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Corona-Abi-Generation muss improvisieren

Vielen Abiturienten hat Corona nicht nur den Abiball verhagelt, sondern auch lang ersehnte Träume platzen lassen. Die Generation zeigt nach Einschätzung von Jugendforscher Hurrelmann in der Krise jedoch Talent zur Improvisation - und Lässigkeit.



Abi-Schriftzug im Mindestabstand
Trotz der Corona-Bedingungen haben auch 2020 viele Schüler das Abitur erreicht. Doch der Start ins Studium oder in die Ausbildung stellt junge Menschen in diesem Jahr vor einige Probleme.   Foto: Axel Heimken/dpa

Das Coronavirus hat die Pläne der Trierer Abiturientin Madani Arulsamy durchkreuzt. «Seit ich 13 Jahre alt war, wollte ich in einem Waisenhaus in Indien ein Freiwilliges Soziales Jahr machen», berichtet die 19-Jährige, deren Großeltern väterlicherseits aus Indien stammen.

Lucas Fomsgaard musste seine Reisepläne auch aufgeben: «Ich wollte seit einigen Jahren mit meiner Oma einen Monat durch Norwegen reisen», berichtet der 19-Jährige aus dem rheinhessischen Weinort Ockenheim. «Das hatte sie eigentlich mit ihrem verstorbenen Mann machen wollen.» Die Möglichkeit, einen ganzen Monat auf Reisen zu gehen, sei zwischen Abitur und Studienbeginn einmalig gewesen.

Schulabschluss ohne Abschied

Der ausgefallenen Abifeier trauern beide auch hinterher. Von vielen Mitschülern und einigen Freunden habe sie sich nach dem mündlichen Abitur Ende März noch nicht einmal mehr verabschieden können, erzählt die junge Frau. Das Abiturzeugnis kam mit der Post. Der Abiball und andere Feiern fielen aus - bis auf ein nettes virtuelles Abschiedsfest - organisiert von einigen Lehrern.

«Die Feiern waren seit 15 Jahren immer intensiver und üppiger geworden, was man zum Beispiel an den festlichen Kleidern und den teuren Locations ablesen konnte», stellt Jugendforscher Klaus Hurrelmann fest. «Damit wollte man symbolisch zum Ausdruck bringen, was für einen wichtigen Lebensabschnitt man geschafft hat. Das fällt jetzt weg, und auch ansonsten gibt es wenig öffentlich sichtbare Rituale, um der Welt mitzuteilen, dass man einen großen Meilenstein hinter sich gebracht hat.» Dies habe aber auch gute Seiten: «Die Überdrehtheit und Überdimensionierung der Feiern wird jetzt im Rückblick deutlich.» Viele Reisen seien in den vergangenen Jahren immer häufiger in ein volles «Gap Year» (Lückenjahr) ausgeartet. «Auch hier ist jetzt Bescheidenheit Trumpf, und viele wissen das zu genießen.»

Zur Ruhe kommen lässt sich auch in Deutschland

Lucas Fomsgaard formuliert eine positive Erfahrung aus der Corona-Zeit denn auch so: «Deutschland hat viele schöne Ecken, und die lohnt es auch, kennenzulernen.» Und: «Nach dem Abitur-Stress ist es auch ganz gut, in der Heimat mal zur Ruhe zu kommen und sich zu überlegen, was will ich wirklich, als gleich auf die andere Seite der Welt zu fliegen.»

Jean Matthias Dilg aus der Pfalz hat seine Reisepläne auch gestrichen, nahm das Angebot von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) an und meldete sich als Erntehelfer. Rund zehn Wochen lang habe er Spargel gestochen. «Ich bin aber kein Einzelschicksal», sagt der 18-Jährige. «Andere aus meinem Jahrgang haben Erdbeeren oder Salat geerntet.» Dazu seien Studenten gekommen und Au-pairs, die wegen Corona aus dem Ausland zurückkehren mussten. «Wir haben uns alle auf dem Acker getroffen.»

Die Abiturienten müssten in diesem Jahr tatsächlich alle improvisieren, sagt Hurrelmann. Dabei zeige diese Generation, wie gut sie improvisieren und wie lässig sie mit einer Krise umgehen könne.

Vorbereitung auf das Studium

Erntehelfer Dilg bereitet sich jetzt auf sein Mathestudium vor. «Anders als frühere Abiturjahrgänge machen viele kein ganzes Jahr Pause, weil sie in der Zeit vieles nicht machen können und auch nicht zu Hause rumhängen wollen», sagt er.

Madani Arulsamy, die Ärztin werden will, entschied sich auch, das Studium ein Jahr vorzuziehen und schon im Mai den Medizinertest abzulegen. Doch auch dieser wurde verschoben. «Also habe ich nach Alternativen gesucht.» Das Aufnahmeverfahren für eine Ausbildung als Notfallsanitäterin zog sich wegen Corona hin. Doch die junge Frau ließ nicht locker und hat inzwischen neue Pläne: Nach dem Medizinertest plant sie ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Waldorfschule in Südspanien.

«Die Zeit, in der sich alles verzögert hat und es keine Rückmeldungen von verschiedenen Stellen gab, war für mich schwer zu ertragen», erinnert sie sich. Lucas Fomsgaard hat sich auch öfter gefragt: «Was mache ich jetzt mit dieser ganzen Zeit bis zum Wintersemester?»

Wie geht das Leben jetzt weiter?

Für die Abiturienten seien eine Reihe fester und selbstgestalteter Rituale weggefallen - vom Abiball über den Abigag bis hin zur Orientierungswoche an der Uni, sagt der Koblenzer Erziehungswissenschaftler Thorsten Fuchs. «Solche Markierungen sind von zentraler biografischer Relevanz. Wenn sie wegfallen, bekommen junge Leute schnell das Gefühl, dass sich in ihrem Leben nichts tut, dass es nicht weiter geht.»

Anders als viele Gleichaltrige, für die die Jobs etwa in der Gastronomie und im Einzelhandel wegbrachen, fand Lucas Fomsgaard jedoch eine bezahlte Beschäftigung und ist froh über diese Erfahrungen, «die ganz praktisch auf das Leben vorbereiten». Er bedauert jedoch auch, dass die Vorkurse für sein duales Studium virtuell sind, weil sich über die Internet-Schalten keine neuen persönlichen Kontakte knüpfen ließen.

Viele Abiturienten des Corona-Jahrgangs müssten auf das Gemeinschaftsgefühl und das direkte Gespräch bei den Studieneinführungen verzichten, sagt Fuchs. Dies lasse sich nicht mehr unmittelbar kompensieren oder nachholen genauso wie ein Auslandsjahr. «Die aktuelle Generation ist pragmatisch orientiert und möchte in einer bestimmten Zeit ihre Lebensziele realisieren.» Es sei sehr unwahrscheinlich, dass sie nach dem zweiten oder dritten Semester noch einmal ein Auslandsjahr einlegten, wie sie es nach dem Schulabschluss vorhatten.

© dpa-infocom, dpa:200710-99-742973/2

Veröffentlicht am:
10. 07. 2020
11:23 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
10. 07. 2020
11:23 Uhr



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