Sie bringt langfristige Folgen hervor», sagt Sabrina Drews von der Rostocker Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt. Sie und ihre Kollegen in den zahlreichen Beratungsstellen bundesweit sind täglich mit teils unvorstellbar grausamen Fällen konfrontiert. Am 3. April stellte die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs ihre Bilanz vor.

Hilfe und Rat suchen

Die Ratsuchenden, die zu Drews kommen, sind Angehörige von Kindern, Kinder und Jugendliche selbst oder auch Erwachsene, die sich nach vielen Jahren mit ihrer oft verdrängten Vergangenheit konfrontiert sehen. Im vergangenen Jahr sind in Deutschland mehr minderjährige Opfer sexueller Misshandlungen registriert worden als noch 2017. Der aktuellen Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts zufolge wurden 2018 insgesamt 13.683 Kinder als Opfer sexuellen Missbrauchs erfasst. 2017 waren es noch 12.850.

«Das Dunkelfeld ist viel, viel größer», sagte jüngst Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD). In jeder Schulklasse seien ein bis zwei Kinder betroffen - sie gehe von einer Million Kindern in Deutschland aus. Dabei gehe es um Berührungen, sexuelle Belästigung bis hin zu Missbrauch.

Psychische Belastungen im Erwachsenenalter

Drews erzählt, viele Betroffene hätten im Erwachsenenleben mit schwerwiegenden psychischen Belastungen wie Depressionen zu kämpfen, auch im Sexualleben gebe es Schwierigkeiten. Aber meist seien die Folgen behandelbar. Klar ist aber auch: «Das Ereignis kann nicht gelöscht werden und es muss gut in die Biografie integriert werden. Und wenn das gelingt, ist eine Genesung wahrscheinlich.»

Die Gewalt-Definition fällt schwierig aus, wie Drews sagt. Denn jeder Mensch habe eine persönliche Grenze und einen eigenen Charakter, die es zu akzeptieren gelte. Unter Misshandlung fallen demnach scheinbar ungewollte Berührungen, unfreiwillige Doktorspiele, Kinder Pornos schauen lassen, vor Kindern masturbieren oder Sex mit Kindern. «Dabei sind nicht nur Männer die Täter», sagt Drews.

Sensibilisierung der Öffentlichkeit wichtig

Der Chef der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker, betont, es sei nicht möglich, sexuelle Gewalt gegen Kinder völlig zu verhindern. Deshalb sei es wichtig, die Öffentlichkeit für sexuelle Gewalt zu sensibilisieren. Diese sei nicht leicht zu erkennen.

«Alle Berufsgruppen, die mit Kindern arbeiten, müssen qualifiziert werden, Hinweise und Signale von Kindern wie Verhaltensänderungen frühzeitig zu erkennen.» Denn je früher sexuelle Gewalt erkannt wird, desto schneller und umfassender könne einem Kind geholfen werden.

Häufig sind die Täter aus dem Familien- und Bekanntenkreis

Drews sagt, Übergriffe gebe es zu vier Fünfteln im Familien- und Bekanntenkreis. «Das macht es unfassbar für Angehörige.» Es sei eine normale Reaktion, dass eine Mutter aus allen Wolken falle, wenn ein solcher Verdacht gegen ihren neuen Partner aufkomme. Dabei gebe es Täter, die schon bei der Partnerwahl den Missbrauch planten. «Das ist nicht etwas, weil es sich halt so ergeben hat.» Diese Täter schafften es auch, ihre Taten unter einen extrem hohen Geheimhaltungsdruck zu stellen: «Den Kindern wird Angst gemacht.»

Wenn Kinder oder Jugendliche betroffen seien, müsse es erstmal heißen: «Kurzfristig Schutz herstellen.» Das Kind sei dem Wirkungsbereich des mutmaßlichen Täters zu entziehen. «Die Kinder müssen die Kontrolle zurückerlangen. Das ist der Faktor, der sich letztlich als heilsam auswirken kann», sagt die Pädagogin.

Die Erfahrungen zeigten, dass die Folgen der sexuellen Gewalt verschlimmert würden, wenn Hilfe ausbleibe. Die traurige Realität sei, dass Kinder bis zu acht Mal von den Erlebnissen erzählen müssten, bis ihnen geholfen werde, sagt Drews. «Viele Erwachsene, die zu uns kommen, berichten, dass die Gewalterfahrung schlimm war. Aber viel schlimmer war, dass ihnen niemand zugehört, niemand geglaubt und niemand geholfen hat.»

Veröffentlicht am:
03. 04. 2019
14:24 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Bekanntenkreis Bundeskriminalamt Franziska Giffey Gewalt Kindersex Kindesmissbrauch SPD Sexualdelikte Verbrecher und Kriminelle
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Pflege

28.06.2019

So vermeiden Sie Aggressionen in der Pflege

Anschreien oder beschimpfen, schlagen und einschließen - oder vernachlässigen. Immer wieder kommt es in der Pflege zu Gewalt. Was können Betroffene und ihre Angehörigen tun? Und wie lässt sich das in Zukunft verhindern? » mehr

In der Beratungsstelle des Kinderschutzbunds

30.04.2019

Kinder leiden unter Psycho-Terror

Gewaltfreie Erziehung bedeutet, dass Kinder ohne Schläge aufwachsen. Aber nicht nur: Auch psychische Gewalt, etwa in Konflikten zwischen den Eltern, kann Kinder massiv belasten. Eine Mutter erzählt. » mehr

Kinderbilder im Netz

09.07.2019

Warum Eltern Kinderbilder nicht sorglos posten sollten

Wo hört berechtigter Elternstolz auf, wo fängt die Verletzung der kindlichen Privatsphäre an? Kinderbilder im Internet sind ein sensibles Thema. Worauf Eltern besser achten. » mehr

Die Kehrseite der Samrtphone-Nutzung

11.06.2019

Belästigung per Smartphone: Schüler leiden unbemerkt

Soziale Medien haben auch eine dunkle Seite. Besonders Kinder und Jugendliche machen immer wieder auch negative Erfahrungen. Sie werden nicht nur gedisst, sondern kommen ungewollt auch mit Sex und Gewalt in Berührung. Vi... » mehr

Stalking-Opfer

11.12.2017

Wenn Stalker sich nicht abfinden

Meistens tun es Ex-Partner, manchmal tun es gekränkte Mitarbeiter oder Bekannte, schlimmstenfalls tun es Psychopathen. Stalking verstört die Seele, zerstört Leben und endet in seltenen Fällen sogar tödlich. Für das Opfer... » mehr

Betrug am Telefon

20.10.2017

Bei Anruf Betrug - Falsche Polizisten ziehen Senioren ab

Die Polizei, dein Freund und Helfer - nach diesem Motto erschleichen sich vermeintliche Ordnungshüter das Vertrauen ihrer zumeist älteren Opfer. Die Polizei setzt vor allem auf Prävention. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
03. 04. 2019
14:24 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".