Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: Urlaub daheimCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

 

Führt die Corona-Krise bei vielen Paaren zum Aus?

Die Krise schweißt zusammen, sollte man meinen. Oder doch nicht? Für viele Ehen könnten der sogenannte Lockdown, Homeoffice und Schulschließungen der letzte große Beziehungstest gewesen sein - und das Aus bedeuten. Aber es gibt auch noch einen ganz anderen Effekt.



Streit
Für manche Paare fiel während der Lockdown-Phase die Entscheidung, sich scheiden zu lassen.   Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Mehr Zeit für die Familie, für den Partner, raus aus dem beruflichen Hamsterrad - viele dürften sich das gewünscht haben. Jedenfalls vor dem Corona-Stillstand.

Aber mal ehrlich: Während der Corona-Beschränkungen den ganzen Tag mit dem Partner verbringen, umgeben von quengelnden Kindern, die Hilfe beim Homeschooling (Hausunterricht) brauchen, die eigene Arbeit zu Hause im Homeoffice - das war mehr, als so mancher sich gewünscht hat. Oder verkraften konnte.

Der ultimative Stresstest?

War die Pandemie für Partnerschaften der ultimative Stresstest, stehen wir vor einer Scheidungswelle? Erst in einem Jahr, nämlich nach dem Trennungsjahr, dürfte klar sein, ob das stimmt. Einer Umfrage zufolge könnte die Zahl aber spürbar steigen.

Seit Mitte März registrierte die Berliner Familienrechtlerin Alicia von Rosenberg «unheimlich viele Anfragen» zu Scheidungen. Und während früher die Voraussetzungen erfüllt und das obligatorische Trennungsjahr absolviert waren, ist diesmal alles anders: «Die Leute hatten sich gerade erst getrennt und sich nicht informiert, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen.»

Maren Otto, Paar-Therapeutin in Hannover, sprach von «größerem Andrang», die Anfragen stiegen um etwa ein Viertel - ausgerechnet in der Zeit, als Therapeuten wegen der Pandemie nicht arbeiten durften und telefonisch berieten. Normalerweise gebe es ein «Sommerloch», eine Zeit, in der die Menschen lieber in den Urlaub führen und keine Lust auf Paar-Coaching hätten: «Das war diesmal völlig anders.»

Rainer Bugdahn von der Hauptstelle für Lebensberatung der evangelischen Landeskirche Hannover sieht zwei klare Tendenzen: Im Corona-Lockdown hätten Familien mehr Zeit gehabt, miteinander zu reden - daher gebe es keinen akuten Beratungsbedarf. Bei anderen verschärften sich dagegen die Paar-Konflikte. Der Grund: Sie mussten mehr Zeit zusammen verbringen, während Kommunikationsfähigkeit und -wille gering seien. «Welche Tendenz die stärkere ist, kann ich nicht benennen, da uns noch keine belastbaren Zahlen vorliegen», sagte er. Aber offensichtlich habe der sogenannte Lockdown dazu geführt, dass in Familien insgesamt mehr miteinander gesprochen werde - viele Paare hätten deshalb weniger Beratungsbedarf.

Entscheidung über Trennung

Bei anderen dagegen wuchs der Bedarf: Ein Paar habe ihr erklärt, der Lockdown sei erstmals seit Jahren eine Chance gewesen, sich um alles zu kümmern - auch um rechtliche Fragen wie eine Scheidung, sagte von Rosenberg. «Bei manchen ist das die Hürde, eine Scheidung anzugehen: Jetzt hat man auf einmal Zeit.» Bei anderen habe sie bemerkt, dass es «geknallt» haben musste - der verordnete Rückzug in die eigenen vier Wände brachte die Entscheidung: Ich muss mich trennen.

Möglicherweise kein Einzelfall: Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey zufolge wird sich die Zahl der Scheidungen in Deutschland wegen der Corona-Beschränkungen voraussichtlich um ein Fünffaches erhöhen. Demnach sagten 2,2 Prozent der rund 2500 Befragten, zwischen Ende März und Ende Mai beschlossen zu haben, sich scheiden zu lassen. In einem Zwei-Monats-Zeitraum 2018 seien es nur 0,42 Prozent aller Verheirateten gewesen.

Bei den Gerichten schlägt sich dies aber noch nicht nieder. Denn falls es zu Trennungen in der Corona-Zeit gekommen sein sollte, würden die Scheidungen erst im nächsten Frühjahr eingereicht werden können, weil das Trennungsjahr abgewartet werden müsse, erklärte ein Sprecher des Amtsgerichts Hannover.

Einen Ausblick auf das, was kommen könnte, geben aber Presseberichte über die Lage in China: Dort soll für viele Paare der erste Weg in Freiheit nach der Quarantäne zum Scheidungsanwalt geführt haben.

Wieso ist das so? Maren Otto erklärte, besonders Paare mit Kindern seien in «krisenhafter Situation»: Kinder im Homeschooling, dazu Mutter und Vater im Homeoffice. Und wenn Absprachen nicht funktionierten, führe das zu großen Enttäuschungen. Viele Männer hätten sich mit dem Argument, Vollzeit zu arbeiten, zurückgezogen und die Frauen mit den Kindern und der eigenen Arbeit allein gelassen. Die Krise habe die traditionelle Rollenverteilung verfestigt, kritisierte sie. Bugdahn sagte, der Bedarf an Familienberatung bei Eltern-Kind-Konflikten - Stichwort «Homeschooling» - sei «merkbar gestiegen». Eltern seien manchmal überfordert und «mit ihrem Latein am Ende».

Lockdown als «Brandbeschleuniger»

Und der Lockdown habe «wie ein Brandbeschleuniger» gewirkt, erklärte Otto. Denn mancher fühlte sich daheim eingesperrt, und wo es in der Partnerschaft ohnehin kriselte, kochte die Auseinandersetzung hoch. Das Problem: «Paar-Therapie per Telefon ist sehr schwer», erklärte die Therapeutin. «Es geht um Vertrauen.» Bei vielen älteren Paaren sei die Lage ernst, wenn sie zur Therapeutin kommen: «Die Therapie ist der letzte Versuch.»

Doch möglicherweise kommt es nicht so schlimm wie befürchtet: Eine Mandantin habe erst einmal abgesehen von der endgültigen Trennung, sagte von Rosenberg. Der Grund: In der Zeit des Lockdowns wurde der Kontakt zu ihrem Ehemann viel besser. Da hatte die Corona-Krise ganz unerwartet auch ihr Gutes.

© dpa-infocom, dpa:200714-99-783491/3

Veröffentlicht am:
14. 07. 2020
12:17 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Ehe Ehegatten Eltern Evangelische Kirche Familien Familienberatung Krisen Lebensberatung Mütter Probleme und Krisen Scheidung
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


Mehr zum Thema
Iventa Karl und Robert Prade

01.04.2020

Getrennte Liebe in Zeiten des Coronavirus

Liebe über Grenzen hinweg ist in Europa längst keine Seltenheit. Doch immer mehr Länder igeln sich wie Tschechien im Kampf gegen das Coronavirus ein. Viele Paare leiden unter Unsicherheit und Trennungsschmerz. » mehr

Was ein Outing für Eltern bedeutet

11.09.2020

Was ein Outing für Eltern bedeutet

«Ich liebe das gleiche Geschlecht»: Ein ganz normaler Satz, der manche Eltern hilf- und ratlos macht. Was ihnen helfen kann? Die Erkenntnis, dass sich an der Liebe zum Kind dadurch nichts ändert. » mehr

Mutter und Kind

17.07.2020

Eltern sollten dem Kind nicht jede Aufgabe abnehmen

Es steckt in Kindern drin, Dinge selbst machen zu wollen. Doch manche Väter und Mütter lassen das kaum zu - aus Vorsicht oder Bequemlichkeit. Warum dieses Verhalten dem Nachwuchs schadet. » mehr

Kinder nutzen Smartphones

09.07.2020

Macht das Smartphone krank?

Während der coronabedingten Einschränkungen ermöglichten digitale Medien Jugendlichen das Homeschooling und den Austausch mit Freunden. Doch Smartphone und Co. haben nicht nur Vorteile, warnen Experten. » mehr

Kinder in der Corona-Krise

27.04.2020

Sind Kinder die Verlierer der Corona-Krise?

Zusammen spielen, Regeln einhalten, Konflikte lösen: Beim Umgang mit Gleichaltrigen lernen Kinder soziale Kompetenzen. Doch die Corona-Maßnahmen erlauben ihnen zurzeit keine Kontakte mit anderen Kindern. Experten warnen ... » mehr

Mutter mit Kind

17.04.2020

Keine Kita-Betreuung: Übernehmen eher Mütter den Doppeljob?

Die Corona-Notbetreuung für Kinder wird nun ausgeweitet, das entlastet manche Eltern. Aber viele müssen sich weiter rund um die Uhr um ihren Nachwuchs im Kita-Alter kümmern. Eine echte Nervenprobe - die Mütter noch härte... » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
14. 07. 2020
12:17 Uhr



^