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Wie Biografiearbeit uns Wurzeln gibt

Erinnerungen können belasten, beglücken - und Kraft geben. Bei der Biografiearbeit geht es nicht nur um eine Familienchronik. Sondern um Wurzeln für die Stürme von morgen. Selbst im Hospiz.



Reise in die Vergangenheit
Gespräche wie dieses lohnen sich - für alle Generationen.   Foto: Uwe Umstätter/Westend61/dpa-tmn » zu den Bildern

Damals, nach dem Krieg...» Wenn Oma wieder von früher erzählt, rollen Kinder und Enkel manchmal mit den Augen. Dabei wäre zuhören vielleicht besser: Denn wenn die Eltern oder Großeltern nicht mehr sind, merkt man oft erst, welches Wissen mit ihnen verloren geht.

Deshalb kann es sich lohnen, wenn die Generationen gemeinsam über die Vergangenheit sprechen.

Und das ist nur die eine Seite der Medaille. Denn von dieser Form der Vergangenheitsbewältigung profitieren nicht nur jüngere Generationen, sagt Hubert Klingenberger. Er hat mehrere Bücher über die sogenannte Biografiearbeit geschrieben. Er sagt: Richtig angepackt, kann aus dem Blick zurück neue Kraft für den Weg nach vorne werden.

Was ist Biografiearbeit?

Hubert Klingenberger: Biografiearbeit ist ein Ansatz in der Bildungsarbeit, der Seelsorge oder der Pflege - ein Weg, reflektiert mit dem eigenen Leben umzugehen. Es geht nicht nur darum, mit der Vergangenheit zu arbeiten, das wird oft missverstanden, das wäre dann Nostalgiearbeit. Die Kernfrage ist: «Welche Kompetenzen, Ressourcen und Stärken habe ich in der Vergangenheit bewiesen, um mit der Gegenwart und der Zukunft besser umgehen zu können?»

Ist das nur was für Ältere?

Klingenberger: Grundsätzlich kann man Biografiearbeit mit allen Altersgruppen machen - das kommt zum Beispiel auch in SOS-Kinderdörfern oder bei der sozialen Arbeit mit Obdachlosen zum Einsatz. Sehr beliebt ist das auch bei Frauen am Ende der Familienphase, wenn die Kinder älter oder aus dem Haus sind, die dann auf der Suche nach Orientierung sind. Aber natürlich spielt das auch in der Altenarbeit, in der Pflege, in der Arbeit mit dementen Menschen und in Hospizen eine große Rolle.

Und auch im Hospiz steht dann nicht die Vergangenheit im Mittelpunkt - sondern das hier und jetzt?

Klingenberger: Ja! Selbst da geht es bei der Biografiearbeit immer um die Frage «Welche biografischen Erfahrungen helfen mir in der Zukunft?» - und wenn es nur die letzten drei Stunden sind. Da kann es dann etwa darum gehen, loslassen zu können.

Wie funktioniert die Biografiearbeit genau? Wo fängt man da an?

Klingenberger: In den Seminaren geht es zum Beispiel einfach mal darum, sich zu überlegen: Welche Herausforderungen habe ich in meinem Leben überwunden? Wer oder was hat mir dabei geholfen? Und welche dieser Fähigkeiten oder Ressourcen kannst du jetzt wieder gebrauchen?

Die Biografiearbeit kommt ja gerade in der Pflege und bei der Arbeit mit Demenzkranken zum Einsatz. Warum ist sie da so wichtig?

Klingenberger: In der Pflege hat die Biografiearbeit positive Nebeneffekte. Wenn ich jemanden zum Beispiel wasche und dabei mit ihm über positive Lebensereignisse spreche, ist der oft unverkrampfter - selbst bei solchen manchmal unangenehmen Pflegehandlungen. Und in der Demenzarbeit kann das sogar noch weitreichendere Auswirkungen haben, dass die Betroffenen zum Beispiel wieder ihr Zimmer finden.

Die Vergangenheit ist ja bei den meisten Menschen nicht nur schön. Ansatz der Biografiearbeit ist aber, sich auf das Positive zu konzentrieren. Das Schlechte lässt man dann weg?

Klingenberger: Man sagt ja in der Wirtschaft auch «Der Blick auf Stärken stärkt, der Blick auf Schwächen schwächt». Das lässt sich auf die Biografiearbeit übertragen - wobei es nicht bedeutet, dass man die negativen Ereignisse weglässt. Einsamkeit, Ängste, Trauer und so weiter muss man auch artikulieren können. Aber man sollte eben gleichzeitig auch immer die positiven Erlebnisse und Aspekte in den Blick nehmen.

Und spricht man dann nur darüber - oder sollte man die Ergebnisse der Arbeit auch dokumentieren?

Klingenberger: Wenn Biografiearbeit eine Schatzsuche ist, dann muss ich den Schatz auch heben - ich muss das Erarbeitete also irgendwie festhalten. Das kann ein Text sein, viele Menschen haben da aber gar nicht so den Zugang zu. Dann sind es eben Bilder oder Erinnerungsstücke, Muscheln von der Nordsee etwa oder das Taschentuch des Partners. Die kann man dann auch tatsächlich in eine Art Schatzkiste packen. Wir brauchen Erinnerungsanker.

Kann dann daraus auch mehr werden, also so eine Art Familiengeschichte?

Klingenberger: Man kann das Erarbeitete natürlich auch in eine Art Familienchronik packen. Im Mittelpunkt sollte aber immer stehen, was davon für den Menschen selbst greifbar ist.

Kann ich als Tochter oder Enkel die Biografiearbeit mit Oma oder Papa selber machen? Oder brauche ich dafür Fachkräfte?

Klingenberger: Jeder kann das probieren, auch Angehörige von Älteren. Wichtig ist nur immer, dass alles freiwillig ist. Wenn jemand gar nicht oder über bestimmte Dinge nicht sprechen will, dann ist es so. Manches ist einfach zu belastend für die Seele.

Jetzt sind Angehörige ja keine Unbeteiligten, sondern oft Teil der Lebensgeschichte. Was ist, wenn es da Streit gibt?

Klingenberger: Jeder erlebt seine persönliche Wahrheit und hat seine persönliche Sicht auf die Biografie - das gilt selbst für Geschwister, die im gleichen Elternhaus aufgewachsen sind. Es muss klar sein, dass es die eine biografische Wahrheit nicht gibt, und dass es darum auch nicht geht. Und als Angehöriger sollte ich mich vorher schon mal fragen, ob ich manche Sachen wirklich hören will. Das kann auch heikel werden, wenn es um die NS-Vergangenheit der Großeltern geht oder um Alkoholismus in der Familie. Ich bekomme bei der Biografiearbeit nicht immer nur schöne Geschichten erzählt.

Aber der Versuch lohnt sich trotzdem?

Klingenberger: Ja. Biografiearbeit ist Wurzelarbeit. Die Welt ist unsicher, vieles ändert sich - wenn man starke Wurzeln hat, kann man solche Stürme aber gut überstehen.

Veröffentlicht am:
20. 12. 2019
05:23 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
20. 12. 2019
05:23 Uhr



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