Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: Urlaub daheimCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

 

Waldorf-Pädagogik ist «Mehr als nur seinen Namen tanzen»

Es wird ständig gestrickt und danach tanzen die Schüler ihre Namen - Klischees über Waldorfschulen gibt es viele. Dennoch verbuchen sie 100 Jahre nach Gründung der ersten Einrichtung großen Zulauf - vor allem in einer Region.



100 Jahre Waldorf
Öko und esoterisch - Klischees über Waldorfschulen gibt es viele. Dennoch verbuchen sie 100 Jahre nach Gründung der ersten Einrichtung großen Zulauf.   Foto: Sebastian Gollnow

Das Schulorchester tritt auf, ehemalige

Schüler berichten auf einer Podiumsdiskussion über ihre Erfahrungen,

und auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann

(Grüne) schaut vorbei.

An diesem Samstag (7. September) feiert die nach eigenen Angaben weltweit älteste Waldorfschule, die Freie Waldorfschule Uhlandshöhe in Stuttgart, ihr hundertjähriges Bestehen. Hier nahm eine weltweite, pädagogische Bewegung ihren Anfang, mit der bis heute viele Klischees verbunden werden.

Ihre Namen haben die Waldorfschulen in Deutschland von der ehemaligen Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart. Der Fabrikant Emil Molt wollte den Kindern seiner Arbeiter gute Schulbildung ermöglichen und gründete 1919 die erste Waldorfschule unter Leitung des umstrittenen Österreichers Rudolf Steiner (1861-1925). Steiners Lehre steht für die Orientierung des Menschen auf seine eigenen Stärken und ist bis heute maßgebend für die Waldorf-Pädagogik.

Weltweit 1150 Waldorfschulen

Der Vorstand des Bundes der Freien Waldorfschulen, Henning

Kullak-Ublick, sagt: «Rudolf Steiner hat keine Rezepte geliefert, wie

man etwas machen soll.» Eine dogmatische Auslegung widerspreche sogar

dem Anspruch der Waldorfschule - denn Ausgangspunkt seien immer die

einzelnen Kinder und die Zeit, in der sie lebten. 100 Jahre nach der

Gründung besuchen seinen Angaben nach etwa 88.000 Schüler die 245

Freien Waldorfschulen in Deutschland - weltweit gibt es rund 1150.  

Schulforscher Till-Sebastian Idel von der Universität Bremen sagt:

«Sie sind sehr unterschiedlich, man muss unterscheiden zwischen

Waldorfpädagogik und der bestimmten Waldorfschule. Sicherlich findet

man auch Schulen, die eher orthodox sind. Ich würde aber sagen, dass

das nur wenige sind, die meisten Waldorfschulen gehen mit der Zeit.»

15 Waldorfschulen gibt es in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Zum Vergleich: In Baden-Württemberg oder in Rheinland-Pfalz sind es

um die 60 - jeweils. «Gerade im Osten ist die Waldorfschulbewegung in

Bewegung, da tut sich was», sagt Birgit Thiemann von der Region

Mitte-Ost im Bund der Freien Waldorfschulen. Während der Markt im

Westen gesättigt sei und die Schulen mancherorts um Schüler ringen,

würden im Osten Schulen neu gegründet. Bundesweit haben die Freien

Waldorfschulen laut Statistischem Bundesamt innerhalb von zehn Jahren

seit dem Schuljahr 2006/2007 einen Zuwachs von 16 Prozent erlebt.

Noten nur bei staatlichen Prüfungen

Heiner Barz, Professor für Erziehungswissenschaften und Autor von

Waldorf-Studien, sieht Waldorf als Gegenmodell zu einem Schulsystem,

das zunehmend auf Leistung und Drill aus ist. «Ich beobachte eine

Verschärfung des Leistungsklimas, es gibt immer mehr Tests.» Viele

Eltern schauten sich deshalb nach einer Alternative um. «Nicht

Dressur, Training und Auswendiglernen ist ihnen wichtig, sondern dass

die Begabungen und Talente des Kindes individuell gefördert werden.» 

Im Stundenplan können dabei auch Stricken, Gartenbau und Korbflechten

stehen. «Der Ausgangspunkt ist immer: Selber tun, eigene Erfahrungen

machen, um sie dann zu gestalten und denkend zu verarbeiten», fasst

es Kullak-Ublick zusammen. Die klassischen Fächer wie Mathe, Deutsch

oder Geografie unterrichtet bis zur achten Klasse in der Regel ein

einziger Lehrer. Es gibt kein Sitzenbleiben und keine Noten - außer

bei den staatlichen Abschlussprüfungen.

Keine anti-autoritäre Pädagogik

Schulforscher Idel sagt, anti-autoritär gehe es an den Schulen nicht

zu. «Gerade in den ersten Schuljahren beanspruchen die Klassenlehrer,

eine richtunggebende Autorität für die Kinder zu sein.» Die

ursprüngliche Idee, eine Schule für alle Schichten zu sein, gerade

auch für Arbeiterkinder, hat sich nach seinen Beobachtungen aber

nicht erfüllt.» Die Schüler kämen - wie an anderen Privatschulen auch

- zu einem großen Teil aus der akademischen Mittelschicht.

Kullak-Ublick vom Bund der Freien Waldorfschulen räumt ein: «Uns

gefällt das selbst nicht, weil unser Anspruch ist: Wir sind für alle

Kinder da.» Man könne zwar in sozial schwierigen Stadtteilen Schulen

gründen. Das sei aber nicht so einfach - weil die Eltern aufgrund der

Gesetzeslage zur Finanzierung der jeweiligen Schule beitragen

müssten. Grob gesagt beläuft sich der Beitrag der Eltern nach den

Worten von Kullak-Ublick im Durchschnitt auf rund 200 Euro pro Monat,

wobei die Summen im Einzelfall erheblich davon abweichen können.

Veröffentlicht am:
02. 10. 2019
16:19 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Allgemeine (nicht fachgebundene) Universitäten Baden-Württembergische Ministerpräsidenten Emil Molt Klassenlehrer Lehrerinnen und Lehrer Professoren Rudolf Steiner Schulbildung Schulen Schulsysteme Schülerinnen und Schüler Statistisches Bundesamt Universität Bremen Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik Waldorfschulen Winfried Kretschmann
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Einschränkungen für Kinder

vor 15 Stunden

Corona-Einschränkungen für Kinder werden bleiben

Regelbetrieb nach den Sommerferien: Das klingt für die neuen Erstklässler erstmal gut. Ein Experte erklärt, warum Eltern und Kindern wegen Corona trotzdem mit Einschränkungen rechnen müssen. » mehr

Schwimmabzeichen in Bronze

23.06.2020

Wann ist mein Kind ein sicherer Schwimmer?

In den Sommerferien packen viele Kinder die Badesachen ein und fahren zum See oder ins Freibad. Nicht immer können die Eltern mit. Doch nicht alle Kinder sollte man ohne elterliche Aufsicht ins Wasser lassen. » mehr

Abi-Schriftzug im Mindestabstand

10.07.2020

Corona-Abi-Generation muss improvisieren

Vielen Abiturienten hat Corona nicht nur den Abiball verhagelt, sondern auch lang ersehnte Träume platzen lassen. Die Generation zeigt nach Einschätzung von Jugendforscher Hurrelmann in der Krise jedoch Talent zur Improv... » mehr

Unterricht in Corona-Zeiten

12.05.2020

Wie der Unterricht in Corona-Zeiten aussieht

Der Alltag soll schrittweise in die Klassenzimmer zurückkehren. Immer mehr Schüler nehmen bereits wieder am Unterricht teil. Doch funktioniert das Konzept? Aus dem Alltag einer Brandenburger Schule. » mehr

Home-Schooling

17.04.2020

Neue Runde im Zuhause-Lernen stellt Eltern auf die Probe

Zweitjob Hilfslehrer? Genauso fühlte es sich für viele Eltern an, als die Schulen Mitte März wegen Corona geschlossen wurden und die Kinder zuhause lernen mussten. Nach den Ferien geht es damit wieder los. » mehr

Schule geschlossen

13.03.2020

Schulen und Kitas in Deutschland machen zu

Ein Bundesland nach dem anderen hat am Freitag flächendeckende Schul- und Kitaschließungen bekannt gegeben. Millionen Eltern, Kinder und Jugendliche müssen nun ihren Alltag ganz neu planen. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
02. 10. 2019
16:19 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.