Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: 30 Jahre WiedervereinigungCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

 

Wenn Schulangst krank macht

Zehntausende Schüler leiden unter Schulangst - und gehen oft nicht zum Unterricht. Das Phänomen hat nichts mit Schwänzen zu tun. Aber verursacht viel Leid.



Schulphobie
Viele Schüler leiden unter Leistungsüberforderung, Prüfungsangst oder Mobbing. Das kann Folgen für die Gesundheit haben.   Foto: Helen Ahmad/dpa

Angst vor schlechten Noten, fiese Mitschüler, Stress - Schule kann für Kinder hart sein. Für manche ist es so schlimm, dass sie krank werden.

Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und Übelkeit können die Folge sein. Viele gehen dann gar nicht mehr zur Schule. Fachleute sprechen von Schulangst.

Für Schulpsychologen ist es ein alltägliches Thema. Etwa 3,5 Prozent der rund 11 Millionen Schulkinder in Deutschland sind laut DAK-Kinder- und Jugendreport 2018 von Schulangst und Schulphobie betroffen - Jungen etwas häufiger als Mädchen. Schulangst und Schulphobie haben aber nichts mit Schwänzen zu tun. Denn im Gegensatz zum Schwänzen wüssten Eltern in der Regel davon.

Schulphobie sei meist eine Trennungsangst und trete bereits ab der Einschulung auf, erklärt Astrid Holch, Oberärztin der Kinder- und Jugendpsychosomatik an der München Klinik Schwabing. «Die Schulangst bezeichnet die tatsächlichen konkreten Ängste in der Schule. Prüfungsangst, soziale Ängste, Ängste aufgrund von Leistungsüberforderung oder durch erlebtes Mobbing in der Schule.»

Unspezifische Anzeichen

Dass Schmerzen bei Kindern eine psychologische Ursache haben, ist nicht immer leicht festzustellen. Eltern veranlassen oft zahlreiche medizinische Untersuchungen, um eine körperliche Ursache für das Leiden ihres Kindes zu finden.

«Anfangs gibt es eher unspezifische Zeichen - Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Übelkeit, vielleicht auch Rückenschmerzen - so dass es mal hier und mal da etwas gibt», sagt Holch. Wichtig sei es für Eltern zunächst einmal, ihr Kind ernst zu nehmen, ergänzt Andreas Oberle, Leiter der Sozialpädiatrie am Olgahospital Stuttgart. «Ich merke ja, ob das eine zuordenbare Sache ist, und wenn ich das Gefühl habe, ich kriege es nicht sortiert, dann muss ich mir Rat holen.» Öffentlich wollen die meisten Familien nicht über das Thema sprechen.

Oft Psychotherapie gegen Schulphobie nötig

Die Ursachen für Schulangst und Schulphobie sind vielfältig. Man müsse verstehen, wie ein Kind tickt, meint Oberle. Neben individuellen Gründen wie einer psychischen Störung, einer Lese- oder Rechenschwäche, oder Angst vor Bestrafung, gibt es auch Gründe aus dem Umfeld des Kindes: Tod, Erkrankung, Trennung der Eltern, aber auch das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern.

Gerade bei Problemen zuhause könnten sich viele Kinder nur noch schwer auf den Unterricht konzentrieren: «Das Kind hat den Kopf überhaupt nicht mehr zum Lernen frei», sagt Gereon Schädler, Chefarzt Neuropädiatrie am Klinikum Josefinum in Augsburg.

In der Schule gibt es zudem oft enormen Druck. Schädler spricht von «krassen Leistungsanforderungen» - für Schüler und Lehrer zugleich. Wenn einem Kind Bewältigungsstrategien für stressige Situationen und Misserfolge fehlen, kann das die Schulangst begünstigen.

Um einem Kind mit Schulangst oder Schulphobie zu helfen, ist häufig eine Psychotherapie notwendig. Ob stationär oder ambulant hängt dabei vom Einzelfall ab. Eine Therapie dauert laut Schädler rund ein bis anderthalb Jahre.

Schrittweise Annäherung an Schulalltag

Neben einer klassischen Gesprächstherapie gibt es in der München Klinik Schwabing zahlreiche weitere Angebote für Jugendliche. In Musik-, Kunst- und Bewegungstherapien, in Gruppensitzungen oder bei gemeinsamen Ausflügen etwa zum Klettern oder zum Weihnachtsmarkt sollen die Jugendlichen einen Zugang zu ihren Gefühlen finden, eigene Grenzen überwinden und Vertrauen lernen.

Teil der Therapie ist auch das Herantasten an die Schule. «Die Annäherung zurück an die Schule erfolgt schrittweise. Manchmal geht der erste Schulbesuch nur bis zum Gebäude oder man sagt im Sekretariat «Hallo» und der Lehrer begrüßt einen», erklärt Holch.

Früh Hilfe in Anspruch nehmen

Oftmals kämen die Kinder aber erst zu einem therapeutischen Erstgespräch, wenn sie bereits mehrere Monate in der Schule gefehlt haben, so die Experten. Die Symptomatik und das Vermeiden habe sich bei ihnen verfestigt. «Grundsätzlich gilt: Je früher man sich professionelle Hilfe holt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Situation für die Betroffenen schnell wieder bessert», heißt es beim Schulpsychologische Dienst München.

Doch Schulangst ist nicht nur Sache der Kliniken und Schulen. Schädler sieht etwa Sportvereine als Ort, an dem ein Umgang mit Erfolgen und Misserfolgen gelernt und Selbstbewusstsein geschaffen werden kann. Und auch Eltern beeinflussen mit ihrem Verhalten ihre Kinder. Deshalb können sie in einer Beratung beim Schulpsychologischen Dienst nicht nur über ihr Kind nachdenken, sondern auch ihr eigenes Agieren hinterfragen. Holch sagt: «Meine Empfehlung wäre, mehr Mut zu machen. Eltern können sagen: «Ich glaube schon, dass du das schaffst! Und wenn es doch nicht ganz klappt, macht das nichts.»»

Veröffentlicht am:
06. 01. 2020
11:47 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Bauchweh Kinder und Jugendliche Kopfweh Psychische Erkrankungen Psychotherapie Schulangst Schulen Schulpsychologen Schülerinnen und Schüler Übelkeit
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Schultüten

03.08.2020

Corona-Einschränkungen für Kinder werden bleiben

Regelbetrieb nach den Sommerferien: Das klingt für die neuen Erstklässler erstmal gut. Ein Experte erklärt, warum Eltern und Kindern wegen Corona trotzdem mit Einschränkungen rechnen müssen. » mehr

Schwimmabzeichen in Bronze

23.06.2020

Wann ist mein Kind ein sicherer Schwimmer?

In den Sommerferien packen viele Kinder die Badesachen ein und fahren zum See oder ins Freibad. Nicht immer können die Eltern mit. Doch nicht alle Kinder sollte man ohne elterliche Aufsicht ins Wasser lassen. » mehr

Digitales Lernen in Schulen

19.08.2020

Wie Corona das schulische Lernen verändert hat

«Alles eher analog als digital» - so erlebt eine Lehrerin auf dem Land den Schulalltag. Doch die Corona-Krise zwang die Schulen dazu, Neues auszuprobieren, Videokonferenzen zum Beispiel. Wie digital ist Schule inzwischen... » mehr

Senioren als Streitschlichter

20.02.2020

Senioren als Streitschlichter auf dem Schulhof

Hänseleien unter Mitschülern, Streit im Klassenzimmer: Dutzende Senioren sind an hessischen Schulen als Streitschlichter tätig. Manchmal stoßen die Mentoren aber auch an ihre Grenzen. » mehr

Schüler auf dem Schulhof

04.08.2020

So bleibt der Schülerrücken gesund

Bücher, Hefte und Brotdose müssen in die Schule geschleppt werden - und Hausaufgaben daheim im Kinderzimmer erledigt werden. Beides sind Tätigkeiten, die auf den Rücken gehen. Wie steuert man gegen? » mehr

Kinder in der Corona-Krise

27.04.2020

Sind Kinder die Verlierer der Corona-Krise?

Zusammen spielen, Regeln einhalten, Konflikte lösen: Beim Umgang mit Gleichaltrigen lernen Kinder soziale Kompetenzen. Doch die Corona-Maßnahmen erlauben ihnen zurzeit keine Kontakte mit anderen Kindern. Experten warnen ... » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
06. 01. 2020
11:47 Uhr



^